Wenn man Horst Schöne so begeistert über Pflanzen, Gärten und seine zahlreichen Reisen sprechen hört, kommt man kaum auf die Idee, dass der Mann in diesem Jahr 80 wird. Von Ruhestand ist bei ihm jedenfalls wenig zu spüren. Noch immer entdeckt er neue Pflanzen, erkundet Gartenanlagen und gibt seine Begeisterung für die grüne Welt an andere weiter. Und wenn er erst einmal ins Erzählen kommt, wird schnell klar: Für Horst Schöne ist ein Garten weit mehr als ein Stück gepflegtes Grün.
1946 geboren, wuchs er auf einem Bauerngehöft in der Sächsischen Schweiz auf, absolvierte zunächst eine Gärtnerlehre und studierte anschließend Gartenbau. Während andere zu DDR-Zeiten Strumpfhosen, Feinkost oder Kaffee schmuggelten, waren in seinem Gepäck oft Pflanzen zu finden, die er über die Grenze brachte. Nach der Wende wurde ihm als Parkleiter die Pflege des egaparks anvertraut. Trotz finanzieller Widrigkeiten hielt er das pflanzliche und gärtnerische Niveau hoch, entwickelte den Park weiter, kreierte neue Gartenareale und holte Pflanzen nach Thüringen, von denen man bislang nur hatte träumen können.
Seit 1995 begleitet Horst Schöne Reisen in die Traumgärten vieler europäischer Länder, Südafrika oder Japan. Im Jahr 2000 meldete sich der MDR bei ihm. Einem breiten Publikum wurde er als Gartenexperte der Fernsehsendung „MDR Garten“ bekannt, die er von Beginn an begleitete. Auch im MDR-Radio beantwortete er mehr als zwei Jahrzehnte lang am „Grünen Telefon“ die Fragen von Hobbygärtnern.
Heute lebt er in Weimar, schreibt Gartenbücher, hält Vorträge und begleitet weiterhin Gartenreisen. Sein eigener Garten ist dabei längst zu einem kleinen Paradies geworden. Dass er mit seiner Begeisterung auch andere anstecken kann, merkt man spätestens dann, wenn er von einer regennassen Baumrinde oder einem mit Raureif überzogenen Gras erzählt.
Mit seinem neuen Buch „Zwischen Raureif und Immergrün” will er Magie des Winters im eigenen Garten zeigen. Auf 192 Seiten zeigt er, wie Gehölze, Gräser, Moose, Farne und winterblühende Pflanzen selbst an frostigen Tagen für überraschende Bilder sorgen können. Im Interview spricht Horst Schöne über die Schönheit des Unscheinbaren, die Zukunft unserer Gärten, seine Liebe zum Efeu:
Wenn im November die Blätter gefallen sind, erklären viele Hobbygärtner die Saison für beendet. Ist der Winter aus Ihrer Sicht die unterschätzteste Jahreszeit im Garten?
Absolut! Früher war der November für den normalen Gartenfreund der Zeitpunkt des Rückzugs. Da wurde alles zurückgeschnitten, der Garten umgegraben, und dann hat man sich auf Weihnachten gefreut. Den Garten hat man kaum noch angeschaut, bis man ihn irgendwann im März wieder begrüßt hat. Der Winter war überhaupt kein Thema. Dabei haben bedeutende Gärtner schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, wie viel sich auch in dieser Jahreszeit gestalten lässt. Aber offensichtlich haben das viele nicht für bare Münze genommen. Dieses Thema beschäftigt mich schon lange.
Was sieht ein erfahrener Gärtner in einem winterlichen Garten, das ein Laie möglicherweise übersieht?
Es gibt eine unglaubliche Fülle von Pflanzen, die im Winter etwas zu bieten haben. Da sind die immergrünen Gehölze und Stauden, die winterblühenden Gehölze und natürlich Pflanzen mit besonderem Fruchtschmuck. Man muss auch einmal auf die Details achten. Die Rinden beispielsweise werden häufig kaum beachtet. Dabei gibt es fantastische Sachen! Denken Sie an die leuchtenden Zweige mancher Hartriegel. Wenn man sie in Gruppen pflanzt, leuchten sie einem förmlich durch den Winter entgegen. Oder nehmen Sie eine Platane nach dem Regen. Ich habe für mein neues Buch ein Foto davon gemacht. Dieser Stamm sieht einfach traumhaft aus. In England ist man da schon viel weiter. Dort gibt es sogar einen Trend, Gärten ganz bewusst für den Winter zu gestalten. Ich war mehrfach zur Schneeglöckchenblüte dort. Es ist unglaublich, was zu dieser Zeit schon alles los ist. Mit meinem Buch möchte ich die Menschen auf solche Dinge aufmerksam machen und meine Begeisterung weitergeben. Es enthält ungefähr 24 Kapitel, in denen es nicht nur um Pflanzen geht, sondern auch um viele kleine Beobachtungen und praktische Möglichkeiten, die man im eigenen Garten umsetzen kann.
Im Sommer können Blüten und üppiges Grün viel überdecken. Zeigt sich erst im Winter, wie gut ein Garten tatsächlich gestaltet ist?
Ein Garten braucht im Winter eine gewisse Struktur. Die kann man mit Gehölzen und immergrünen Pflanzen sehr gut schaffen. Ich habe beispielsweise verschiedene Gehölze so miteinander kombiniert, dass sie eine schöne Herbstfärbung entwickeln. Das ist gewissermaßen die Einladung zum Winter. Danach übernehmen andere Pflanzen die Hauptrolle. Man kann mit Gehölzen, ihren Wuchsformen und den unterschiedlichen Strukturen unglaublich viel erreichen. Wenn man das bei der Gestaltung berücksichtigt, bleibt der Garten auch in den Wintermonaten attraktiv. Wir reden schließlich nicht nur über den Januar und Februar. Der Zeitraum, in dem die klassische Blütenfülle fehlt, umfasst ungefähr fünf Monate. Das ist eine lange Zeit, die man bei der Gartengestaltung nicht einfach außer Acht lassen sollte.
Gibt es Pflanzen, deren eigentliche große Stunde für Sie tatsächlich erst mit Frost oder Raureif kommt?
Für mich sind das vor allem die Gräser. Wenn sie mit Raureif überzogen sind, sehen sie einfach wunderbar aus. Ich habe dem Raureif im Garten sogar ein eigenes Kapitel gewidmet und darin auch ein entsprechendes Gräserfoto aufgenommen. Wenn so ein Gras im Nebel steht und sich seine Gestalt langsam abzeichnet, ist das schon etwas Besonderes. Und wenn dann noch Raureif dazukommt! Aber es müssen gar nicht immer außergewöhnliche Pflanzen sein. Manchmal sind es ganz unscheinbare Gewächse am Wegesrand, Blätter oder Zweige, die durch den Raureif plötzlich zu wunderschönen kleinen Kunstwerken werden. Das Faszinierende daran ist auch die Vergänglichkeit. Man steht davor und denkt: Wie schön ist das denn? Drei oder vier Stunden später ist alles wieder vorbei. Für das Buch bin ich einmal extra losgefahren nach Erfurt in den egapark , weil die Bedingungen gerade so schön waren. Ich hatte ungefähr eineinhalb Stunden Zeit, um die Bilder aufzunehmen. Solche Momente muss man einfach nutzen. Auch Schnee kann einen Garten vollkommen verwandeln. Ich habe einmal im Haus von Karl Foerster in Potsdam übernachtet und am nächsten Morgen aus dem Fenster geschaut. Der Garten sah aus wie ein Märchen.
Wo kollidieren Ihrer Meinung nach unser Wunsch nach einem „ordentlichen“ Garten und die Bedürfnisse der Natur?
Man muss die Natur einfach wieder mehr in den Garten hineinlassen. Der vollkommen aufgeräumte Garten hat aus meiner Sicht keine Zukunft. Ich habe bei mir beispielsweise Rasenflächen, auf denen Schafgarbe und andere Pflanzen wachsen. Einen klassischen englischen Rasen gibt es bei mir nicht. Ich bin ohnehin der Meinung, dass wir uns von diesem Ideal zunehmend verabschieden müssen. Ein Garten darf eine gewisse Grundstruktur haben. Aber innerhalb dieser Struktur sollte man den Pflanzen auch Freiräume geben. Ich habe viele insektenfreundliche Pflanzen, die ich bewusst stehen lasse. Man muss nicht im Herbst alles abschneiden und wegräumen. Hinzu kommt der Klimawandel. Ich sage den Teilnehmern meiner Gartenreisen schon seit Langem, dass wir unsere Gärten langsam umbauen müssen. Wir müssen uns auf längere Trockenperioden einstellen. Gleichzeitig kann es auch einmal wieder extrem kalt werden. Man kann Pflanzen schützen, aber wir müssen insgesamt umdenken. Die Gestaltung unserer Gärten wird sich in den nächsten Jahren zwangsläufig verändern.
Ist „Raureif & Immergrün“ auch ein bisschen der Versuch, Hobbygärtner davon zu überzeugen, ihren Garten nach dem Herbst nicht einfach abzuschreiben?
Ja, natürlich. Man muss die Menschen dafür sensibilisieren, dass sie auch im Winter etwas aus ihrem Garten machen können. Es gibt erstaunlich wenig Literatur, die sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. Dabei ist das Angebot an geeigneten Pflanzen riesig. Nehmen Sie beispielsweise die Stechpalmen. Die Engländer verwenden sie sehr gern, auch wegen ihres Fruchtschmucks. Damit bekommt man gleich eine Verbindung zur Advents- und Weihnachtszeit. Oder denken Sie an die vielen immergrünen Gehölze. Natürlich gibt es beispielsweise beim Buchsbaum inzwischen erhebliche Probleme mit Krankheiten und Schädlingen. Aber es gibt zahlreiche andere Möglichkeiten. Ich möchte mit dem Buch zeigen, wie man einen Garten über das ganze Jahr hinweg attraktiv gestalten kann. Dazu gehören auch ganz praktische Tipps, die jeder im eigenen Garten umsetzen kann.

Wenn Sie einen Menschen, der den Winter im Garten bislang nur grau, kahl und langweilig findet, mit einem einzigen Argument vom Gegenteil überzeugen müssten – welches wäre es?
Man muss lernen, die Kleinigkeiten zu sehen, an denen man sonst einfach vorbeigeht. Es gibt unglaublich schöne Pflanzen für den Winter. Die muss man nur entdecken und entsprechend einsetzen. Ich vergleiche das gern mit einem wertvollen Musikinstrument. Wenn ich eine Stradivari besitze und sie nicht spiele, sondern einfach nur irgendwo stehen lasse, habe ich auch nichts davon. So ähnlich ist es mit dem Garten. Die Möglichkeiten sind da. Man muss sie nur nutzen.
Gibt es für Sie eine Pflanze, die für Sie persönlich unübertroffen ist?
Ich habe in meinem Buch dem Efeu ein ganzes Kapitel gewidmet. Das ist wirklich eine meiner Lieblingspflanzen. Viele Menschen wollen ihn ständig aus ihrem Garten entfernen. Dabei gibt es etwa 100 Sorten. Und er ist ökologisch ausgesprochen wertvoll. Besonders interessant ist die Altersform. Sie blüht im September, und dann sitzen Tausende Bienen darauf. Später entwickeln sich die Früchte, die wiederum für die Vögel interessant sind. Außerdem gibt es wunderschöne Blattformen und ganz unterschiedliche Möglichkeiten, Efeu einzusetzen. Wenn ich hier in Weimar durch die Straßen gehe und mir vorstelle, dass es an manchen Stellen keinen Efeu mehr gäbe, wäre das wirklich ein Verlust. Natürlich muss man ihn im Garten auch im Zaum halten. Wenn man überhaupt nichts macht, kann er irgendwann überhandnehmen. Aber das ist kein Grund, grundsätzlich auf ihn zu verzichten.
Durch Fernsehen und Radio wurden Sie für viele Menschen zum Gartenexperten, den man gewissermaßen persönlich kannte. Wurden Sie irgendwann auch beim privaten Einkauf mit kranken Rosen, Blattläusen und braunen Rasenflächen konfrontiert?
Früher hat man mich an meiner Stimme erkannt. Ich habe 22 Jahre lang das „Grüne Telefon“ gemacht. Die Menschen haben mich natürlich auch persönlich angesprochen und um Ratschläge gebeten. Heute spielt das vor allem bei meinen Gartenreisen eine Rolle. Dort gibt es gewissermaßen wieder ein grünes Telefon. Die Menschen können mir ihre Fragen rund um den Garten stellen, und ich beantworte sie persönlich. Das gehört für mich einfach dazu. I
Liegt Ihr Fokus in Ihrem eigenen Garten auf Pflanzenvielfalt und Schönheit oder Nutzgarten?
Mein Garten ist fast schon ein kleiner Park. Er umfasst ungefähr 800 Quadratmeter, und mein Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf den Pflanzen und ihrer Vielfalt. Ich habe viele Zierpflanzen, Gehölze und natürlich auch Zwiebelblumen. Aber der Nutzgarten gehört ebenfalls dazu. Früher hatte ich einen größeren Gemüsegarten. Den habe ich inzwischen aufgegeben. Stattdessen gibt es eine schöne Ecke mit Hochbeeten und großen Kübeln. Dort wachsen beispielsweise Salat, Zucchini und Tomaten. Diesen Bereich habe ich mit einer Pflanzung etwas abgegrenzt. Gemüse kann ja durchaus auch einen gestalterischen Wert haben. Denken Sie nur an Mangold! Kräuter gehören selbstverständlich ebenfalls dazu. Ich habe über die Jahre alte Steingefäße gesammelt, von denen inzwischen fast 30 in meinem Garten stehen. Auch darin wachsen Pflanzen und Kräuter. Mir ist wichtig, dass der Garten vielfältig ist. Es muss nicht alles nur schön aussehen oder nur einen Nutzen erfüllen. Beides lässt sich wunderbar miteinander verbinden.
Man kann Sie also auch noch live erleben und um Rat fragen?
Ja, vor allem auf meinen Gartenreisen. Ich bin auch im nächsten Jahr wieder unterwegs. Dabei geht es nicht nur darum, schöne Gärten anzuschauen. Ich führe die Teilnehmer durch die Anlagen, erkläre die Pflanzen und beantworte ihre Fragen. Das ist ein ganz wesentlicher Bestandteil dieser Reisen. Wir besuchen unterschiedliche Anlagen, auch im Ausland. In England war ich beispielsweise schon sehr häufig unterwegs. Es ist also durchaus auch eine Gelegenheit, mit mir ganz unmittelbar über den eigenen Garten und die Pflanzen zu sprechen. Die Informationen zu den Reisen findet man im Internet.
Welcher ist der schönste Botanische Garten oder die schönste Parkanlage?
Da gibt es in Deutschland unglaublich viele schöne Anlagen. Einen einzelnen Garten herauszugreifen, ist gar nicht so einfach. Besonders empfehlen würde ich als Botanischen Garten den Loki-Schmidt-Garten in Hamburg. Sehr schön ist auch die Königliche Gartenakademie in Berlin-Dahlem. Dort gibt es ein wunderbares Pflanzenangebot. Dann natürlich die Insel Mainau und der egapark Erfurt. Auch Bad Zwischenahn ist interessant, ebenso die Gärten der Welt in Berlin-Marzahn. Und man darf die vielen Anlagen nicht vergessen, die aus Landesgartenschauen hervorgegangen sind. Da gibt es wirklich eine Menge zu entdecken.
Nachgefragt bei Horst Schöne
| Lieblingsessen: Zwetschgen-Knödel |
| Lieblingsmusik: Antonín Leopold Dvořák – “Aus der neuen Welt” |
| Lieblingswort: Guten Morgen ( und das in verschiedenen Sprachen z.B. japanisch – ohayou usw.) |
| Lieblingsort: der Garten |
| Lieblingsmoment: z.B.: ein neues Buch in den Händen halten |
VERLOSUNG:
Der Vogtlandstreicher.de verlost einmal „Zwischen Raureif & Immergrün“. Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren. Das Gewinnspiel läuft vom 20. September 2026 bis zum 26. September 2026 um 0 Uhr. Die Teilnahme erfolgt per E-Mail mit Angabe von Name und Wohnort an gewinnspiel@vogtlandstreicher.de an mit dem Betreff „Garten“. Unter allen Einsendungen wird ausgelost und die Gewinner werden bis spätestens 28. September 2026 per E-Mail informiert. Die Teilnahmedaten werden nur für die Dauer des Gewinnspiels gespeichert und anschließend gelöscht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
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Gartenexperte Horst Schöne: “Man muss lernen, die Kleinigkeiten zu sehen, an denen man sonst einfach vorbeigeht.”

