Nachrichten VogtlandEine Symphonie aus Licht und Farbe: Von Monet bis Signac im Museum Barberini

Über Kunst, die immer wieder dieselbe Frage stellt: Wie lässt sich die Welt auf eine neue Weise sichtbar machen?

Ein Meer aus Blau, ein Himmel voller Licht, Segelboote, die beinahe schwerelos auf dem Wasser liegen. Was aus der Ferne wie eine leuchtende Landschaft erscheint, zerfällt aus der Nähe in unzählige kleine Farbtupfen. Jeder einzelne ist bewusst gesetzt. Erst im Auge des Betrachters finden sie zusammen. Paul Signac machte aus Farbe eine eigene Sprache – und aus der Leinwand einen Ort, an dem Licht beinahe hörbar wird.

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Das Museum Barberini in Potsdam widmet dem französischen Maler und dem Neoimpressionismus mit „Symphonie der Farben“ eine umfangreiche Sonderausstellung. Bis zum 11. Oktober 2026 sind 97 Werke zu sehen, die zeigen, wie aus einer neuen Maltechnik eine künstlerische Bewegung entstand, die weit über Frankreich hinauswirkte.

Doch die Ausstellung erzählt nur einen Teil dieser Geschichte. Die dauerhaft präsentierte Sammlung Hasso Plattner eröffnet zugleich einen faszinierenden Blick auf ihre Ursprünge: von Claude Monets flüchtigen Lichtmomenten über die Landschaften Camille Pissarros bis zu Signacs farbintensiven Mittelmeerbildern. Zwei Ausstellungen, die gemeinsam zeigen, wie Künstlerinnen und Künstler das Sehen veränderten.

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Paul Signac / Segel und Pinien, 1896 / Öl auf Leinwand, 81 x 52 cm / Privatsammlung

Paul Signac: Der Maler, der das Licht in Farben zerlegte

Es begann mit einer Frage: Wie lässt sich das Licht auf einer Leinwand so darstellen, dass es nicht nur abgebildet wird, sondern selbst zu leuchten scheint? Mitte der 1880er-Jahre suchten Paul Signac und Georges Seurat nach einer Antwort. Sie beschäftigten sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über Farben und deren Wahrnehmung. Statt Farbtöne auf der Palette miteinander zu vermischen, setzten sie reine Farben in kleinen Punkten und Tupfen nebeneinander. Blau neben Gelb. Rot neben Grün. Ein scheinbar unruhiges Nebeneinander, das sich aus einiger Entfernung zu einem harmonischen Ganzen verbindet.

Diese Malweise wurde als Pointillismus bekannt. Sie bildete eine wesentliche Grundlage des Neoimpressionismus und veränderte das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachtenden: Das Bild entsteht nicht allein auf der Leinwand, sondern entfaltet seine Wirkung erst durch unsere Wahrnehmung. Signac hatte sich zunächst am Impressionismus orientiert. 1884 lernte er Seurat kennen und griff dessen neue Technik auf. Zwei Jahre später präsentierten beide gemeinsam mit Camille Pissarro bei der letzten Impressionisten-Ausstellung in Paris Gemälde in der neuen Punkttechnik. Nach Seurats frühem Tod 1891 wurde Signac zu einem maßgeblichen Vermittler der Bewegung.

Symphonie der Farben: Eine Ausstellung zwischen Wissenschaft und Sinnlichkeit

Die Signac-Ausstellung im Museum Barberini führt auf rund 1000 Quadratmetern durch sechs Kapitel einer künstlerischen Entwicklung. Mehr als ein Drittel der 97 ausgestellten Werke stammt von Signac selbst. Gemälde von Georges Seurat und Camille Pissarro treten mit seinen Arbeiten in einen Dialog. Hinzu kommen Werke von Théo van Rysselberghe, Alfred William Finch und Jan Toorop. Auch Künstlerinnen wie Anna Boch, Lucie Cousturier und Jeanne Selmersheim-Desgrange erhalten ihren Platz in einer Kunstgeschichte, in der ihre Bedeutung bislang vergleichsweise wenig erforscht wurde.

Die Schau beschränkt sich nicht auf Landschaften. Sie führt von den Anfängen der neuen Malweise über Porträts und internationale Künstlernetzwerke bis zu gesellschaftlichen Idealen und der Rezeption des Neoimpressionismus in Deutschland. Dabei wird deutlich, dass hinter der scheinbar mühelosen Schönheit dieser Bilder eine intensive Auseinandersetzung mit Farbtheorie, Wahrnehmung und Komposition steckt.

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Théo van Rysselberghe / Paul Signac am Steuer der Olympia, 1896 / Öl auf Leinwand, 93 x 114 cm / Archives Signac

Im Licht des Südens: Als Signac Saint-Tropez entdeckte

Besonders eindrucksvoll lässt sich Signacs Entwicklung an seinen südfranzösischen Landschaften nachvollziehen. 1892 folgte er seinem Künstlerkollegen Henri-Edmond Cross an die Côte d’Azur und ließ sich in Saint-Tropez nieder. Das Mittelmeer, die Fischerorte und die intensive südliche Sonne eröffneten ihm neue Möglichkeiten im Umgang mit Farbe. Hier beginnt das Licht in seinen Bildern eine beinahe körperliche Präsenz zu entwickeln. Das Wasser wird zu einem Geflecht aus farbigen Reflexen. Küstenlinien und Boote fügen sich in Kompositionen, deren Leuchtkraft aus dem Zusammenspiel komplementärer Farben entsteht.

Doch die mediterranen Landschaften waren für Signac und andere Neoimpressionisten mehr als reizvolle Motive. Sie sahen in ihnen auch einen Gegenentwurf zum industrialisierten Paris. Ihre Vorstellungen eines gemeinschaftlichen Lebens in gesellschaftlicher Harmonie fanden Ausdruck in idealisierten Landschaften und Szenen des ländlichen Alltags.

Dass die Ausstellung den Titel „Symphonie der Farben“ trägt, ist keineswegs zufällig. Signac interessierte sich ausgeprägt für Musik. Auch in seiner Malerei suchte er nach einem Zusammenspiel einzelner Elemente, aus dem eine übergeordnete Harmonie entsteht. Ein Farbpunkt kann dabei wie ein einzelner Ton verstanden werden. Erst im Zusammenspiel mit den anderen entfaltet er seine Wirkung. Kontraste erzeugen Spannung, Wiederholungen geben dem Bild Rhythmus, und aus vielen einzelnen Farbwerten entsteht eine Komposition.

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Maximilien Luce / Die Seine bei der Pont Saint-Michel, 1900 / Öl auf Leinwand, 89,2 x 116,2 cm / Sammlung Hasso Plattner, Museum Barberini, Potsdam

Die Sammlung Hasso Plattner: Wo die Geschichte des Lichts beginnt

Wer verstehen möchte, aus welcher künstlerischen Tradition Signacs Malerei hervorging, findet nur wenige Schritte entfernt die passende Erklärung. Seit September 2020 präsentiert das Museum dauerhaft die Impressionismus-Sammlung Hasso Plattner. 113 Werke von 23 Künstlerinnen und Künstlern, darunter 39 Gemälde von Claude Monet sind zu sehen. Damit beherbergt das Museum den größten Werkkomplex des französischen Malers in Europa außerhalb Frankreichs.

Es ist eine Sammlung, die sich wie eine Reise durch die Landschaften Frankreichs entfaltet. Entlang der Seine, durch Gärten und verschneite Felder, an die Küsten der Normandie und bis ans Mittelmeer. Das flüchtige Licht eines Nachmittags. Den Widerschein der Wolken auf einem Fluss. Den feinen Farbwechsel einer Landschaft, wenn die Sonne langsam verschwindet. Die Bilder entstanden häufig unter freiem Himmel. Mit bewegter Pinselführung hielten sie unmittelbare Sinneseindrücke fest und ließen die Atmosphäre selbst zum eigentlichen Gegenstand der Malerei werden. Hier liegt der Ursprung jener künstlerischen Suche, die Signac später auf seine ganz eigene Weise fortsetzte.

Claude Monet: Wenn das Motiv hinter dem Licht verschwindet

Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Entwicklung des Impressionismus in den Werken Claude Monets. Ein Getreideschober bleibt ein Getreideschober. Doch im Licht eines anderen Augenblicks scheint er seine Farbe, seine Kontur und beinahe seine materielle Beschaffenheit zu verändern. In seinen späten Seerosenbildern löst sich die gewohnte Landschaft schließlich immer weiter auf. Wasser und Himmel verschmelzen in ihren Spiegelungen. Der Horizont verschwindet. Die Betrachtenden stehen vor einer Bildfläche, die keinen eindeutigen Anfang und kein klares Ende mehr zu besitzen scheint.

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Foto: David von Becker

Während Monet das Flüchtige mit einer zunehmend freien Malweise einzufangen versuchte, suchte Signac mithilfe einer systematischen Zerlegung der Farben nach Leuchtkraft und Harmonie. Zwei unterschiedliche Wege, die aus derselben Faszination entstanden: dem Licht und seiner Wirkung auf unsere Wahrnehmung.

Neben Monet, Renoir und Pissarro begegnet man auch Henri-Edmond Cross und Paul Signac. Mit zehn neoimpressionistischen Werken besitzt das Museum einen der umfangreichsten Bestände dieser Kunstrichtung in Deutschland. Die besondere Stärke des Barberini liegt aktuell in diesem Zusammenspiel von Sonderausstellung und dauerhaft präsentierter Sammlung. Wer durch die Räume geht, begegnet nicht einfach berühmten Namen der Kunstgeschichte. Die Gemälde treten miteinander in Beziehung, zeigen künstlerische Gemeinsamkeiten und machen zugleich Unterschiede sichtbar.

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Alfred Sisley / Schnee in Louveciennes, 1874 / Öl auf Leinwand, 54 x 65 cm / Sammlung Hasso Plattner

Dabei kann es sich lohnen, vor einem einzigen Bild etwas länger stehen zu bleiben. Näher heranzutreten, einzelne Pinselstriche zu betrachten und anschließend wieder Abstand zu gewinnen. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieser Begegnung mit dem Impressionismus und Neoimpressionismus: Die Welt verändert sich nicht unbedingt dadurch, dass wir etwas Neues sehen. Manchmal genügt es, das Vertraute anders zu betrachten.

Ausstellungen und Besucherinformationen
Museum Barberini, Potsdam

Alter Markt · Humboldtstraße 5–6 · 14467 Potsdam

Sonderausstellung

Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus

4. Juli bis 11. Oktober 2026

97 Werke · Rund 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche

Dauerausstellung

Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner

Seit September 2020 dauerhaft zu sehen

Die Sammlungspressemappe dokumentiert 113 Werke von 23 Kunstschaffenden, darunter 39 Gemälde Claude Monets.

Öffnungszeiten

Mittwoch bis Montag, 10–19 Uhr · Dienstag geschlossen

Eintritt

  • Montag und Mittwoch bis Freitag: 16 Euro, ermäßigt 10 Euro
  • Samstag, Sonntag und Feiertage: 18 Euro, ermäßigt 10 Euro
  • Unter 18 Jahren sowie Schülerinnen und Schüler: Eintritt frei
  • Donnerstags ab 14 Uhr: freier Eintritt für alle unter 25 Jahren
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