Was hilft die schönste Zeile, wenn sie sich nicht singen lässt? Für Heinz Rudolf Kunze ist schon die Frage ein Anlass zum Scherzen. Ein solcher Konflikt zwischen Autor und Sänger stelle sich bei ihm nicht, erklärt er im Interview. Er schreibe schließlich nur gute Texte. Dann lacht er.
Um das Verhältnis von Wort und Musik geht es auch auf der Bühne. Ab Herbst ist Kunze mit zwei Touren unterwegs: mit seiner Band zum Album „Angebot und Nachfrage“ und mit dem Soloprogramm „Das sagt der Richtige“. Zwei Möglichkeiten, einen Künstler kennenzulernen, der auf die Sprache ebenso viel Wert legt wie auf das, was zwischen den Worten klingt.
„Angebot und Nachfrage“: Was Kunze der Welt anbietet
Der Albumtitel könnte aus einem Wirtschaftslehrbuch stammen. Kunze versteht ihn durchaus beim Wort: Er versuche, der Welt etwas anzubieten, und hoffe, dass es dafür eine Nachfrage gebe. Was er musikalisch zusammenbringt, soll ein schmackhafter Cocktail sein – aus Spaß, Politik, Beziehungen und allem, was einem sonst noch einfällt.
Wer ihn bislang hauptsächlich mit „Dein ist mein ganzes Herz“ verbindet, bekäme von ihm einen anderen Titel vorgespielt: „Ich bin tot“. Ausgerechnet diesen Song würde er wählen, um einer Hörerin oder einem Hörer sein Album vorzustellen. Daran lasse sich zeigen, wie viele Facetten seine Musik habe und welche extremen Wendungen sie nehmen könne. Ein großer Hit macht einen Künstler bekannt. Für alles Weitere lohnt es sich genauer hinzuhören.
Warum eine gute Melodie die größere Herausforderung ist
Seine scherzhafte Antwort, auf die Frage nach der singbaren Zeile, hat eine ernsthafte Fortsetzung. Einen guten Text zu schreiben, findet Heinz Rudolf Kunze einfacher, als eine gute Melodie zu erfinden. Gerade in der Rockmusik sei schließlich alles schon einmal gespielt worden. Da noch etwas Eigenes zu komponieren, ist für ihn die anspruchsvollere Aufgabe.
Der Respekt vor der Sprache wird dadurch nicht geringer. Auch im Alltag falle es ihm schwer, einen ungeschickten Satz einfach stehen zu lassen. Wie viel ihm daran liegt, verdeutlicht er mit einer zugespitzten Vorstellung: Würde er heute an einer Schule Deutsch unterrichten, würde er für die deutsche Sprache bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen, befürchtet er amüsiert. Worte sind für Kunze eben auch außerhalb eines Liedes eine Angelegenheit, bei der er genau hinhört.
Was die Band aus einem Lied machen darf
Auf der Bühne gewährt er seinen Songs Bewegungsfreiheit. Ein Kontrollfreak sei er nicht. Musik müsse live ohnehin anders übertragen werden als im Studio. Mit guten Musikern unterwegs zu sein, erleichtere dieses Vertrauen. Bisher sei dabei immer etwas Gutes entstanden.
Auch „Dein ist mein ganzes Herz“ darf sich verändern. Mit drei Sängerinnen hat er das Lied bereits aufgenommen. Für weitere Duette, neue Fassungen und andere Varianten sei er offen. Einen Suchauftrag nach der nächsten Gesangspartnerin gibt es deshalb nicht. Solche Begegnungen, sagt Kunze, ergäben sich. Ein vertrautes Lied kann also durchaus noch Bekanntschaften machen. Im Übrigen, Joni Mitchell hätte er sich dafür gut vorstellen können.
Zwei Touren im Herbst: Mit Band und mit „Das sagt der Richtige“
Wie verschieden dieselben Songs wirken können, lässt sich bei den beiden Herbsttouren erleben. Auf der Albumtour steht er mit seiner Band auf der Bühne. Auch dort spricht er zwischen den Liedern. Im Soloprogramm „Das sagt der Richtige“ bekommen die Worte jedoch deutlich mehr Raum: Musik und gesprochene Beiträge halten sich ungefähr die Waage.
Zum Soloabend gehören irgendwie Kabarett und auch Poesie. Für die musikalische Seite stehen zwei Gitarren, ein Flügel und seine Mundharmonika zur Verfügung. Einige Songs begegnen dem Publikum in beiden Programmen wieder, allerdings in unterschiedlichen Versionen. Kunze empfiehlt deshalb, sich beide Formate anzusehen. Wer das tue, erfahre viel über ihn als Künstler und als Person.
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In den rund 40.000 Tonträgern, die er besitzt, beschäftigt ihn derzeit ein Album besonders: „Punching the Clown“ von Lambchop. Es begeistere ihn, weil es so ungewöhnlich sei. So etwas höre man selten. Das ist ein schöner Gedanke zum Schluss eines Gesprächs über die Mühe, neue Melodien zu finden. Auch nach sehr vielen gehörten Platten kann immer wieder noch eine kommen, bei der man aufhorcht.
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Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
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