Die kleine Maus Dodo lebt an einem Ort, den kaum jemand bemerkt: hinter einer schmalen, leicht abstehenden Sockelleiste in einer kleinen Boutique. Für die Menschen ist es nur ein winziger Spalt im Holz. Für Dodo ist es ein Zuhause, ein Versteck und ein Fenster in eine Welt voller Wunder.
Tagsüber ist es in der Boutique lebendig. Die Türglocke klingelt, Schritte huschen über den Boden, Stoffe rascheln, und Stimmen erfüllen den Raum. Dodo sitzt dann ganz still in ihrem Versteck und späht vorsichtig durch den Spalt. Ihr entgeht kaum etwas.
Sie sieht, wie Menschen vor den Spiegeln stehen, sich drehen, lächeln oder die Stirn runzeln. Sie hört von ersten Verabredungen, großen Festen und besonderen Anlässen. Manchmal hört sie auch die leisen Wünsche dazwischen: schöner zu sein, mutiger oder einfach ein bisschen mehr man selbst. Dodo versteht nicht jedes Wort. Aber sie spürt die Gefühle dahinter, und das genügt.
Am meisten liebt sie die Stoffe. Seide, die im Licht schimmert wie ein ruhiger See. Spitze, so fein, dass sie aussieht wie gefrorene Luft. Samt, der das Licht verschluckt und es in weiche Dunkelheit verwandelt. Wenn die Verkäuferinnen die Kleider glattstreichen, läuft Dodo manchmal ein kleiner Schauer durchs Fell.
Wenn am Abend die Tür ein letztes Mal ins Schloss fällt und es in der Boutique still wird, beginnt Dodos liebste Zeit. Vorsichtig schiebt sie die Sockelleiste ein Stück zur Seite und schlüpft hinaus. Der Raum wirkt nun riesig und geheimnisvoll. Die Kleider hängen wie schlafende Gestalten in langen Reihen. Durch das Schaufenster fällt Mondlicht und tauchte alles in einen sanften, silbrigen Schimmer. Dann machte Dodo ihre kleinen Spaziergänge.
Sie klettert an Stoffbahnen hinauf, lässt sich an Ärmeln hinunterrutschen und streicht mit ihren winzigen Pfoten über die verschiedenen Stoffe. Besonders liebt sie die Spitze. Wenn sie sich in ihre weichen Falten setzt, ist ihr, als sitz sie mitten in einem zarten Netz aus Geschichten. Dann stellt sie sich vor, sie wäre eingeladen. Zu einem Ball vielleicht. Oder zu einem festlichen Abend, bei dem alle lachen und tanzen. In ihrer Vorstellung trägt sie die feinste Spitze. Manchmal dreht sie sich tatsächlich ein wenig auf der Stelle. Nur ganz vorsichtig.
Doch eines Nachts geschieht etwas …
Sie sitzt in den Falten eines besonders zarten Spitzenkleides und träumt vor sich hin. Als sie den Kopf hebt, begegnete ihr Blick dem einer kleinen Maus. Dodo hält inne. Da sitzt sie. Klein. Rund. Mit feinen Schnurrhaaren und weichem, graubraunem Fell. Eine Weile betrachtet Dodo die fremde Maus. Langsam steht sie auf. Die andere Maus auch.
Das Fell glänzt im Mondlicht. Es sieht dicht und warm aus wie eine schützende Decke. Ihre Augen funkeln neugierig. Dodo neigt den Kopf. Die andere Maus auch. „Ist die schön“, denkt Dodo. Es war ein leiser Gedanke. Einer, über den sie selbst ein bisschen staunt.
Sie hebt eine Pfote. Die andere Maus ebenfalls. Dodo wackelt mit der Nase. Die andere Maus macht es ihr nach. Da begreift sie plötzlich. „Das … das bin ja ich!“ Zum allerersten Mal in ihrem Leben sieht Dodo ihr eigenes Spiegelbild. Bisher hatte sie bei ihren nächtlichen Spaziergängen nur Augen für all die schönen Stoffe.
Noch einen Moment bleibt sie stehen und betrachtet ihre Schnurrhaare, ihre runden Ohren und die kleine Nase. All das gehört zu ihr. Und all das hat sie gerade schön gefunden, ohne zu wissen, dass sie selbst die kleine Maus war. Dodo lächelt.
In dieser Nacht probiert sie keine Kleider mehr an. Sie setzt ihren Rundgang fort, streicht über die Seide und lässt ihre Pfoten im weichen Samt versinken. Auch die Spitze liebt sie noch genauso sehr. Und natürlich wird sie sich weiterhin festliche Abende ausmalen, mit Musik, Tanz und Kleidern, die bei jeder Bewegung rascheln. Nur musst sie dafür keine andere werden.
Draußen beginnen die ersten Vögel zu singen. Der silbrige Schimmer im Laden weicht langsam dem Licht des Morgens. Dodo macht es sich auf einem weichen Kleidersaum gemütlich und schliesst die Augen. Sie denkt noch einmal an die kleine Maus im Spiegel. Wie gut es sich anfühlt, sich selbst zu mögen.

Oskar Wunderwald
Hinter dem Pseudonym Oskar Wunderwald steht der 1951 geborene Autor aus Hessen. Neben seinen liebevollen Geschichten für Kinder schreibt er unter einem anderen Namen auch Literatur für ein erwachsenes Publikum.
Die kleine Maus Dodo entdeckt etwas Wunderschönes
