Alle Fotos und Videos: Jürgen Dirrigl
Nürnberg sang, tanzte, staunte und hörte genauer hin. Das 50. Bardentreffen wurde nicht zur Rückschauveranstaltung, sondern zu einem Fest der musikalischen Gegenwart: mit großen Namen, überraschenden Neuentdeckungen, politischer Cumbia, Fiddle-Power, Highlife, Neo-Soul – und Musik an beinahe jeder Ecke der Altstadt.
Die Gefahr großer Geburtstage ist bekannt: viel Rückblick, viel Selbstlob, viel Patina. Das Bardentreffen umging diese Falle. Natürlich war die eigene Geschichte überall anwesend. Entscheidend war jedoch, dass sie nicht als Vitrine behandelt wurde, sondern als Auftrag: weiter zuhören, weiter mischen, weiter überraschen.
Der Ton dafür war bereits am Donnerstag gesetzt. Beim Chor2Go unter Leitung von Katharina Schmerer und anschließend bei Sing Dela Sing blieb das Publikum nicht vor der Bühne stehen, um sich beschallen zu lassen. Die Menschen sangen. Liedtexte wurden projiziert, bekannte Pop- und Rocksongs wanderten vom Podium in den Platz, und aus vielen Einzelstimmen wurde ein großer, sicher nicht immer perfekter, aber gerade deshalb lebendiger Chor. Der Hans-Sachs-Chor setzte anschließend einen ganz anderen Klang dagegen. Das war mehr als ein nettes Mitmachformat. Es war eine Ansage: Dieses Festival gehört nicht nur denen, die oben stehen. Es entsteht zwischen Bühne und Publikum.
Tausende Menschen kamen zum Auftakt, und zugleich zeigte sich, wie schnell sich die Musik in die Straßen ausbreitete: 44days am Tiergärtnertorplatz, Bomba Azul mit kubanischen Klängen in der Bergstraße, die Bläsertruppe Mollton vor der Lorenzkirche. Am Freitag kamen unter anderem Borja Catanesi, Half Step Down, die Disco Dolphins, das Fürther Lehrerinnen-Orchester und El Mago Masin hinzu. Große Bühne und Straßenecke waren keine Konkurrenten, sondern zwei Seiten desselben Festivals.
Freitagabend: Liedkunst, Bläserwucht und eine Cumbia-Revolution
Der Freitag zeigte, wie weit das Bardentreffen seinen Begriff vom Lied Raum ließ. Auf dem Hauptmarkt trafen bei Stoppok & Artgenossen jahrzehntelange Songwriter-Erfahrung und wechselnde musikalische Biografien aufeinander. Joco, Jaimi Faulkner und Fools Garden bildeten dabei keine bloße Begleitmannschaft. sondern umrahmten einen Künstler, der deutsche Liedermacherei seit Jahrzehnten mit Ruhrpott-Seele, Blues, Rock und genauer Alltagsbeobachtung verbindet.
An der Insel Schütt setzte MOS aus Japan einen völlig anderen Akzent. Vier Musikerinnen, vier Blasinstrumente, choreografische Bühnenenergie und ein Sound, den die Gruppe selbst „Brass Psychedelics“ nennt. Das deutsche Debüt der Music Omotenashi Sisters machte klar, wie körperlich Blasmusik klingen kann, wenn sie nicht als Tradition verwaltet, sondern mit Tanz, Pop und Showlust kurzgeschlossen wird.
Am Sebalder Platz verband NENDA Hip-Hop, Spoken Word und Conscious Rap mit Indie-Rock, Jazz, Pop, Big-Band-Farben und sogar Jodelspuren. Kein musikalischer Gemischtwarenladen, vielmehr Teil ihrer Perspektive: Tirol, nigerianische Wurzeln, London, Schauspiel, Rap – mehrere Lebenswelten, die sich nicht auf eine Herkunftsmarke reduzieren lassen.
In St. Katharina jagte Rackajam aus Budapest Rock, Jazz, Soul und Blues durch ungarischen Balkan-Speed-Folk. Am Trödelmarkt zeichnete das Legiana Collective eine akustische Karte, die von den Pyrenäen über italienische Plätze bis in irische Pubs reichte. Und später standen die Abendgäste erneut vor der angenehm unmöglichen Entscheidung: Mine auf dem Hauptmarkt, Sarah Lesch am Trödelmarkt, Luca Vasta am Sebalder Platz, Frigg in St. Katharina – oder Doctor Krápula auf der Insel Schütt.
Diese Überschneidung war ärgerlich und großartig zugleich. Ärgerlich, weil man nicht überall sein konnte. Großartig, weil sie die Dichte dieses Bartentreffens zeigte.
Mine verband Pop, Hip-Hop, Folk, Elektro und Jazz mit deutschsprachigen Texten, die politische und persönliche Fragen nicht gegeneinander ausspielen. Luca Vasta servierte ihren „Spaghetti-Pop“ zwischen akustischem Songwriting, Achtzigerjahre-Erinnerung und Stranddisco. Frigg wiederum machte aus skandinavischem Folk und amerikanischem Bluegrass eine Fiddle-Maschine aus Violinen, Mandoline, Gitarre und Kontrabass. Und auf der Insel Schütt? Dort begann eine Cumbia-Party-Revolution.
Doctor Krápula: Musik die Worte und das Publikum tanzen lässt
Freitag. 21.30 Uhr. Insel Schütt. Doctor Krápula aus Bogotá. Ein Wow-Moment für viele vor der Bühne. Nicht nur, weil die Kolumbier einen verdammt guten, spanischsprachigen Live-Sound auf die Bühne bringenn. Nicht nur, weil Cumbia, Punk, Ska, Hip-Hop und Reggae mit einer solchen Selbstverständlichkeit ineinandergreifen, dass die Genregrenzen nach wenigen Minuten nur noch etwas für Karteikarten sind. Hier wurde nicht gegen etwas angeschrien. Hier wurde für das Leben gespielt.
Das klingt zunächst wie ein hübscher Satz. Auf der Bühne bekam er Substanz. Die Rhythmen waren offen, warm und vorwärtsdrängend. Cumbia und Ska zogen die Körper in Bewegung, Reggae ließ Raum, Punk gab Druck, der spanische Gesang trug Botschaft und Melodie zugleich. Im Mai erschien das Album „Arte Es Resistencia“ – 18 Titel beziehungsweise Instrumentalfassungen, darunter „No Borders“, „Fake Power“, „No Pienso Rendirme Jamás“ und der Titelsong.
Die Gruppe wurde 1998 in Bogotá gegründet und gehört seit langem zu den einflussreichen unabhängigen Rockformationen Lateinamerikas. Das Engagement reicht über Songtexte hinaus. Doctor Krápula initiierte Projekte zum Schutz von Umwelt und indigenen Territorien und erhielt 2016 in Kolumbien die Orden de la Democracia Simón Bolívar für Umweltaktivismus.
Infobox: Doctor Krápula
| Eckdatum | Information |
|---|---|
| Herkunft | Bogotá, Kolumbien |
| Gegründet | 1998 |
| Stil | Punk, Cumbia, Ska, Hip-Hop, Reggae, Rock und tropische Rhythmen |
| Aktuelles Album | Arte Es Resistencia, erschienen am 22. Mai 2026 |
| Besetzung | Mario Muñoz (Leadgesang), David Jaramillo (Bass und Gesang), Germán Martínez (Gitarre und Gesang), Sergio Acosta (Keyboards, Hammond, Akkordeon und Gesang), Nicolás Cabrera (Schlagzeug und Gesang); bei aktuellen Produktionen zusätzlich Ivan Carranza am Bass |
| Website | doctorkrapula.net |
Samstag: Die Genres wurden lustvoll zerlegt
Gangstagrass stellte bereits am Nachmittag auf dem Hauptmarkt die alte Behauptung auf den Kopf, Hip-Hop und Country seien kulturelle Gegensätze. Top-Bluegrass-Musiker, MCs, Banjo, Blues und elektronische Beats waren die gemeinsame Sprache.
In St. Katharina öffneten Lady Maisery mit mehrstimmigem Gesang und einer Vielzahl von Instrumenten den Raum zwischen traditionellem und zeitgenössischem Folk. Ihre Lieder über Schwesternschaft, menschliches Ringen und Lebensfreude setzten der späteren Abendwucht etwas Feines, aber keineswegs Kraftloses entgegen.
Auf dem Trödelmarkt gingen die katalanische Sängerin Magalí Sare und der Kontrabassist Manel Fortià auf musikalische Atlantikfahrt: Melodien von der Iberischen Halbinsel und aus Lateinamerika, neu gelesen mit der Risikofreude des Jazz. Am Sebalder Platz spielte Rackajam zum zweiten Mal an diesem Wochenende seinen wilden Balkan-Speed-Folk. Auf dem Hauptmarkt verband Mari Froes brasilianische Popularmusik, Bossa Nova, Samba und Jazz mit einer Stimme, die längst weit über Brasilien hinaus ihr Publikum gefunden hat.
Um 17.30 Uhr kam auf der Insel Schütt jener Moment, der diesen ohnehin starken Samstagnachmittag noch einmal auf ein völlig anderes Niveau hob. Acht Australierinnen und Australier betraten mit Ukulelen, Bläsern, Schlagwerk und dem verschmitzten Gesichtsausdruck einer Truppe die Bühne, die sehr genau wusste, was gleich passieren würde. Das Publikum wusste es noch nicht.
Jedes Lied erzählte eine eigene kleine Geschichte. Jede Wendung überrascht – und scheint im Rückblick trotzdem vollkommen logisch. Nicht bloß durch den Text, sondern durch das Arrangement: Ein Groove setzte an, wurde gebrochen, verschoben, beschleunigt oder von einem völlig anderen Rhythmus abgelöst. Stimmen übernahmen die Führung und gaben sie an Klarinette, Posaune, Saxofon, Violine oder Ukulele weiter. Unisono-Passagen standen neben Call-and-Response, harte Stopps neben weit geöffneten Gesangssätzen, fast kammermusikalische Präzision neben kontrollierter Bühnenanarchie. Die Wirkung entstand nicht aus wahlloser Kompliziertheit, sondern aus präziser Dramaturgie.
Die Arrangements wirkten wie kleine Drehbücher. Ein Motiv tauchte auf, verschwand, kam in anderer Besetzung zurück. Ein Bläsersatz kommentierte den Gesang, die Percussion schob eine neue Ebene darunter, dann wurde der musikalische Boden für einen Augenblick weggezogen. Dazu kam die Darstellung. Auf dieser Bühne passierte ständig irgendwo etwas, aber nichts wirkte wie eine Showeinlage, die man der Musik nachträglich angeklebt hätte. Die Band spielte nicht nur Songs. Sie inszenierte Miniaturen: mal schmutzig und kantig, mal komisch, mal plötzlich zart, dann wieder mit der Wucht einer sehr viel größeren Rockformation.
In der offiziellen Festivalbeschreibung wird die Gruppe die „gefährlichste Ukuleleband“ der Welt genannt. Nach diesem Konzert hatte der Satz einen wahren Kern: Gefährlich war die Band, die aus Adelaide stammt, für alle Vorurteile darüber, wie klein, harmlos oder musikalisch begrenzt eine Ukulele angeblich sein müsse. 2017 zunächst als Duo um Benjamin Roberts und Julian Ferguson begonnen, ist daraus ein achtköpfiges Kollektiv geworden. Die im Mai 2026 veröffentlichte EP „Essentially, My Life Is a Disaster“ zeigt diese aktuelle Formation in Studioform.
Infobox: Ukulele Death Squad
| Eckdatum | Information |
|---|---|
| Herkunft | Adelaide, South Australia |
| Gegründet | 2017; zunächst als Duo von Benjamin Roberts und Julian Ferguson |
| Aktuelle Formation | Achtköpfiges Kollektiv |
| Stil | Folk, Soul, Jazz, R&B, Latin, Pop, Rock und Ukulele-Punk mit Bläsersätzen, mehrstimmigem Gesang und Percussion |
| Aktuelle Veröffentlichung | Essentially, My Life Is a Disaster, EP vom 13. Mai 2026 |
| Frühe Auszeichnung | Best Music Act, Adelaide Fringe 2018 |
| Website | ukedeathsquad.com |
| Musik | Bandcamp |
| Mitglied | Instrumente und Aufgaben |
|---|---|
| Julian Ferguson („Cat Cutlet“) | Bariton-Ukulele, Gesang, Violine |
| Matthew Barker („Big Pink“) | Gesang, Klarinette |
| Ashlee Randell („Mamma“) | Gesang, Posaune |
| Reuben Legge („OCTOPUS“) | Saxofon, Schlagzeug, Gesang |
| Alice Barker („Ali-B“) | Gesang, Flügelhorn, Keyboards |
| Stephanie Roger („Silky Rogers“) | Ukulelenbass, Gesang |
| Ignacio Larralde („Nacho“) | Congas, Schlagzeug, Bariton-Ukulele |
| Eamon Roy („PiDge“) | Tenor-Ukulele, Mandoline beziehungsweise Gitarre |
Der Samstagabend: Funk, Timba, Humppa und Berliner Nylon-Punk
Wer nach diesem ohnehin schon wendungsreichen Nachmittag glaubte, der Samstag könne langsam auslaufen, hatte das Prinzip dieses Programms missverstanden. Die Butter Funk Family um den zweifachen Grammy-Gewinner Printz Board verband auf der Insel Schütt die Rauheit klassischen Funks mit modernem Groove, massiven Bläsersätzen und druckvollen Vocals. Am Lorenzer Platz legten The Green Apple Sea eine andere Temperatur an: warmer, detailreich arrangierter Alternative Country und Indie-Folk, dessen oft dunkle Themen von einer grundsätzlichen Zugewandtheit zum Menschen getragen werden.
In St. Katharina stand Die Nowak für Chanson, Punk, Pop und Indie mit Eigensinn, Schärfe und kontrollierter Verschrobenheit. Auf dem Hauptmarkt präsentierte Compota de Mañana ihre „Alternatimba“: kubanische Timba, moderne Sounds und visuelles Storytelling. Am Trödelmarkt verband das TransAtlantic Club Orchestra – Taco lateinamerikanische Musiktraditionen mit elektronischen Grooves, Synthesizern und europäischer Clubkultur.
Der Sebalder Platz verwandelte bekannte Rock-, Pop- und Metalhits mit Eläkeläiset in finnische Humppa-Polka. Die Insel Schütt bekam später mit Acht Eimer Hühnerherzen Berliner Nylon-Punk, minimalistische Drums, trockene Texte und jene Mischung, die die Band selbst zwischen Powerviolence-Folk, Kakophonie und Bindungsangst verortet.
Das war ein Abend, an dem man innerhalb weniger hundert Meter von kubanischer Timba zu finnischem Akkordeonwahnsinn, von detailverliebtem Indie-Folk zu Berliner Schnauze und von Funkbläsern zu elektronischem Latin-Club-Sound wechseln konnte. Wer danach noch Energie hatte, bekam mit NBGrooves auf der Insel Schütt den Übergang in die Nacht.
Sonntag: Die Schlussrunde wurde noch einmal zur Weltreise
Der Sonntag begann auf dem Hauptmarkt mit Šuma Čovjek und einer transkulturellen Form des Balkan-Pop. Gesungen wurde auf Französisch, Kroatisch und Arabisch; Streicher, Bläser, Rap und orientalische Rhythmen trafen aufeinander. Entscheidend war erneut nicht, jedes Wort zu verstehen. Entscheidend war, dass Gefühl, Haltung und Bewegung die Sprachgrenzen übernahmen.
Später bewies El Pony Pisador aus Barcelona, dass musikalische Neugier auch Humor haben darf. Katalanische Lieder und Tänze, keltische und mediterrane Melodien, Balkanrhythmen, Jodeln, tuwinischer Kehlgesang und mehrstimmige Traditionen wurden nicht als Kuriositätenkabinett vorgeführt, sondern in einen abenteuerlichen Folk-Mix verwandelt.
In St. Katharina gingen Magalí Sare und Manel Fortià ein zweites Mal auf ihre riskante Jazzreise, bevor K.ZIA R&B, Soul, Afro-Pop und Hip-Hop zu Neo-Soul verband. Am Sebalder Platz verschmolz An Dannsa Dub gälischen Gesang und Instrumente der schottischen Volksmusik mit digitalem Dub, schweren Basslinien und der gemeinschaftlichen Energie zwischen Cèilidh und Soundsystem-Session.
Auf der Insel Schütt hielten Ecos de Siboney die Kompositionen von Compay Segundo lebendig – gespielt von drei seiner Enkel. Danach trugen The Cavemen, die nigerianischen Brüder Kingsley Chukwudi Okorie und Benjamin Chukwudi James, Highlife in die Gegenwart. Bass und Schlagzeug wurden zum Zentrum einer Musik, die Highlife, Afrobeat, Jazz und Soul nicht nostalgisch nachzeichnete, sondern an die nächste Generation weitergab.
Der Hauptmarkt gehörte am Abend Mal Élevé. Reggae, Dancehall, Ska, Rap und Punk wurden bei ihm zum Treibstoff einer politischen Musik, die sich schlechten Nachrichten nicht ergibt. Sein Schlüsselwort lautet Resilienz: Widerstandsfähigkeit nicht als stilles Aushalten, sondern als Bewegung, Optimismus und gemeinschaftliche Energie.
In St. Katharina meldeten sich Freshlyground nach längerer Pause mit neuer Frontstimme zurück. Die 20-jährige Mbali Makhoba stand im Zentrum jener südafrikanischen Afro-Fusion, die afrikanische Stile mit Pop, Jazz und Blues verbindet. Am Sebalder Platz spielte Norbert Schneider eigensinnigen Austro-Blues mit Jazz und Funk im Wiener Dialekt. Am Lorenzer Platz machten The Great Bertholinis aus Indie, Folk, Weltmusik, Bläserpracht und Schlagzeuggewittern eine Melancholie, die das Tanzen lernte.
Der Trödelmarkt wählte für den Abschied die vielleicht bardentreffendste Form: Bei der Profolk-Session durften Gäste und Festivalmusiker gemeinsam spielen, singen und tanzen. Kein starrer Schlussakkord, sondern ein offenes Ende.
Und die Insel Schütt? Dort setzte Systema Solar den finalen Bewegungsbefehl. Cumbia, Fandango, Champeta, Bullerengue und weitere karibische Stile trafen auf Hip-Hop, House, Techno, Breakbeats, Scratching und Live-Video. Das kolumbianische Musik- und Visualkollektiv nennt diese Welt „Berbenautika“. Stillstehen war in ihr nicht vorgesehen.
Die eigentlichen Headliner standen oft an der nächsten Ecke
So groß die Namen und so dicht die Abendprogramme waren: Die Seele des Bardentreffens lag weiterhin dort, wo keine LED-Wand den Blick lenkte. Vor Kirchen, an Hausecken, auf Treppen und zwischen Cafés entstanden kleine Zuschauerkreise, lösten sich wieder auf und bildeten sich wenige Meter weiter neu.
Wer hier spielte, musste Aufmerksamkeit nicht verwalten, sondern gewinnen. Ein guter Refrain, ein unerwartetes Solo oder eine Stimme mit Charakter genügten. Dann wurde aus Laufkundschaft ein Publikum.
Beim Bardentreffen entscheidet sich der nächste musikalische Schritt deshalb selten nur nach einem Plan. Man hört einen Rhythmus aus einer Seitengasse, bleibt stehen, verliert zehn Minuten und gewinnt eine Band. Man folgt einem Bläsersatz, biegt falsch ab und landet genau richtig. So entsteht kein sauber durchnummeriertes Kulturprogramm, sondern eine Kette kleiner Zufälle.
Gerade in einer Zeit, in der Plattformen aus unserem bisherigen Geschmack berechnen, was uns als Nächstes gefallen soll, ist das beinahe radikal: Nürnberg überließ die Entdeckung wieder den Ohren.
Nicht jede Entdeckung braucht einen Headlinerstatus, eine Kampagne oder einen Algorithmus. Manchmal braucht sie nur drei Quadratmeter Pflaster, ein offenes Instrumentenetui und Menschen, die noch nicht wissen, dass sie gleich stehen bleiben werden.
Sieben Konzerte bleiben auch nach dem Festival sichtbar
Der Bayerische Rundfunk übertrug sieben ausgewählte Konzerte und kündigte sie anschließend dauerhaft in der ARD-Mediathek an: Mine, Gangstagrass, Compota de Mañana, K.ZIA, The Cavemen, Freshlyground und Systema Solar. Dazu kamen mehrteilige Radiomitschnitte auf Bayern 2.
Das ist mehr als ein Medienservice für alle, die nicht gleichzeitig auf mehreren Plätzen stehen konnten. Es bewahrt einen Teil jener musikalischen Breite, die nach dem letzten Ton sonst nur in Erinnerung, Fotos und privaten Videos weiterlebt. Zugleich bleibt klar: Kein Stream ersetzt den Moment, in dem der Bass über das Pflaster kommt, ein Platz gemeinsam singt oder eine bis dahin unbekannte Band innerhalb weniger Minuten zum persönlichen Höhepunkt wird. Die Konzertmitschnitte und das Festivaldossier des BR sind deshalb kein Ersatz für das Bardentreffen.
Was nach dem letzten Ton bleibt
Das Bardentreffen 2026 hat sein Jubiläum nicht dadurch eingelöst, dass es besonders laut auf die eigene Vergangenheit zeigte. Es hat es eingelöst, indem es im Hier und Jetzt funktionierte: Menschen sangen gemeinsam, internationale Formationen zerlegten musikalische Grenzen, Straßenbands verwandelten Durchgangsorte in kleine Bühnen. Am Ende bleibt deshalb kein einzelnes Genre und keine sauber sortierte Bestenliste. Es bleibt dieses seltene Gefühl, etwas gefunden zu haben, nach dem man gar nicht gesucht hatte. Für ein Musikfestival gibt es kaum ein größeres Kompliment.
Quellen und weiterführende Links
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Bardentreffen 2026: So klang das Jubiläum von Cumbia bis Ukulele-Punk (Bilder & Videos)





























