Nachrichten VogtlandLior das kleine Kräutermonster

Tief im Herzen eines moosgrünen Waldes, wo es nach Thymian duftet und die Sonnenstrahlen wie goldene Fäden durch die Blätter fallen, lebt ein kleines Kräutermonster namens Lior. Er ist weich und rund. Seinen Körper bedecken zarte Blätter, die mit den Jahreszeiten ihre Farbe wechseln. Auf seinem Kopf wachsen kleine Rosmarinzweige, und seine Augen glänzen wie zwei Tropfen Morgentau. Wenn er durch den Wald tappt, raschelt es leise.

Raschel, raschel. Und wenn er niesen muss, duftet die Luft nach Minze. „Hatschi!“ Die Tiere mögen Lior. Die Amsel singt ihm morgens ein Lied, das Eichhörnchen winkt ihm von den Ästen zu, und manchmal bleibt der Igel auf einen kleinen Plausch stehen. Trotzdem fühlt Lior sich hin und wieder allein. Besonders abends, wenn die anderen in ihre Nester und Höhlen zurückkehren. Dann sitzt er vor seinem Zuhause, unter einer alten Baumwurzel und wünscht sich jemanden, der noch ein bisschen bleibt. Jemanden, mit dem er erzählen, schweigen und über Kleinigkeiten lachen kann. Aber davon sagt er niemandem etwas.

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Eines Abends, als sich der Himmel zwischen den Baumwipfeln rosa färbt, hört er ein leises Schluchzen. Es kommt von einem alten Lavendelbusch. Vorsichtig schiebt Lior die Zweige beiseite. Dahinter sitzt ein Junge. Er hat die Arme um die Knie gelegt und wischt sich mit dem Ärmel über die Augen. Lior hält ganz still. Normalerweise versteckt er sich, sobald Menschen in seine Nähe kommen.

Er holt tief Luft. Dabei wackeln seine Rosmarinzweige. „Vielleicht kann ich dir helfen.“ Der Junge hob den Kopf und zuckt zusammen. Ein kleines Wesen aus Blättern steht da. Mitten im Wald. Und es kann sprechen. Dann weht ein sanfter Duft von Minze und Salbei herüber.

„Du riechst wie ein Garten im Sommer“, sagt er. Lior blickt verlegen auf seine Füße. „Auch hinter den Ohren?“ Das Kind muss lachen. „Ich glaube schon.“ Da wird Lior ganz warm. An einer seiner Blattspitzen erscheint ein winziger heller Schimmer.

Am Waldrand hatte der Junge mit einem Papierflieger gespielt. Als dieser zwischen den Bäumen verschwand, machte er sich auf die Suche, doch unter den Bäumen wurde es bereits dunkel. Das kleine Kräutermonster will das Kind wieder zum Waldrand bringen. Überall dort, wo es mit seinen kleinen Füßen den Boden berührt, öffnen sich leuchtende Blüten. Eine nach der anderen. Sie schimmern zwischen den Wurzeln und säumen den schmalen Pfad – vorbei an den weichen Moospolstern am Wegrand und der Stelle, wo die wilden Erdbeeren wachsen. Es erzählt vom Thymian, den die Hummeln so gern besuchen, und vom Lavendelbusch, unter dem der Igel manchmal seinen Mittagsschlaf hält. Der Junge hört aufmerksam zu, fragt nach den Pflanzen, nach den leuchtenden Blüten und danach, ob Lior sich seine Rosmarinzweige kämmen muss: „Nur wenn sich eine Spinne darin verheddert“, sagt er.

Schließlich werden die Bäume lichter. Hinter der letzten Reihe von Stämmen erscheint eine Wiese und die ersten Häuser. In einem Fenster brennt Licht. „Jetzt weiß ich wieder, wo ich bin!“, sagt das Kind. Lior bleibt stehen. Er freute sich, dass es sicher nach Hause gefunden hat. Trotzdem lässt er die kleinen Blätter an seinen Schultern ein wenig hängen. Ihr gemeinsamer Weg war zu Ende. „Darf ich dich wieder besuchen?“, hört er den Junge sagen.

Lior hebt den Kopf so schnell, dass seine Rosmarinzweige wippten. „Mich?“

„Natürlich dich. Du kannst mir doch noch zeigen, wo noch mehr wilde Beeren wachsen.“

„Die sind gerade nicht reif“, sagt Lior hastig. „Aber ich weiß, wo ein Pilz wächst, der aussieht wie ein Pfannkuchen.“

„Den möchte ich sehen”, sagt das Kind, beugte sich vor und berührt sanft die moosweiche Stirn.

Für einen Augenblick ist es ganz still. Sogar die Blätter über ihnen scheinen innezuhalten. Und dann blüht Lior auf. Zuerst öffnet sich eine kleine weiße Blüte an seinem Bauch. Dann eine rosafarbene an seiner Schulter. Eine gelbe lugt zwischen den Blättern auf seinem Kopf hervor. Immer mehr Blüten erscheinen, bis das kleine Kräutermonster von Kopf bis Fuß blühte. Lior schaut an sich hinunter.

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Am nächsten Nachmittag kommt der Junge wieder zum Wald. Lior wartet bereits am Lavendelbusch. Er hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Doch als er seinen neuen Freund auf dem Waldweg entdeckt, hüpft er ihm entgegen. Raschel, raschel, hüpf. Zuerst besuchen sie den Pfannkuchenpilz. Danach setzen sie sich ins Moos und erzählen einander alles, was ihnen einfällt.

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Von diesem Tag an trafen sie sich oft. Manchmal gehen sie auf Entdeckungstour. Manchmal sitzen sie einfach nebeneinander und lauschen dem Wald. Und jedes Mal, wenn das Kind lacht, wächst irgendwo zwischen Liors Blättern eine neue kleine Blume. Er hatte jemanden gefunden, der gern bei ihm blieb. Und manchmal war er vor Freude eben ein ganzer Blumengarten.

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Oskar Wunderwald
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Hinter dem Pseudonym Oskar Wunderwald steht der 1951 geborene Autor aus Hessen. Neben seinen liebevollen Geschichten für Kinder schreibt er unter einem anderen Namen auch Literatur für ein erwachsenes Publikum.

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