alle Foto: B. Haberland
Was verrät ein flüchtiger Blick? Wie viel lässt sich aus einer unbewussten Geste herauslesen? Und wie gut kennen wir eigentlich unsere eigenen Gedanken? Thorsten Havener beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit genau diesen Fragen – und bringt sein Publikum dabei regelmäßig zum Staunen. Der Mentalist, Gedankenleser und Bestsellerautor versteht es, Körpersprache, Wahrnehmung und menschliche Verhaltensmuster so miteinander zu verbinden, dass selbst vermeintlich sichere Gewissheiten plötzlich ins Wanken geraten.
Am Samstag, 17. Oktober 2026, um 19.30 Uhr ist er mit seinem Programm „Alles Kopfsache?“ im König Albert Theater in Bad Elster zu erleben. In seiner Gedankenleser-Show verbindet er die Erfahrungen aus zwei Jahrzehnten mit seinem Wissen über Intuition, Emotionen und die Macht unserer Gedanken. Dabei wird das Publikum selbst zum Teil des Geschehens.
Im Interview spricht er über Begegnungen, Kommunikation und was er an seinem Gegenüber möglicherweise zuerst entdeckt:
Sie beobachten Menschen seit Jahrzehnten sehr genau. Was verraten wir über uns, noch bevor wir überhaupt den Mund aufmachen?
Ziemlich viel. Fast alles, ehrlich gesagt. Ich habe das während meines Studiums gelernt, in der Dolmetscherkabine. Ich saß da und musste Redner übersetzen – und irgendwann habe ich angefangen, weniger auf das zu achten, was einer sagt, und mehr darauf, wie er es sagt. Plötzlich sah ich, wann jemand sein Thema wechselt, bevor er den ersten Satz dazu ausgesprochen hatte. Unser Körper ist meistens eine Spur schneller als unsere Worte. Der Gang verrät die Stimmung – ein trauriger Mensch geht anders als ein wütender, und das erkennen wir alle sofort, ohne es je gelernt zu haben. Die Haltung, das Tempo, wohin die Füße zeigen. Nur, und das ist mir wichtig: Es gibt keine Gebrauchsanweisung. Keine einzelne Geste sagt Ihnen etwas über den ganzen Menschen. Verschränkte Arme heißen eben nicht automatisch „der blockt ab“. Es ist immer das Zusammenspiel. Wer nur einzelne Signale abhakt, liegt meistens daneben.
Wenn Sie einem Menschen zum ersten Mal begegnen: Was nehmen Sie in den ersten zehn Sekunden wahr, was anderen vermutlich entgeht?
Ehrlich? In den ersten Sekunden analysiere ich gar nicht. Das ist ein Irrtum, den viele über mich haben – als würde ich jemanden wie einen Barcode scannen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich versuche, möglichst neutral wahrzunehmen, ohne sofort zu urteilen. Denn sobald ich denke „der ist mir unsympathisch“ oder „die verbirgt was“, suche ich nur noch nach Bestätigung dafür und übersehe alles andere. Was mir dann auffällt, ist selten eine einzelne Sache. Es ist das Zusammenspiel – ich sage gern: Körpersprache ist ein Symphonieorchester, da gibt es keine Solisten. Passt zusammen, was jemand sagt, und wie er dabei aussieht? Der Gang, die Stimme, das Tempo, wohin die Füße zeigen. Und vor allem: Wo weicht etwas vom Normalen ab? Die Veränderung ist das Interessante, nicht der Einzelmoment. Was anderen entgeht, ist meistens gar kein geheimes Signal – sondern schlicht, dass die meisten in den ersten Sekunden schon mit ihrem Urteil fertig sind, statt hinzusehen.
Sie sagen, Sie seien kein Hellseher, sondern ein „Hinseher“. Haben wir verlernt, wirklich hinzusehen?
Ja, den Satz hat Markus Lanz einmal über mich gesagt, und das trifft es recht gut. Ich glaube, wir haben es nie richtig gelernt – und heute schauen wir eher noch weniger hin. Hellsehen kann ich nicht, das behaupte ich auch gar nicht. Was ich kann, ist hinsehen. Genau hinsehen. Klingt so einfach, ist aber sehr komplex. Die meisten Menschen schauen ihr Gegenüber an und sehen dabei vor allem sich selbst – ihre Erwartung, ihr Urteil, das Bild, das sie ohnehin schon im Kopf haben. Wir nehmen am liebsten das wahr, was unsere Meinung bestätigt, den Rest blenden wir aus. Und wenn dann noch das Handy auf dem Tisch liegt, kriegt der Menschgegenüber sowieso nur die halbe Aufmerksamkeit. Hinsehen heißt: die eigenen Gedanken einen Moment zurückstellen und den anderen wirklich anschauen – neutral, neugierig. Das verändert erstaunlich viel. Nicht nur, was Sie über andere erfahren, sondern auch, wie andere sich in Ihrer Gegenwart fühlen.
Wie leicht sind Menschen tatsächlich zu manipulieren – und merken wir überhaupt, wenn es passiert?
Leichter, als uns lieb ist. Und nein, meistens merken wir es nicht – das ist ja gerade der Trick. Der Psychologe Robert Cialdini hat das auf sechs Prinzipien heruntergebrochen: Gegenseitigkeit, Konsistenz, soziale Bewährtheit, Sympathie, Autorität und Knappheit. „Nur noch zwei Zimmer verfügbar“ – Knappheit. „Tausende zufriedene Kunden“ – soziale Bewährtheit. Das läuft ganz automatisch in uns ab, eine Art Energiesparmodus im Kopf. Der ist eigentlich sinnvoll, wir kämen sonst durchkeinen einzigen Tag. Nur: Wer die Knöpfe kennt, kann sie drücken. Und gerade wenn wir unter Druck stehen oder von Informationen überflutet werden – und das sind wir heute rund um die Uhr –, werden wir anfälliger. Deshalb rede ich auf der Bühne und in meinen Büchern so offen darüber. Nicht, damit Sie andere manipulieren. Sondern damit Sie es sehen, wenn jemand es bei Ihnen versucht. Wer ein Prinzip einmaldurchschaut hat, geht ihm nicht mehr so leicht auf den Leim.

Gibt es einen Körpersprache-Mythos, den Sie gerne ein für alle Mal aus der Welt schaffen würden?
Oh ja, und zwar sofort: die verschränkten Arme. Fast jeder ist überzeugt, dass sie bedeuten „der macht dicht, der lehnt mich ab“. Das ist eine der am meisten missverstandenen Gesten überhaupt. Oft ist es das genaue Gegenteil. Zwei Menschenunterhalten sich auf einer Party, einer verschränkt die Arme – das ist häufig ein Signal an alle anderen im Raum: „Sprecht mich jetzt nicht an, das Gespräch ist zu spannend.“ Manchmal umarmt sich jemand damit einfach selbst, weil er sich unwohlfühlt. Und manchmal ist ihm schlicht kalt. Dahinter steckt aber der eigentliche Mythos, den ich am liebsten für immer aus der Welt schaffen würde: dass Körpersprache ein Wörterbuch sei. Arme verschränkt gleich Ablehnung, nach vorn gebeugt gleich Interesse – so einfach ist es eben nicht. Keine Geste für sich allein sagt Ihnen etwas über den ganzen Menschen. Wer Körpersprache wie eine Gebrauchsanweisung liest, liegt daneben und beurteilt seine Mitmenschen oft völlig falsch. Es geht immer um den Zusammenhang.
Hat Ihre Berufung Ihr Menschenbild über die Jahre verändert – sind Sie misstrauischer geworden oder vielleicht sogar verständnisvoller?
Eindeutig verständnisvoller. Ich hätte selbst gedacht, dass es umgekehrt kommt –je mehr man hinter die Fassade sieht, desto misstrauischer wird man. Bei mir war es andersrum. Wenn man Menschen jahrzehntelang genau beobachtet, sieht man vor allem eines: wie viel Unsicherheit hinter den meisten Gesten steckt. Der vermeintlich arrogante Typ, der sich breit macht – der hat oft einfach nur Angst. Die verschränkten Arme sind selten Ablehnung, meistens Selbstschutz. Man lernt, hinter das Verhalten zu schauen, und dann ist es schwer, jemandem noch böse zu sein. Dazu kommt eine Haltung, die mir wichtig ist: die absichtslose Freundlichkeit. Also jemandem etwas Gutes tun, ganz ohne Hintergedanken, ohne mir einen Vorteil zu verschaffen. Und ich bin überzeugt: Die Welt ist das, wofür wir sie halten. Wer allen misstraut, findet überall Bestätigung dafür. Wer den Menschen erst mal Gutes zutraut, meistens auch. Ich habe mich für Letzteres entschieden – nicht aus Naivität, sondern weil ich weiß, dass meine Erwartung mitbestimmt, wie andere sich mir gegenüber verhalten.
Haben Sie das Gefühl, dass Menschen, die Ihnen privat begegnen, beeinflusst sind von dem, was Sie öffentlich machen?
Ja, ständig. Die häufigste Reaktion, wenn ich neue Leute treffe, ist ein halb im Scherz gesagtes: „Oh, jetzt bloß nicht an was Falsches denken!“ Als könnte ich beim Händeschütteln ihr Innerstes auslesen. Manche machen sich regelrecht steif, versuchen eine Art Pokerface – und werden dadurch natürlich erst recht lesbar, weil das ja nicht ihr normales Verhalten ist. Dabei ist das Letzte, was ich privat tue, Menschen zu analysieren. Das wäre anstrengend und ich wäre auch kein angenehmer Gesprächspartner. Auf der Bühne ist das mein Beruf, im Privaten bin ich eher zurückhaltend. Das Schöne ist: Nach zehn Minuten vergessen die meisten ihre Sorge und sind einfach sie selbst.
Wir kommunizieren immer häufiger über WhatsApp, soziale Medien oder Videocalls. Was passiert mit unserer Menschenkenntnis, wenn wir einander immer weniger unmittelbar erleben?
Wir verlieren unser Übungsfeld. Menschenkenntnis ist ja nicht nur Talent, mit dem man geboren wird – es ist vor allem Fleiß und Übung. Wir lernen sie, indem wir tausende echte Begegnungen erleben, mit allem, was dazugehört: Tonfall, Tempo, die winzige Pause, bevor jemand antwortet, wie er den Raum betritt. Eine Textnachrichtstreicht das alles weg. Da bleibt nackter Text, und in den hineindeuten wir dann unsere eigene Stimmung – deshalb entstehen so viele Missverständnisse per WhatsApp. Der Videocall ist besser, aber auch da fehlt das Wesentliche: Ich sehe ei nGesicht in einem Kästchen, nicht den ganzen Menschen, nicht die Hände unter dem Tisch. Und ich sehe vor allem mich selbst in der Ecke, was uns alle ein bisschen zu Schauspielern macht. Zum reinen Informationsaustausch sehr praktisch, aber es geht schon was verloren. Denn, wie bei jedem Muskel auch, gilt: Was man nicht benutzt, bildet sich zurück. Wer nur noch tippt, verlernt das Lesen. Deshalb ist echte Begegnung wertvoller denn je – und, nebenbei, wohl auch ein Grund, warum die Leute wieder in Theater kommen und etwas gemeinsam, live erleben wollen.
Filter, perfekt inszenierte Profile, KI-generierte Bilder: Wir können unser Außenbild heute stärker kontrollieren als je zuvor. Sind Menschen dadurch schwieriger zu durchschauen – oder gerade leichter?
Beides – und das ist das Spannende. Online sind Menschen schwerer zu durchschauen, weil sie genau das zeigen, was wir sehen sollen. Ein perfekt inszeniertes Profil ist wie ein auswendig gelernter Text: Es sagt mir viel über das Bild, das jemand von sich haben möchte, aber wenig über den Menschen dahinter. Da helfen mir all meine Werkzeuge wenig – ich brauche die echte Reaktion, die ungeplante Sekunde. Und die wird auf Social Media oft weggefiltert. Andererseits wird gerade die Perfektion selbst zum Verräter. Wenn alles glatt, kontrolliert und makellos ist, spüren wir instinktiv: Hier stimmt was nicht, so ist kein Mensch. Der größte Aufwand, sich zu verbergen, ist am Ende oft das deutlichste Signal, dass es etwas zu verbergen gibt. Was mir dabei mehr Sorge macht als die Filter: Wir gewöhnen uns an diese geglätteten Bilder und halten sie irgendwann für den Maßstab. Und wenn wir die Welt nur noch durch Filter betrachten, verlieren wir das Gefühl dafür, wie ein echter Mensch überhaupt aussieht – und dass Macken und Eigenarten uns erst zu Menschen machen.
Wenn Sie Jugendlichen eine einzige Fähigkeit im Umgang mit Manipulation und sozialen Medien beibringen könnten – welche wäre das?
Die Fähigkeit innezuhalten und zu fragen: „Warum will ich das gerade – und wem nützt es?“ Fast jede Manipulation lebt vom Tempo. Sie funktioniert, weil wir sofort reagieren, im Autopilot, ohne nachzudenken. „Nur noch heute!“, „Alle machen mit!“, „Wenn du ein echter Freund wärst …“ – das zielt immer auf den schnellen, unüberlegten Reflex. Wer gelernt hat, in genau diesem Moment eine Sekunde innezuhalten, hat schon halb gewonnen. Ich würde einem Jugendlichen sagen: Du musst nicht jedem Impuls sofort folgen, nur weil er gerade auftaucht oder weil dein Handy vibriert. Diese kleine Pause zwischen Reiz und Reaktion – das ist die eigentliche Freiheit. Und das Schöne: Man kann das üben wie eine Vokabel. Nicht durchschaut werden, indem man selbst durchschaut, wie das Spiel läuft. Nichtmisstrauisch durchs Leben gehen, sondern wach.
Sie können Aufmerksamkeit lenken und Wahrnehmung beeinflussen. Wann gelingt es jemandem, Sie selbst aus dem Konzept zu bringen?
Nicht das, was die meisten vermuten. Ein ungeplanter Moment auf der Bühne – das bringt mich nicht aus der Ruhe, im Gegenteil, damit rechne ich, und die Überraschung ist auf der Bühne oft ein Geschenk. Da kann man als Künstler zeigen, dass man sein Handwerk versteht. Oft bleiben diese Momente dem Publikum besonders in Erinnerung, weil die Zuschauer merken: Das passiert nicht jeden Abend. Was mir hilft, ruhig zu bleiben, ist ein einfacher Grundsatz: Ich richte meine ganze Aufmerksamkeit nach außen, auf mein Gegenüber, nicht nach innen auf mich. Wer bei sich selbst und seiner Nervosität bleibt, wird nervös. Wer ganz beim anderen ist, hat für Lampenfieber gar keinen Platz mehr. Aber ich bin ja nicht nur Mentalist, sondern auch Familienvater, und da kann ich Ihnen sagen: Die schaffen es immer wieder, mich zu überraschen. Vor vielen Jahren hat meine Frau eine Überraschungsparty für mich organisiert. Es kamen Freunde aus der ganzen Welt – eine logistische Meisterleistung. Und ich hatte bis zum Betreten unserer Wohnung keinen Schimmer, dass sie das alles im Geheimen geplant hatte. Ich liebe solche Geheimnisse. Ohne Geheimnisse wäre das Leben fad.
Gibt es einen Satz, bei dem Sie sofort hellhörig werden – z.B.: „Ganz ehrlich …“?
Ja, „Ganz ehrlich …“ gehört tatsächlich dazu – genau wie „Um ehrlich zu sein“ oder „Du wirst es nicht glauben“. Denn wer die Wahrheit sagt, muss sie selten extra als ehrlich ankündigen. Solche Vorsätze sind oft kleine Beruhigungspflaster, die jemand sich selbst aufklebt. Hellhörig werde ich auch, wenn jemand plötzlich das Wörtchen „ich“ vermeidet und ins Unpersönliche wechselt – „man macht das halt so“, „da kann ja jeder mal“ –, weil er unbewusst Abstand zwischen sich und die Sache bringt. Oder wenn einer auf eine einfache Frage mit auffallend vielen, überflüssigen Details antwortet. Aber – und das ist mir wirklich wichtig – nichts davon ist ein Beweis. All diese Signale zeigen nur eines an: Stress. Und Stress hat tausend Gründe. Vielleicht flunkert der Mensch. Vielleicht ist ihm die Frage nur unangenehm, oder er ist einfach aufgeregt. Selbst geschulte Polizisten liegen beim Erkennen einer Lüge im Schnitt bei fünfzig zu fünfzig – also so gut wie eine Münze. Wer glaubt, er hätte einen eingebauten Lügendetektor, irrt sich meistens. Ich werde bei solchen Sätzen nicht misstrauisch – ich höre nur genauer hin.
Nachgefragt bei Thorsten Havener
| Lieblingsessen: Ein butterzarter Tafelspitz, frisch geriebener Meerrettich, kräftige Brühe, Wurzelgemüse und ein guter Rösti. Dazu ein Tegernseer. Und Pasta in allen Variationen. |
| Lieblingsmusik: Da kann ich mich nicht festlegen, es kommt auf meine Stimmung an. John Mayer, Robben Ford oder auch Dire Straits – aber auch Jan Garbarek, Keith Jarrett oder auch Glenn Gould oder Anne-Sophie Mutter. |
| Lieblingswort: Freiheit |
| Lieblingsort: Kalifornien |
| Lieblingsmoment: Da habe ich zwei: der Moment ganz kurz vor Showbeginn und das Abendessen an Weihnachten. |
TICKETS: König Albert Theater
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Thorsten Havener: “Wer Körpersprache wie eine Gebrauchsanweisung liest, liegt daneben und beurteilt seine Mitmenschen oft völlig falsch.”

