Ein Hotelmorgen könnte wunderbar beginnen: mit dem Duft von Kaffee, warmen Brötchen und einem Rührei, das diesen Namen nicht nur auf dem kleinen Schild davor trägt. Stattdessen saß ich kürzlich vor einem Frühstücksbuffet, bei dem sich mir vor allem eine Frage stellte: Wo waren hier eigentlich die Lebensmittel versteckt?
Das Rührei lag als gelbe, wabbelnde Masse in seinem Metallbehälter und erinnerte eher an fein zerlegten Wackelpudding als an etwas, das jemals Kontakt zu einem Huhn gehabt haben könnte. Daneben eine Wurst, weich, auffällig gefärbt und von einer Konsistenz, bei der man lieber nicht darüber nachdenken wollte, was genau man gerade kaute.
Der Käse, der zurückfedert, hatte immerhin die richtige Farbe. Mehr ließ sich über ihn kaum sagen. Geschmacklich blieb er so unverbindlich wie ein Politiker kurz vor der Wahl. Der Camembert wiederum war erstaunlich groß, vollkommen gleichförmig und derart gummiartig, dass man kurz überlegte, ob er zum Essen gedacht war oder als Ersatzrad bereitlag.
Auch bei den Getränken setzte sich das Rätselraten fort. Aus den Spendern floss Wasser in verschiedenen Farbrichtungen – jeweils begleitet von einer leisen Erinnerung an Obst. Saft wäre dafür ein sehr selbstbewusster Begriff gewesen. Und der Kaffee? Der schmeckte, als hätte die Bohne den Automaten nur aus der Ferne gesehen.
Nein, ich erwarte morgens weder handgeschöpften Büffelmozzarella noch ein persönlich vorgestelltes Frühstücksei mit Herkunftsnachweis. Es muss kein Luxus sein. Ein gutes Brot, ein ordentliches Ei, etwas Wurst oder Käse und ein trinkbarer Kaffee würden völlig genügen. Also Dinge, die schmecken, eine erkennbare Konsistenz besitzen und nicht den Eindruck erwecken, direkt aus der Entwicklungsabteilung für essbare Kunststoffe zu stammen.
Und genau da beginnt das eigentliche Rätsel: Warum setzt man seinen Gästen so etwas vor? Ist diese hochverarbeitete Frühstückskulisse tatsächlich so viel günstiger als ein paar einfache, vernünftige Lebensmittel? Spart man damit wirklich Geld – oder nur Geschmack? Und was ist die Idee dahinter? Dass es schon niemand merken wird, solange alles ausreichend gelb, rosa oder orange aussieht?
Noch erstaunlicher war der Blick auf die anderen Tische. Dort wurde geschöpft, gestrichen und gekaut, als sei alles vollkommen normal. Vielleicht legen manche Menschen tatsächlich keinen besonderen Wert darauf, was morgens auf ihrem Teller landet. Vielleicht treibt es auch einfach der Hunger hinein. Oder wir haben uns längst daran gewöhnt, dass Lebensmittel nur noch ungefähr so aussehen müssen wie das, was sie darstellen sollen?
Natürlich habe ich weder das Rührei noch den Camembert ins Labor geschickt. Ich kann also nicht sagen, was darin steckte. Ich kann nur sagen, wonach es aussah, wie es sich im Mund anfühlte und wonach es gerade nicht schmeckte.
Auffällig war jedenfalls, dass die Übernachtung ausschließlich inklusive Frühstück angeboten wurde. Eine kluge Entscheidung. Freiwillig hätte man diese gastronomische Materialprüfung vermutlich kaum dazugebucht. So aber stand man morgens davor, hatte schließlich dafür bezahlt und wagte sich tapfer durch das Sortiment. Vielleicht ist genau das die Kalkulation: Was bereits im Zimmerpreis steckt, wird schon irgendwie gegessen.
Und wir sprechen hier nicht von einer billigen Absteige, in der man schon beim Einchecken jede Hoffnung auf Genuss an der Rezeption abgibt. Das Haus trägt Sterne und gehört zum Kosmos einer der bekanntesten Hotelfamilien der Welt, deren Erbinnen regelmäßig auf dem roten Teppich auftauchen. Man könnte also annehmen, dass internationale Standards auch den Frühstücksteller erreichen. Offenbar endete ihre Zuständigkeit jedoch irgendwo zwischen Lobby und Speisesaal. Vier Sterne leuchteten über dem Eingang – auf dem Teller war davon keiner mehr zu finden.
Warum werden überhaupt solche Mengen dieser traurigen Ersatzprodukte aufgetischt. Wäre ein kleineres Frühstück mit echten, einfachen Lebensmitteln am Ende nicht sogar wirtschaftlicher? Weniger Auswahl, weniger Reste, weniger Verpackung – und dafür etwas, das man gern isst, statt es aus Pflichtgefühl herunterzuschlucken.
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Wenn der Käse zurückfedert und der Saft nie Obst gesehen hat: Frühstück war inklusive – ein Kommentar

