WM KolumneBallflachstreicher | 17 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Die Schiris, die Zahlen und der Zorn.

Stellen wir uns für einen Moment vor, wir müssten diesen Job machen: Wir laufen zwölf, dreizehn Kilometer, ungefähr so viel wie die Spieler, nur ohne positiongeschuldeter Pausen. Wir treffen im Lauf eines Abends mehrere Hundert Entscheidungen, viele davon in weniger als einer halben Sekunde und aus dem falschen Winkel. Wir tun das bei einundvierzig Grad gefühlter Temperatur in Miami, vor achtundsechzigtausend Menschen im Stadion und einigen Hundert Millionen an den Bildschirmen. Und jede dieser Entscheidungen wird anschließend von genau diesen Millionen in Zeitlupe, aus acht Kameraperspektiven und mit aller Zeit der Welt zerlegt, die wir selbst nicht hatten. Willkommen im Leben eines WM-Schiedsrichters.

Man kann über die Unparteiischen dieses Turniers streiten, und das halbe Internet tut nichts anderes. Aber bevor man das tut, lohnt es sich, das Thema einmal von der grünen Wiese her zu betrachten, ohne Wut, ohne Nationaltrikot, nur mit dem, was sich tatsächlich belegen lässt. Denn der Eindruck, diese Weltmeisterschaft sei von Schiedsrichtern zugrunde gepfiffen worden, ist ein Gefühl. Und Gefühle und Zahlen erzählen hier zwei sehr verschiedene Geschichten.

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  • Größtes Schiedsrichter-Aufgebot der WM-Geschichte: 52 Schiedsrichter, 88 Assistenten, 30 Video-Offizielle – zusammen 170 Menschen aus 50 Verbänden, 41 mehr als 2022.
  • Ein Elite-Schiedsrichter läuft 12 bis 13 Kilometer pro Spiel.
  • Fitnesstest zur Zulassung: unter anderem 40 × 75 Meter Lauf, jeder in maximal 15 Sekunden.
  • Jede der sechs Konföderationen stellt Schiedsrichter – auch Ozeanien, das trotz schwachen Ligenniveaus stets mindestens einen entsendet.
Der beste Schiedsrichter ist der, den keiner bemerkt

Es gibt eine alte Faustregel im Fußball: Einen Schiedsrichter bemerkt man wie die Kanalisation – nur dann, wenn etwas verstopft. Wenn ein Abend gut läuft, geht der Mann mit der Pfeife nach Hause, ohne dass sein Name je gefallen wäre. Das ist keine Niederlage, das ist sein eigentlicher Erfolg. Und genau dieser Erfolg ist statistisch unsichtbar, weil niemand eine Schlagzeile über ein Spiel schreibt, nur weil der Schiedsrichter einfach gut war.

Wer sich die Mühe macht, alle bislang 102 gespielten Partien dieser WM durchzugehen und zu fragen, in wie vielen davon die Schiedsrichterleistung in den Berichten überhaupt vorkam, landet bei einem überraschenden Ergebnis. In rund zwei Dritteln aller Spiele war der Unparteiische schlicht kein Thema. Er kam in den Nachberichten nicht vor, weil es nichts zu berichten gab. Ganze Gruppen zogen geräuschlos vorbei: In der Gruppe F und in der Gruppe H fiel über sechs Spiele hinweg kein einziges kritisches Wort über die Referees. Das Bild der großen VAR-Chaos-Weltmeisterschaft speist sich also nicht aus einem Dauerfeuer, sondern aus einer Handvoll heftig verstärkter Einzelfälle.

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  • Vorrunde, Gruppen A–F (36 Spiele): in rund einem Drittel bis zur Hälfte ein Thema, der Rest geräuschlos.
  • Vorrunde, Gruppen G–L (36 Spiele): in etwa 8 Spielen ein Thema, in rund 28 nicht.
  • K.-o.-Runden (bisher 30 Spiele): in etwa 10 ein Thema, in rund 20 nicht.
  • Über alle 102 gespielten Partien: in rund einem Drittel ein Thema, in rund zwei Dritteln gar nicht.
  • Und ein erheblicher Teil der „auffälligen” Fälle waren millimetergenaue Abseitsentscheidungen der Technik, die die Presse überwiegend als korrekt einordnete – kein klassischer Fehlpfiff.
Und doch: die Spiele, in denen es wirklich zählte

Das alles heißt nicht, dass es keine folgenschweren Szenen gab. Es gab sie, und ehrlicherweise muss man sie beim Namen nennen, samt der Frage, ob der Schiedsrichter richtig oder falsch lag.

Der sauberste Fall einer wahrscheinlich falschen und zugleich wirklich folgenreichen Entscheidung ist das deutsche Aus gegen Paraguay. In der Verlängerung köpfte Jonathan Tah ein, der Treffer wurde nach Videostudium wegen eines angeblichen Fouls am Torhüter aberkannt, Deutschland verlor anschließend im Elfmeterschießen. Die Schiedsrichter-Experten von ARD und ZDF waren sich einig, dass das ein reguläres Tor war. Hier kann man mit guten Gründen sagen: Diese Entscheidung hat mutmaßlich eine Mannschaft aus dem Turnier befördert. Wobei die ganze Wahrheit auch dazugehört, dass Deutschland danach noch das Elfmeterschießen zu verlieren hatte, und Tah ausgerechnet den entscheidenden Elfmeter selbst verschoss.

Der zweite große Aufreger, das argentinische Comeback gegen Ägypten, taugt bei genauem Hinsehen weit weniger zum Skandal, als das Echo vermuten ließ. Ja, Ägypten wurde ein Tor aberkannt, und ja, das eine oder andere Foul blieb ungeahndet. Nur: Ägypten führte auch nach der Aberkennung mit 2:0, weil derselbe Spieler kurz darauf erneut traf. Die aberkannte Szene hat Ägypten also keine Führung genommen, sondern höchstens ein größeres Polster. Argentinien drehte das Spiel danach mit drei völlig regulären Toren. Eine strittige Szene ist eben nicht automatisch eine spielentscheidende.

Ganz frisch, aus dem Halbfinale gegen England, stammt der jüngste Fall dieser Sorte, und er zeigt schön, wie ein Vorwurf beim Hinsehen schrumpft. Enzo Fernández, so hieß es tags darauf in vielen englischen Kommentaren, hätte in der dritten Minute für einen „Faustschlag” glatt Rot sehen müssen. Dokumentiert ist allerdings etwas anderes: eine Kollision im Laufduell um den Ball, bei der Fernández den Engländer Elliot Anderson am Kopf erwischte. Schiedsrichter Ismail Elfath gab Freistoß, keine Karte. Ein gezielter Fausthieb war das nach Lage der Spielberichte nicht, und der Videobeweis, der bei einer klaren Tätlichkeit eingreifen müsste, sah keinen Anlass. Dass die lautesten Stimmen – Piers Morgan, Stan Collymore – aus dem geschlagenen englischen Lager kamen, macht die Sache nicht klarer, nur lauter. Ein Kartenargument ist vertretbar. Die harte Version, ein glasklarer Platzverweis für eine Tätlichkeit, deckt die Faktenlage nicht.

Auch der Elfmeter, mit dem Spanien im Halbfinale gegen Frankreich in Führung ging, wurde zum Politikum, nachdem Frankreichs Trainer Deschamps die Qualifikation des Schiedsrichters öffentlich anzweifelte. Nur bewertete ihn ausgerechnet ein früherer Chef der englischen Elite-Schiedsrichter als korrekt – und vor allem hatte Frankreich in der gesamten ersten Halbzeit keinen einzigen Torschuss zustande gebracht. Man kann ein Spiel schwerlich am Schiedsrichter verloren haben, in dem man selbst nicht ein einziges Mal aufs Tor kommt.

Und dann ist da der größte Aufreger des Turniers, der bei Lichte gar keiner der Schiedsrichter war: die nach einem Anruf von US-Präsident Trump ausgesetzte Sperre des Amerikaners Balogun. Wichtig ist die Feinheit, die im Getöse fast unterging. Die Rote Karte auf dem Feld wurde nie zurückgenommen; sie war und blieb gültig. Was ausgesetzt wurde, war die automatische Sperre – eine Entscheidung des FIFA-Apparats, nicht des Schiedsrichters. Der eigentliche Skandal war also mal wieder Infantino, keiner der Männer mit der Pfeife.

Das lauteste Aufbegehren der gesamten K.-o.-Runde aber gehört ausgerechnet in einen Fall, in dem der Schiedsrichter recht behielt. Kroatien schien sich im Sechzehntelfinale gegen Portugal tief in der Nachspielzeit durch Joško Gvardiol zum 2:2 in die Verlängerung gerettet zu haben – bis der Videobeweis eingriff. Beim Treffer stand Mario Pašalić im Abseits, und der Ball hatte auf dem Weg zu ihm einen Mitspieler touchiert, Igor Matanović, angeblich nur an einem Haar. Genau diese Haaresbreite registrierte der Sensor im offiziellen Spielball, machte Pašalić zum aktiv eingreifenden Abseitsspieler und das Tor zunichte. Es war Luka Modrićs letztes Spiel bei einer Weltmeisterschaft, Kroatien flog raus, der kroatische Verband schrieb empörte Briefe an die FIFA und verlangte die Tonmitschnitte aus dem Videoraum. Und doch: Nach dem Regelbuch war die Entscheidung korrekt, die FIFA bestätigte sie ausdrücklich. Trainer Zlatko Dalić brachte das eigentliche Drama des Abends auf den Punkt, ohne es zu merken: „Solche Entscheidungen nehmen dem Fußball die Freude. Sie töten die Emotion des Spiels.” Technisch gesehen lag er falsch. Menschlich gesehen hatte er vollkommen recht.

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  • Gelbe Karten pro Spiel: 2018 3,20 · 2022 3,50 · 2026 2,52
  • Rote Karten pro Spiel: 2018 0,031 · 2022 0,016 · 2026 0,141
  • Rote Karten gesamt 2026 (Stand 6. Juli): 13 – mehr als 2018 und 2022 zusammen.
  • Elfmeter-Trefferquote 2026: 66,1 % – laut Datendienst Opta die niedrigste seit 1966.

Kurz übersetzt: härtere Hand bei groben Vergehen, mildere Hand bei Kleinkram. Die WM pfeift weniger, aber sie verzeiht das wirklich Grobe seltener.

Warum es sich trotzdem so anfühlt

An dieser Stelle wäre es hochmütig, den Zuschauer mit seinen Zahlen allein zu lassen und die Emotion abzukanzeln. Denn für den Fan ist eine Schiedsrichterentscheidung kein Datenpunkt. Sie ist vier Jahre Hoffnung, entschieden in einer Sekunde. Und sie wird durch eine Brille betrachtet, durch die die eigene Mannschaft grundsätzlich benachteiligt erscheint – ein Ägypter sah gegen Argentinien lauter Ungerechtigkeiten, während halb England und halb Frankreich zeitgleich überzeugt waren, dass ausgerechnet Argentinien bevorzugt werde. Alle drei können nicht gleichzeitig recht haben. Aber alle drei fühlen es echt.

Auch die Spieler sind hier keine kühlen Rechner. Wer neunzig Minuten am Limit läuft und dann durch einen Pfiff ausscheidet, dem hilft keine Statistik über Trefferquoten. Diese Emotion ist legitim, und sie gehört zum Spiel wie das Tor selbst. Nur erklärt genau sie, warum das Gefühl die Wirklichkeit systematisch überzeichnet: Die tausend richtigen Entscheidungen eines Abends sehen wir nicht, die eine strittige sehen wir zwanzig Mal in Zeitlupe. So entsteht aus wenigen Szenen ein Gefühl der Epidemie.

Haben die Schiris das Turnier kaputt entschieden?

Das ist die härteste Frage, und sie verdient eine harte, datenbasierte Antwort. Die kurze Fassung lautet: In ihrer starken Form hält die These nicht.

Das stärkste Argument dagegen lieferte das Halbfinale selbst. Zum ersten Mal, seit es die FIFA-Weltrangliste gibt, stehen am Ende exakt die vier ranghöchsten Mannschaften der Welt im Finale der letzten Vier – Spanien, Argentinien, Frankreich, England, in genauer Reihenfolge der Papierform. Ein Turnier, das von Schiedsrichtern in eine falsche Richtung gebogen worden wäre, sähe in aller Regel anders aus, chaotischer, mit einem glücklichen Außenseiter unter den letzten vier. Hier setzten sich die nominell Besten durch.

Das zweitstärkste Argument ist ein ehrliches Eingeständnis der Kritiker selbst. Es stimmt, dass Argentinien im Turnier die günstigste Videobilanz aller Teams hatte, gemessen an nachträglich korrigierten Szenen pro hundert Fouls. Nur betont ausgerechnet der Wissenschaftler, der diese Zahl erhoben hat, ausdrücklich, dass sie kein Beweis für eine Bevorzugung ist – sie zeigt lediglich, wo Schiedsrichter Fouls übersahen, die der Videobeweis später aufdeckte. Man muss die drei Ebenen sauber trennen: dass es strittige Szenen gab, ist wahr. Dass eine davon nachweislich spielentscheidend war, gilt eigentlich nur für Deutschland. Und dass eine Mannschaft nur durch Schiedsrichter weiterkam, lässt sich für keinen der Finalisten belegen.

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  • Erstmals seit Einführung der Weltrangliste 1992 erreichen die vier bestplatzierten Teams das Halbfinale: Spanien (1), Argentinien (2), Frankreich (3), England (4).
  • Günstigste Video-Bilanz pro 100 Fouls (Northeastern-Analyse): Mexiko 7,8, Argentinien 6,7 – der Autor selbst: „kein Beweis für Bias”.
  • Einen offiziellen Genauigkeitswert für 2026 gibt es noch nicht. Zum Vergleich 2018: 99,3 % korrekte spielentscheidende Entscheidungen mit Videobeweis (ohne wären es 95 % gewesen).
Muss ein WM-Schiedsrichter aus der Bundesliga kommen?

An einer Stelle hat die Kritik einen harten, gern übersehenen Kern, und den sollte man nicht wegmoderieren. Die FIFA lässt grundsätzlich jede Konföderation Schiedsrichter stellen, und das klingt fair. Nur wird das Handwerk eines Schiedsrichters im schnellen Spiel gelernt, in hochklassigen Partien Woche für Woche – und da ist der Abstand zwischen den Nationen gewaltig. Felix Zwayer, der einzige deutsche Referee dieses Turniers, pfiff in einer einzigen Saison 38 Bundesliga-Spiele, dazu Champions-League-Abende. Ein Kollege aus einem kleinen Verband bekommt diese Intensität, wenn überhaupt, in ein paar Kontinentalpokalspielen im Jahr. Der frühere Schiedsrichter-Funktionär Christer Ahl brachte es auf den Begriff: Wer aus einem Land ohne hochklassige Liga komme, habe ein „erhebliches Handicap”. Und die Zahlen stützen den Verdacht. Auswertungen der gesamten WM-Geschichte zeigen, dass rund drei Viertel aller Ansetzungen in der K.-o.-Runde an Schiedsrichter aus Europa und Südamerika gehen; der einzige Unparteiische aus Ozeanien bekommt üblicherweise genau ein Gruppenspiel – und bei dieser WM kam der Neuseeländer in der Vorrunde kein einziges Mal als Hauptschiedsrichter zum Einsatz, sondern nur als vierter Offizieller. Die FIFA handelt, leise, also durchaus nach jenem Gefälle, das sie offiziell bestreitet.

Und doch zerbröselt der bequeme Schluss – kleine Liga, also schlechterer Schiedsrichter – am ersten Faktencheck. Der Schiedsrichter mit den meisten WM-Einsätzen der Geschichte ist Rawschan Irmatow aus Usbekistan, einem Land, das sich nie für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat; er leitete 2010 ein Halbfinale. Bei diesem Turnier gingen beide Halbfinals nicht an große europäische Namen, sondern an Schiedsrichter aus Mittel- und Nordamerika – das Spiel Spanien gegen Frankreich an Iván Barton aus El Salvador, einem Land ohne große Liga, der die Pfeife nur nebenberuflich führt und in der übrigen Woche Chemie unterrichtet. Und ausgerechnet der lauteste Aufreger des ganzen Monats, das aberkannte ägyptische Tor gegen Argentinien, war die Entscheidung eines Franzosen aus dem Maschinenraum des europäischen Spitzenfußballs. Kämen die Katastrophen wirklich aus den schwachen Ligen, sähen sie anders aus. Dazu kommt der Gleichmacher-Apparat der FIFA – drei Jahre Beobachtung, für alle dieselben Seminare, für alle derselbe Fitnesstest – und eine Technik, die mit automatischem Abseits, Chip im Ball und Videobeweis die Schule des einzelnen Schiedsrichters ohnehin immer weniger wichtig macht. Und schließlich bestimmen die späten Ansetzungen mindestens so sehr die Neutralitätsregeln wie eine Rangliste: Als Frankreich das Halbfinale erreichte, waren seine ausgezeichneten Referees dort gesperrt, die Engländer durften weder England noch Argentinien pfeifen – und so rückten die Mittelamerikaner nach.

Das ehrliche Urteil ist deshalb ein geteiltes. Das Ungleichgewicht an purer Erfahrung ist real und belegbar; ein Schiedsrichter aus einer schwachen Liga steht schlicht in weniger Hochgeschwindigkeitsfeuern pro Jahr. Dass er deswegen schlechter pfeift oder dass dieses Gefälle bei dieser WM irgendetwas entschieden hätte, lässt sich dagegen nicht zeigen – dafür sind die Gegenbeispiele zu stark. Die Strukturkritik verdient, ernst genommen zu werden. Den Schluss, den ihre schimpfenden Vertreter daraus ziehen, verdient sie nicht.

📊 Erfahrung, sehr ungleich verteilt

  • Felix Zwayer (Deutschland): 38 Bundesliga-Spiele in einer einzigen Saison, dazu Champions League.
  • Iván Barton (El Salvador): führt die Pfeife nur nebenberuflich und unterrichtet hauptberuflich Chemie – und leitete das WM-Halbfinale Spanien–Frankreich.
  • Rawschan Irmatow (Usbekistan, als Team nie bei einer WM): Rekordhalter mit 11 WM-Einsätzen, inklusive Halbfinale 2010.
  • K.-o.-Ansetzungen der WM-Geschichte: rund 75 % entfallen auf Schiedsrichter aus UEFA und CONMEBOL; der Referee aus Ozeanien bekommt meist genau ein Gruppenspiel.
Was die Presse daraus machte

Bleibt der Eindruck, die Presse habe pauschal draufgehauen. Auch das lohnt einen zweiten Blick, denn eine saubere prozentuale Verteilung des gesamten Presseechos existiert nicht – wer eine Zahl nennt, behauptet mehr, als sich messen lässt. Belegbar ist etwas anderes, und es ist aufschlussreich: Der Ton hing fast vollständig von der Gattung ab.

Die lauteste, sichtbarste Schicht war negativ, teils verschwörerisch, und sie lief vor allem in Boulevard, Aggregatoren und den sozialen Medien: der Hashtag „VARgentina”, KI-Memes, eine Petition mit über sechs Millionen Unterschriften, die Argentiniens Ausschluss forderte. Der Fachjournalismus daneben klang völlig anders. Die Video-Analysen ehemaliger Elite-Schiedsrichter gingen Szene für Szene durch, benannten einzelne Fehler nüchtern und ohne Verschwörung; der frühere englische Weltschiedsrichter Mark Clattenburg lobte im Fernsehen ausdrücklich den besseren Spielfluss; die Datenjournalisten trugen ihre Zahlen unter der Überschrift, dass sie eben keinen Beweis für eine Bevorzugung lieferten. Der Unterschied zwischen dem wütenden Kommentar und der sachlichen Analyse war größer als der Unterschied zwischen den Nationen.

Warum das so ist, hat wenig mit dieser speziellen WM zu tun und viel mit der Natur der Sache. Gutes Schiedsrichten ist unsichtbar, schlechtes ist eine Nachricht – die Empörung hat also einen strukturellen Vorsprung. Dazu kommt die nationale Brille und, nicht zu unterschätzen, ein hausgemachter Vertrauensschaden: Nachdem die FIFA im Fall Balogun ihre eigenen Regeln nach einem Präsidentenanruf verbogen hatte, war plötzlich jede Entscheidung verdächtig. Wer einmal an einer Stelle die Tür für Willkür öffnet, muss sich nicht wundern, wenn danach überall Gespenster gesehen werden.

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  • Abstoß dauert im Schnitt noch 23,8 Sekunden (2022: 27,7) – dank Fünf-Sekunden-Regel.
  • Einwurf 13,3 Sekunden (2022: 15,7). Zusammen spart das laut Opta rund 2:45 Minuten echte Spielzeit pro Partie.
  • Verletzungsunterbrechungen laut FIFA drastisch gesunken; 11,4 % aller Tore fielen in der Nachspielzeit – WM-Rekord.
  • Weitere Neuerungen 2026: verpflichtende Trinkpause in jedem Spiel, Acht-Sekunden-Regel für Torhüter, nur der Kapitän darf reklamieren, Kameras am Schiedsrichter, öffentliche Video-Durchsagen im Stadion.
Was die Fachleute sagen – auf jedem Kontinent

Jenseits des lauten Kommentars steht die interessantere Frage: Was sagen eigentlich die echten Fachleute, die ehemaligen Schiedsrichter und Regel-Analysten, die die großen Sender auf jedem Kontinent auftreten lassen? Ein Blick auf die prominentesten von ihnen – grob fünf in Europa, je drei anderswo – widerspricht dem Skandal-Gefühl. Die größte Gruppe fällte überhaupt kein Pauschalurteil, sondern arbeitete Szene für Szene, bestätigte viele Entscheidungen und benannte einzelne Fehler. Ein pauschales „alles war schlecht” kam von einer klaren Minderheit, ein pauschales „alles war gut” von fast niemandem.

Und die härtesten Urteile haben eine vielsagende Herkunft. Sie ballen sich an zwei Stellen: bei einigen kontinentaleuropäischen Ex-Schiedsrichtern – der Deutsche Manuel Gräfe sprach von der „schwächsten Vorrunde der Schiedsrichter seit den 80ern”, der Schweizer Urs Meier von „keiner Glanzleistung” und zu viel Verlass auf den Videobeweis – und im geschädigten ägyptisch-sudanesischen Lager rund um das Argentinien-Spiel, wo von einem „gestohlenen” Traum die Rede war.

Zwei Befunde aber stechen die Verschwörungserzählung von innen heraus. Erstens hielten ausgerechnet die Experten des einen Landes, das allen Grund hätte, Argentinien zu missgönnen – des Erzrivalen Brasilien –, die Argentinien begünstigenden Entscheidungen überwiegend für richtig; der Ex-FIFA-Schiedsrichter von TV Globo stimmte dem aberkannten ägyptischen Tor ausdrücklich zu, und eine brasilianische Kollegin nannte als schwersten Fehler des Turniers eine Szene, die gegen Argentinien ging. Zweitens widersprachen sich die Fachleute bei der meistdiskutierten Szene des Monats offen: Im US-Fernsehen hielt der Regel-Analyst von FOX das aberkannte ägyptische Tor für korrekt, während sein Kollege bei Telemundo fand, es hätte zählen müssen. Wenn die Experten sich beim selben Standbild in der Mitte teilen, hat man keinen offensichtlichen Fehler vor sich, sondern einen echten Graubereich – genau die Zone, in der der Fußball immer schon gestritten hat und immer streiten wird.

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  • Differenziert, Szene für Szene: rund 7–8 – u. a. Gallagher (Sky/England), Marelli (DAZN/Italien), ESPN-VAR-Review, Bastos (SBT/Brasilien), Al-Ghandour (AD Sports), Roudneal (Iran), Iemoto (Japan).
  • Pauschal kritisch: rund 6 – Gräfe, Meier, Herrera (Telemundo), Guerrero (TUDN), Abdel Fattah und Abbas (Ägypten/Sudan).
  • Bestätigend: rund 3–4 – PC Oliveira, Ruel (beide Brasilien), El-Sayed (Ägypten), tendenziell Machnik (FOX).
  • Auffällig: Die schärfste Pauschalkritik kam von europäischen Ex-Schiedsrichtern und aus dem geschädigten Ägypten; eine namhafte ozeanische Fachstimme war nicht zu finden.
Summa-sumarum…

Wer das alles zusammenzieht, landet bei einem Vergleich, der die ganze Aufregung erdet. Jede große Endrunde der vergangenen Jahrzehnte hatte ihre Schiedsrichter-Blitzableiter: 2010 die Fehlpfiffe wie Frank Lampards Phantomtor gegen Deutschland, dessen Ball klar hinter der Linie aufsprang und trotzdem nicht zählte und damit die Torlinientechnik erzwang; 2018 die chaotische WM-Premiere des Videobeweises; 2022 die Zentimeter-Abseits der neuen Technik und die endlosen Nachspielzeiten. In diese Reihe fügt sich 2026, nüchtern betrachtet, nahtlos ein – nicht als Ausreißer nach unten, sondern als ganz gewöhnliche Turnierleistung, deren Fehlerquote im üblichen Rahmen lag. Was diese Weltmeisterschaft von ihren Vorgängerinnen unterscheidet, ist nicht die Zahl der Fehler, sondern die Zahl derer, die über sie mitreden. Weil sich 2026 jeder mit zwei Klicks in jede große Diskussion einmischen kann, ist schlicht das Volumen der Mitredenden ins Unermessliche gewachsen – und mit ihm die gefühlte Größe jedes einzelnen Aufregers.

Der Rest fügt sich in dieses Bild. Der Job ist beinahe unmenschlich schwer und wurde in rund zwei Dritteln aller Spiele so unauffällig erledigt, dass niemand darüber sprach. Es gab echte Fehler, und einer davon, das aberkannte deutsche Tor, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Turnier-Aus mitverursacht. Die großen Erzählungen aber – die verschobene Weltmeisterschaft, die gekaufte Bevorzugung – halten den Zahlen nicht stand, allen voran der Tatsache, dass die vier besten Mannschaften der Welt unter den letzten vier stehen. Selbst die naheliegendste Strukturkritik, dass Schiedsrichter aus schwachen Ligen weniger Erfahrung mitbringen, trifft einen realen Punkt – nur erklärt sie die Aufreger dieses Sommers gerade nicht, denn der lauteste kam von einem französischen Spitzenschiedsrichter. Und die Fachwelt der Ex-Schiedsrichter lieferte kein einheitliches Verdammungsurteil, sondern stritt Szene für Szene. Die eigentliche Nachricht dieser WM in Sachen Schiedsrichter, dass ihre neuen Regeln gegen Zeitschinderei tatsächlich funktionieren, ging derweil fast unter – aus dem einfachen Grund, dass Erfolg im Schiedsrichterwesen nun einmal keine Schlagzeile macht.

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Zum Schluss noch das

Wie menschlich dieser Beruf ist, hat kein Statistiker je schöner bewiesen als Graham Poll im Jahr 2006. Der Engländer galt damals als einer der besten Schiedsrichter der Welt und wurde für das Finale gehandelt. Dann leitete er das Gruppenspiel Kroatien gegen Australien und zeigte dem Kroaten Josip Šimunić im Lauf der Partie sage und schreibe drei Gelbe Karten, ehe er ihn endlich vom Platz stellte. Der Grund war von rührender Absurdität: Šimunić war in Australien geboren, sprach breitesten australischen Akzent, und Poll hatte die zweite Verwarnung versehentlich unter der Nummer eines australischen Spielers notiert. Er hielt den Kroaten schlicht für einen Australier. Poll bat danach selbst darum, vor der K.-o.-Runde nach Hause zu dürfen, und die FIFA gewährte es ihm. Die Moral von der Geschichte ist die tröstlichste, die dieses Thema zu bieten hat: Selbst der beste Schiedsrichter der Welt ist am Ende ein Mensch mit einem Notizzettel – und der Fußball hat auch das überlebt, wie er alles überlebt.


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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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