Nachrichten VogtlandKommentar zum längsten Konzert der Welt: Geniales Kunstprojekt oder philosophisches Experiment?

Ein Konzert das 639 Jahre dauert? Klingt absurd, findet aber statt. Seit 2001 erklingt in der Halberstädter Burchardi-Kirche John Cages Orgelwerk „ORGAN²/ASLSP“ – „As Slow As Possible“. Vorgestern, am 5. August kam ein weiterer Ton hinzu, ein “a”.

Schon der Beginn des Konzertes war Stille und zwar dauerte es zweieinhalb Jahre, bevor überhaupt ein Ton erklang. Nun folgt der nächste im Oktober 2027. Das Konzert soll erst im Jahr 2640 enden.

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Es ist zweifellos eines der außergewöhnlichsten Kunstprojekte der Welt. Es fordert unsere Vorstellung von Zeit heraus und macht aus Musik ein Generationenprojekt. Doch genau hier beginnt auch die Frage, die man stellen darf. Für wen wird dieses Konzert eigentlich gespielt?

Niemand, der heute lebt, wird das Werk jemals vollständig hören. Nicht unsere Kinder, nicht deren Kinder und vermutlich viele Generationen danach ebenfalls nicht. Niemand kann sagen, ob es die Kirche, die Orgel oder überhaupt die Gesellschaft in ihrer heutigen Form in 614 Jahren noch geben wird. Niemand weiß, ob sich dann überhaupt noch jemand für John Cage interessiert.

Natürlich ist genau das Teil der Idee. Das Projekt soll zeigen, dass Kunst größer sein kann als ein Menschenleben. Dass nicht alles auf unmittelbare Wirkung oder schnellen Konsum ausgerichtet sein muss. In einer Zeit, in der Nachrichten im Sekundentakt verschwinden und Musik oft nach wenigen Wochen wieder vergessen ist, wirkt ein 639 Jahre dauerndes Konzert beinahe wie ein Gegenentwurf zu unserer hektischen Welt.

Und trotzdem bleibt ein Zweifel. Ist ein Konzert noch ein Kunstwerk, wenn es niemand als Ganzes erleben kann? Oder wird aus Musik irgendwann eher ein Symbol? Ein Denkmal? Eine philosophische Idee?

Vielleicht liegt der eigentliche Wert gar nicht im Hören, sondern im Wissen, dass irgendwo ein Ton erklingt, der Generationen verbindet. Vielleicht geht es weniger um die Komposition als um das Vertrauen, dass Menschen über Jahrhunderte Verantwortung übernehmen und etwas fortführen, das sie selbst niemals vollenden werden.

Doch genauso legitim sind die Gegenfragen: Kann Kunst ihre Wirkung entfalten, wenn ihr eigentliches Erlebnis immer in einer unerreichbaren Zukunft liegt? Ist Musik nicht Timing und Tempo und darf ein einzelner Ton oder inzwischen acht überhaupt als Werk bezeichnet werden?

Studien zeigen, dass sich auf Streaming-Plattformen und in sozialen Medien oft drei bis fünf Sekunden bei einem Song reichen. Musikproduzenten sprechen deshalb vom „Hook in the first seconds“. Ausgerechnet John Cage scheint diesem Trend auf paradoxe Weise aktuell gerecht zu werden.

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Aber eben weil niemand von uns das Finale erleben wird, bleibt dieses Projekt faszinierend – und gleichzeitig schwer greifbar. Es erzählt mehr über unseren Umgang mit Zeit als über Musik. Es fordert Geduld in einer Welt der Sofortigkeit und stellt die unbequeme Frage, ob wir überhaupt noch bereit sind, in Jahrhunderten statt in Tagen zu denken. Vielleicht ist genau das die größte Leistung. Oder die größte Schwäche.

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