Titelfoto: R. Barwinsky – Vor dem Trabi bei einer Rast in Rumänien, wo Vorbeifahrende Kaffee bekamen.
Die letzten Zuckungen hatten fast schon theatralische Züge. Das Gefährt schnaubte, gackerte, dampfte, zischte und qualmte. Kurz darauf gab es keinerlei Lebenszeichen mehr. Ende August 1990 wollte der Trabant einfach nicht mehr weiterfahren. Dabei war der wohl berühmteste Kleinwagen aus volkseigener DDR-Produktion nur wenige Wochen zuvor gemeinsam mit seinen drei Insassen zu seiner wohl abenteuerlichsten Reise aufgebrochen.
Vor 36 Jahren löste sich ein Land nahezu im Stundentakt auf. Nach dem Mauerfall und der ersten freien Volkskammerwahl setzte sich ein Zug in Bewegung, dessen Zielbahnhof „Deutsche Einheit“ hieß. Mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion hielt zunächst die D-Mark Einzug in den Osten. Gleichzeitig öffnete sich für Millionen Menschen eine Konsumwelt, die zuvor unerreichbar schien. Andere Dinge, die bis dahin beinahe als Heiligtümer galten, verloren dagegen schlagartig ihren Wert. Dazu gehörten auch die Duroplast-Fahrzeuge aus Zwickau, die plötzlich kaum noch jemand besitzen wollte.
Während viele DDR-Bürger die neue Reisefreiheit nutzten und ihre Urlaubsziele in Richtung Westen verlagerten, entschied sich ein Trio für den genau entgegengesetzten Weg. Mit einem für dreihundert Westmark erworbenen Trabi ging es über den Grenzübergang Bad Brambach in die inzwischen nicht mehr sozialistische, aber noch vereinigte Tschechoslowakei. Da das Fahrzeug keine größeren Wegstrecken schaffte, übernachtete man mehrmals in diesem Land. Nach etwa dreieinhalb Tagen war Ankunft in Österreich. Beim Tanken in der Alpenrepublik schmunzelte das Bedienpersonal über den Kleinwagen. In Wien ging es mehrspurig durch die Rushhour. Polizisten zogen die Reisenden aus dem Verkehr und wollten die Zulassung für das Auto sehen, das heutzutage Kultstatus genießt. Der Zwischenstopp wurde für einen kleinen Stadtrundgang genutzt und einen Fotoapparat erworben. Dadurch blieben bildhafte Dokumente dieses Ausfluges als Beleg bis heute erhalten. Gleichzeitig zeigte sich rasch, dass Wien für das schmale Reisebudget wenig geeignet war. Also ging es bald wieder weiter.
Einige Stunden später grüßte schon Ungarn. Seinerzeit galt dieser Staat als liberaler Vorreiter beim Auseinanderbrechen des Ostblocks. Zugleich, aufgrund seines westlichen Flairs, als Sehnsuchtsort für Ostdeutsche. Da es aber damals nicht möglich war, ungarisches Geld ausreichend zu tauschen, konnten sich DDR-Touristen nicht allzu viele Wünsche erfüllen.
Im heißen August 1990 wurde nun alles durch den Umtauschkurs zwischen Forint und D-Mark extrem preisgünstig. So kam es, dass die kleine Reisegruppe in Restaurants nicht knausern musste und sich in Budapest sogar eine richtige Herberge leisten konnte. Unter Hochspannung ging die Reise weiter. In Rumänien hatte sich seit der blutigen Dezemberrevolution 1989 eigentlich nichts verändert. Die Straßen waren wie gewohnt eine einzige Katastrophe. Benzin gab es nur limitiert. In den Geschäften fand man auch nicht viel.
In den deutschen Dörfern Siebenbürgens, fuhren die Menschen einige Monate zuvor für immer als Spätaussiedler in die Bundesrepublik. In den bergigen Karpaten, bot ein netter Mensch spontan für einige Tage eine Bleibe an. Trotz eines Unwetters ging man gemeinsam in die Berge und in der Nacht schmuggelte er frisches Bier aus der von seiner Wohnung genau gegenüber befindlichen Brauerei. Selbst Gerstensaft gab es nämlich offiziell in Rumänien noch immer eher selten.
Auf der Rückfahrt führte die Strecke außerdem durch Jugoslawien – damals noch ein sozialistischer Vielvölkerstaat, der für viele DDR-Bürger zuvor kaum erreichbar gewesen war. Bei einem Glas Wein in Belgrad ahnte niemand, dass dieses Land schon kurze Zeit später in einem verheerenden Bürgerkrieg versinken würde.
Unterwegs verlangte der Trabant immer wieder nach kleinen Reparaturen. Hier und da musste improvisiert und geschraubt werden, doch der kleine Zweitakter hielt tapfer durch. Nach mehreren Tagesetappen erreichten die Reisenden schließlich wieder ihren Ausgangspunkt im sächsischen Vogtland. Inzwischen stand fest, dass am 3. Oktober 1990 die DDR endgültig Geschichte sein würde.
Sommerurlaub mal anders: Erinnerungen an eine bizarre Trabi-Reise im August 1990
