Titelfoto: Chr. Rippkens
Ein Metalcore-Breakdown, der plötzlich zum Dancefloor wird. Ein Popsong, der seine Zähne zeigt. Techno, der auf verzerrte Gitarren trifft, ohne dass irgendjemand erklären müsste, warum. Auf ihrem neuen Album „TANZNEID“ treiben Electric Callboy ihren unverwechselbaren Sound weiter.
Man könnte versuchen, „TANZNEID“ in eine Schublade zu stecken. Electronicore vielleicht. Metalcore mit EDM. Dance-Metal. Irgendetwas mit Techno. Man könnte es aber auch einfach lassen. Denn Electric Callboy sind inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem die Frage nach dem Genre beinahe uninteressanter geworden ist als die Frage, warum all diese musikalischen Gegensätze bei ihnen überhaupt so selbstverständlich funktionieren.
Vor wenigen Tagen wurde das siebte Studioalbum der Band veröffentlicht. Vier Jahre liegen zwischen ihm und „TEKKNO“ – jenem Album, mit dem Electric Callboy endgültig aus der Metalcore-Nische herausgewachsen sind und ihren Weg auf die großen internationalen Festival- und Arenabühnen fortsetzten. Eine Neuerfindung wäre danach vermutlich der naheliegendste Schritt gewesen. Doch die Band wählt den interessanteren Move: Sie bleiben bei ihrer musikalischen Sprache – und erweitern deren Wortschatz.

Wenn aus einem Breakdown plötzlich ein Beat wird
Elektronik ist auf diesem Album keine Dekoration, die über einen Metalcore-Song gelegt wird. Sie bestimmt Rhythmus, Dramaturgie und teilweise sogar die Architektur der Stücke. Ein Synthesizer kann einen Song ebenso tragen wie ein Gitarrenriff. Ein elektronischer Build-up übernimmt die Funktion, die im Metal früher vielleicht ein klassisches Intro erfüllt hätte. Und wenn schließlich der Breakdown einsetzt, wirkt er nicht wie der Gegenentwurf zum Dancefloor – sondern manchmal wie dessen logische Fortsetzung.
Die Übergänge sind fließender geworden. Wo frühere Songs mitunter bewusst vom einen Extrem ins andere sprangen, wirken die verschiedenen Welten zunehmend miteinander verwachsen. Techno, Pop und Metalcore wechseln sich nicht mehr nur ab, sie beginnen, dieselbe Sprache zu sprechen.
„TANZNEID“ gibt den Puls vor
Der Titeltrack liefert dafür beinahe die Gebrauchsanweisung. „TANZNEID“ denkt zunächst stärker in Bewegung als in Härte. Der Beat gibt den Puls vor, elektronische Flächen bauen Spannung auf, Stimmen und Rhythmus treiben nach vorne. Erst dann öffnet sich der Song in jene brachiale Welt, für die Electric Callboy ebenso bekannt sind. Doch selbst dort bleibt der Groove erhalten. Das ist entscheidend. Denn die Breakdowns funktionieren inzwischen nicht mehr ausschließlich als Moment des musikalischen Zusammenbruchs. Sie sind rhythmische Höhepunkte. Der Körper soll reagieren. Ob mit Headbangen, Springen oder Tanzen, scheint dabei beinahe nebensächlich. Der Albumtitel formuliert das Prinzip einer Platte, auf der Härte und Bewegung nicht gegeneinander arbeiten.
Sallachs Stimme erlaubt Electric Callboy beinahe unverschämt eingängigen Popmelodien, vor denen viele härtere Bands noch immer zurückschrecken würden. Ratajczaks Screams setzen den Gegenpol. Damit entsteht ein permanentes Spiel mit Erwartungen. Man hört einen Refrain und glaubt zu wissen, wohin der Song führt. Meistens sollte man diesem Gefühl nicht vertrauen.
„RATATATA“ – kontrolliertes Chaos mit BABYMETAL
Mit „RATATATA“ treffen schließlich zwei Bands aufeinander, deren musikalische Konzepte auf dem Papier eigentlich schon jeweils für sich überladen genug erscheinen müssten. Die japanische Kawaii-Metal-Ästhetik trifft auf Electronicore aus Deutschland, helle Stimmen auf Screams, zuckersüße Melodien auf schwere Gitarren und elektronische Beats. Keine der beiden Bands muss ihre Identität für die andere aufgeben. Gerade deshalb wirkt „RATATATA“ nicht wie ein klassischer Gastauftritt, sondern wie ein gemeinsamer Song. Daran konnte man sich allerdings schon längst gewöhnen, denn einige Titel auf der Scheibe wurden schon vor längerer Zeit veröffentlicht. Wer Electric Callboy verfolgt, hatte einen erheblichen Teil der Platte längst gehört, gesehen und vermutlich mehrfach gestreamt. Die Platte funktioniert deshalb vielleicht weniger als Überraschungspaket denn als vollständiges Bild einer musikalischen Phase.
Fazit: „TANZNEID“ ist weniger die Neuerfindung von Electric Callboy als die Verfeinerung einer musikalischen Idee, die eigentlich nicht funktionieren dürfte. Genau darin liegt ihr Reiz. Zwischen Rave und Riff, Pop und Metal, Leichtigkeit und brachialer Härte haben Electric Callboy längst aufgehört, Grenzen einzureißen. Sie tun inzwischen einfach so, als hätte es diese Grenzen nie gegeben.

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Electric Callboy: “Tanzneid” lässt Metalcore und Techno verschmelzen – die Albumrezension

