Es war einmal ein kleines Monster namens Morkel. Es lebte in einer moosbedeckten Höhle am Rand eines stillen Waldes. Wenn man das Wort „Monster“ hörte, dachte man vielleicht an scharfe Zähne, gruselige Augen und lautes Gebrüll. Aber wer Morkel begegnete, hätte sich gewundert.
Er hatte weiches, flauschiges Fell in einem warmen Grünton und große runde Augen. Wenn er aufgeregt war, musste er manchmal leise kichern. Menschen zu erschrecken, kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Viel lieber sammelte er glänzende Kieselsteine oder saß abends vor seiner Höhle und schaute den Glühwürmchen zu.
Nur eines fehlte ihm: ein Freund, der sich neben ihn setzte und mit ihm schaute. Denn die Menschen im nahen Dorf fürchteten sich vor Morkel. „Ein Monster ist ein Monster“, sagten sie. „Bestimmt ist es gefährlich.“ So blieb Morkel meistens für sich. Wenn das Lachen der Kinder bis zu seiner Höhle drang, lauschte er eine Weile. Dann seufzte er leise und sortierte seine Kieselsteine.
Eines Tages verirrte sich ein kleines Mädchen im Wald. Es hieß Lina und kam aus dem Dorf.
Zuerst war Lina sicher gewesen, den Rückweg allein zu finden. Doch nun sahen die Bäume überall gleich aus. Die Sonne sank tiefer, die Schatten wurden länger, und noch immer war kein Waldrand in Sicht. Lina ging schneller. Schließlich blieb sie stehen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Morkel hörte ihr leises Schluchzen und lugte aus seiner Höhle. Da stand ein Kind zwischen den Bäumen. Ganz allein. Sein Herz klopfte. „Wenn ich zu ihr gehe, erschrecke ich sie bestimmt“, dachte er. „Aber ich kann sie doch nicht einfach allein lassen.“
Einen Moment lang zögerte er noch. Dann tappte er vorsichtig auf sie zu. „H-hallo …“ Lina fuhr zusammen. Direkt vor ihr stand ein Monster! Morkel blieb sofort stehen.
„Hast du dich verlaufen?“, fragte er leise. Lina nickte. Sie hielt den Blick fest auf ihn gerichtet. Sein grünes Fell sah weich aus, und seine großen Augen blickten sie besorgt an. „Ich kann dir den Weg zeigen“, sagte Morkel. Er versuchte zu lächeln. Dabei kamen seine kleinen Eckzähne zum Vorschein, und das Lächeln geriet ein bisschen schief.
Lina wischte sich über die Wangen. „Weißt du wirklich, wo das Dorf ist?“ Morkel nickte. „Komm. Es ist gar nicht mehr weit.“
Zuerst ging Lina mit etwas Abstand neben ihm her. Doch Morkel fand den Weg, ohne auch nur einmal stehen bleiben zu müssen. Er kannte jeden Baum und jede Abzweigung.
Bald begann Lina zu erzählen: von ihrem Dorf, von ihren Freunden und davon, wie viel Angst sie gehabt hatte, als sie den Rückweg nicht mehr fand. Morkel hörte aufmerksam zu. Manchmal stellte er eine Frage und manchmal kicherte er leise.
Am Waldrand warteten bereits die Dorfbewohner. Sie hatten nach Lina gesucht und immer wieder ihren Namen gerufen. Nun kam sie zwischen den Bäumen hervor – und neben ihr ging Morkel. Die Menschen verstummten.
Lina lief ihnen entgegen. „Habt keine Angst!“, rief sie. „Er hat mir geholfen! Ohne ihn hätte ich den Weg nicht gefunden.“ Morkel blieb stehen. So viele Menschen schauten ihn an. Am liebsten hätte er sich ein bisschen kleiner gemacht. Eine Weile sagte niemand etwas. Dann trat einer der Dorfbewohner auf ihn zu. „Danke, dass du Lina nach Hause gebracht hast.“ Morkel blinzelte überrascht.
Von diesem Tag an war er für die Menschen nicht mehr „das Monster im Wald“. Er war einfach Morkel. Die Kinder kamen ihn besuchen und brachten ihm bunte Steine mit. Morkel zeigte ihnen seine Sammlung. Und manchmal, wenn es Abend wurde, er zeigte ihnen die schönsten Glühwürmchenplätze. Wenn jemand neu ins Dorf kam und fragte: „Gibt es hier nicht ein Monster?“, lächelten die Leute und sagten: „Ja. Und es ist eines der freundlichsten Wesen, die du je treffen wirst.“

Oskar Wunderwald
Hinter dem Pseudonym Oskar Wunderwald steht der 1951 geborene Autor aus Hessen. Neben seinen liebevollen Geschichten für Kinder schreibt er unter einem anderen Namen auch Literatur für ein erwachsenes Publikum.
Das kleine Monster Morkel
