Titelfoto: Tobias Sutter
Seit mehr als drei Jahrzehnten prägen In Extremo mit ihrer Mischung aus Dudelsäcken, Schalmeien, Drehleier, Harfe und kraftvollen Gitarrenriffs die Musiklandschaft. Historische Instrumente, mittelalterliche Melodien und alte Texte verschmelzen bei den Berlinern mit modernem Rock und Metal zu einem unverwechselbaren Sound. Legendär sind auch ihre spektakulären Live-Auftritte: energiegeladen, emotional und geprägt von aufwendiger Pyrotechnik, großer Spielfreude und einer besonderen Nähe zum Publikum.
Beim Festival Mediaval 2026 in Selb stehen In Extremo am 12. September als einer der Headliner des Wochenendes auf der Bühne. Das Konzert Ende August am Wasserschloss Klaffenbach Chemnitz ist bereits ausverkauft. Im Interview erzählt Bassist Kai „Die Lutter“ Lutter von der besonderen Beziehung der Band zum Festival Mediaval, blickt auf 30 Jahre In Extremo zurück, spricht über die Faszination mittelalterlicher Musik und verrät, warum die Band auch nach unzähligen Konzerten und Millionen begeisterten Fans noch immer mit derselben Leidenschaft auf die Bühne geht.
Ihr spielt auf vielen großen Rock- und Metalfestivals – was macht das Festival Mediaval für euch besonders?
Auf den ersten Blick ist das Festival natürlich eines von vielen. Das Besondere am Festival Mediaval ist allerdings, dass es sich sehr speziell an die Mittelalterfans richtet. Das unterscheidet dieses Festival schon sehr deutlich von Festivals wie dem M’era Luna in Hildesheim oder auch dem WGT in Leipzig – auch wenn die Schnittmenge des Musikgeschmacks natürlich sehr groß ist.
Findet man euch bei einem Festival auch auf dem Gelände?
In der Regel schon, denn wir sind natürlich nicht nur Musiker, sondern auch Fans. Das ist ja die Szene, aus der wir ursprünglich stammen. Generell ist das Gute an Festivals natürlich, dass man sich selbst eine Menge Bands ansehen kann, die einen interessieren (oder aber auch gar nicht auf dem Schirm hatte, auch das kommt natürlich vor). Dieses Privileg nutzen wir natürlich schamlos aus, wenn wir schon mal da sind.
Funktioniert In Extremo auf einer Burg anders als in einer klassischen Arena?
Die Stimmung auf einer Burg ist definitiv etwas anderes und die Leute lieben es, uns an solchen Orten zu sehen. In klassischen Arenen ist dafür oft der Ton besser, die Bühne größer und es gibt weniger Bestimmungen zum Beispiel durch die Feuerwehr. Das hat alles Vor- und Nachteile. Aber das Burgenumfeld nimmt mich persönlich mehr mit.
Gibt es Orte, an denen ihr selbst jedes Mal Gänsehaut bekommt?
Da kann ich leider nicht für alle sprechen. Aber ich bekomme Gänsehaut an Orten, wo musikalische Geschichte passiert ist, wie zum Beispiel auf der Loreley oder dem “Whiskey a gogo” in Los Angeles. Das macht schon etwas mit einem selbst.
Ist für euch die Balance zwischen Festivals und eigenen Konzerten ein Thema und wenn ja wichtig?
Wir denken darüber kaum nach. Allerdings hat man bei eigenen Konzerten 100% die Kontrolle über das Geschehen, was bei Festivals oft nicht der Fall ist. Dafür knüpft man auf Festivals Kontakte zu anderen Musikern und Veranstaltern und erreicht teilweise ein Publikum, was man sonst wohlmöglich nicht erreichen würde.
Gibt es ein Instrument, das ihr euch bis heute nicht getraut habt einzubauen – obwohl es euch schon lange reizt?
Eigentlich nicht. Wir hantieren ja mit vielen Instrumenten, die uns reizen. Mittlerweile probiert man die Sounds aber eher auf dem Rechner aus. Was nutzt es einem Song, dem zum Beispiel eine Sitar gut zu Gesicht stehen würde, wenn ich dafür erst zehn Jahre üben muss? So gesehen gibt es bei uns wohl kaum ein Instrument, was nicht in der einen oder anderen Form zu hören ist. Meine Sitar hängt allerdings immer noch an der Wand und wartet auf ihren ersten Einsatz.
Gibt es Genres, mit denen ihr gerne einmal experimentieren würdet?
Wir experimentieren ja schon mit allen Genres, die uns interessieren. Wenn man das als Musiker nicht tut, dann ist man irgendwo falsch abgebogen. Stets mit offenen Ohren durch die Welt zu laufen ist einfach notwendig.
Gibt es Songs, die ihr inzwischen lieber akustisch als elektrisch spielt?
Definitiv nein. Bei uns vermischen sich ja ohnehin extrem.
Was vermisst ihr aus den Anfangsjahren überhaupt nicht und was wünscht ihr euch zurück?
Manchmal wünscht man sich ein Stück dieser Naivität zurück, mit der man manchmal Dinge angegangen ist. Was ich mir nicht zurückwünsche: Geizige und unfreundliche Veranstalter, die in die Kasse greifen und die Bands bescheißen, tagelanges Unterwegssein im Band-Van, miserables Catering, ständige Grenz- und Polizeikontrollen, miese Unterkünfte, miserable Anlagen… Doch wir haben das alles vorher bewusst in Kauf genommen. Ich glaube, wenn man diese Sachen nicht durchgemacht hat, dann wird es schwer all das zu schätzen, was danach kommt…
Habt ihr vielleicht eine Tradition oder ein Ritual innerhalb der Band, die/das in all den Jahren unverändert geblieben ist?
Wir geben uns die Hände und schreien. Das machen wir nun schon seit über 30 Jahren.
Wenn ihr nur einen einzigen Song spielen dürftet, der perfekt erklärt, wer In Extremo heute ist – welcher wäre das?
Solch einen Song gibt es nicht, denn ich glaube, dass sich diese Band nicht nur durch die Musik erklären lässt.
Stellt euch vor, ihr dürftet einen einzigen Menschen aus der Geschichte zu einem In-Extremo-Konzert einladen. Wer wäre das – und warum gerade diese Person?
Weißt du, wir sind sechs gleichberechtigte Typen in dieser Band. Die Frage ist zwar interessant, führt aber zu nichts. Nur so viel kann ich wohl sagen: Es wäre keine Person aus dem Mittelalter. Wenn ich mir allerdings meine ältesten Freunde in der Band so ansehe, wie zum Beispiel unseren Sänger, mit dem ich schon seit meiner Jugend befreundet bin und auch seit dieser Zeit Musik mache, dann wäre es einer unserer Helden, die viel zu früh gestorben sind. Ich glaube wir würden uns auf Jim Morrison von The Doors einigen. Ziemlich sicher sogar. Das war ein Typ, der uns wahnsinnig inspiriert hat.
Alle Tourdaten: In Extremo LIVE
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In Extremo: “Stets mit offenen Ohren durch die Welt zu laufen ist einfach notwendig.”

