alle Bilder: Forgotten Creatures
Im Gebälk eines alten Bauernhauses verstecken sich Wichtel. Auf dem Feld lauert die Kornmuhme, während im Wald ein Einhorn aus dem Nebel tritt. In dunklen Gassen warten unheimliche Gestalten, in einem Bergstollen hallen rätselhafte Geräusche – und über allem liegt das Wispern fast vergessener Geschichten. Was wie der Beginn eines fantastischen Romans klingt, soll im Schloss Neuenbürg nahe Pforzheim Wirklichkeit werden: Mit dem SagenReich entsteht nach Angaben der Initiatoren Deutschlands erste große Fabelwesen-Erlebniswelt.
Das Projekt will die Sagen, Märchen und Fabelwesen des deutschsprachigen Raumes nicht nur zeigen, sondern räumlich, sinnlich und wissenschaftlich fundiert erfahrbar machen. Für zusätzliche Figuren, Dioramen und multimediale Elemente wurde nun ein Crowdfunding gestartet.
Das SagenReich Neuenbürg öffnet das Tor zur Welt der Fabelwesen
Geplant ist eine rund 800 Quadratmeter große Erlebnis- und Ausstellungswelt im zweiten Obergeschoss des Schlosses. Ihr Herzstück wird eine etwa 60-minütige immersive Reise durch unterschiedliche Schauplätze: von einem geheimnisvollen Arbeitszimmer über eine alte Mühle und einen Bergstollen bis zu Wäldern, Gewässern und düsteren Gassen.
Lebensgroße, möglichst realistisch gestaltete Nachbildungen von Fabelwesen sollen dabei mit Projektionen, Licht, Klang und sogar Düften verbunden werden. Die Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch begehbare Dioramen, entdecken verborgene Gestalten und erfahren zugleich, wie solche Überlieferungen entstanden sind. Auch große Szenen – etwa ein Drachenangriff auf ein Dorf oder ein von einem Seeungeheuer zerstörtes Segelschiff – sollen in kunstvollen kleineren Dioramen dargestellt werden. Es soll jedoch kein gewöhnlicher Fantasy-Park werden. Hinter Einhörnern, Hausgeistern und Schreckgestalten stehen historische Quellen, wissenschaftliche Recherchen und kulturgeschichtliche Zusammenhänge.

Vom geheimnisvollen Einhorn bis zur Neuenbürger Haubitze
Der Schwarzwald ist für das Vorhaben weit mehr als eine stimmungsvolle Kulisse. Seine dichten Wälder und nebelverhangenen Täler waren über Jahrhunderte ein Entstehungsraum für Märchen und Mythen. Volkserzählungen halfen dabei, Naturphänomene zu deuten, Ängste zu verarbeiten und Regeln für das Zusammenleben weiterzugeben. Auch Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ ist eng mit der Region verbunden. Die bisher im Schloss Neuenbürg gezeigte Ausstellung zu diesem Stoff bildet eine ideelle Grundlage für die geplante Weiterentwicklung zur umfassenden Erlebniswelt.
Neben weithin bekannten Wesen wie Einhorn, Greif oder Drache sollen auch lokale Sagengestalten einen Platz erhalten. Dazu gehören die Enzjungfrau und das Neuenbürger Schlossgespenst Haubitze – eine ehemalige Schlossherrin, die der Überlieferung nach im Grab keine Ruhe fand und seither am Schlossberg umgeht. Ebenfalls vorgesehen sind weniger bekannte Figuren wie der Batscher, das Aachener Bakauv oder die geheimnisvollen Moosleute.


Keine niedlichen Fantasiefiguren
Die Wesen des SagenReichs sollen nicht verniedlicht oder heutigen Schönheitsidealen angepasst werden. Falten, markante Gesichtszüge, Spuren des Alters und auch die Nähe zum Tod gehören bewusst zur Gestaltung. Grundlage bilden historische Beschreibungen, Abbildungen und Überlieferungen. Die Figuren entstehen in aufwendiger Handarbeit im Mythenatelier Forgotten Creatures. Generative künstliche Intelligenz soll nach dem vorgelegten Konzept bei den künstlerischen Arbeiten nicht eingesetzt werden.
Damit möchte das Projekt die ursprüngliche Vielschichtigkeit der Überlieferungen sichtbar machen. Denn die alten Gestalten waren nicht bloß schmückende Fantasiewesen. Sie verkörperten menschliche Ängste und Hoffnungen, erklärten Gefahren oder erinnerten daran, welche Regeln innerhalb einer Gemeinschaft galten.
Zwischen Erlebniswelt, Kulturzentrum und Forschung
An die begehbare Inszenierung schließt sich ein Ausstellungsbereich an, der die Hintergründe der gesehenen Wesen vertieft. Geplant sind historische Exponate, interaktive Stationen sowie analoge und digitale Beteiligungsmöglichkeiten. Der Bereich soll nach und nach erweitert werden. Gäste könnten diesen Aufbau als Teil einer „lebendigen Ausstellung“ unmittelbar miterleben.
Langfristig soll sich das SagenReich als Kulturzentrum und außerschulischer Lernort etablieren. Vorgesehen sind Angebote für Familien, Fantasy-Fans und geschichtsinteressierte Einzelgäste ebenso wie an Lehrpläne angepasste Bildungsprogramme für Schulen und Hochschulen. Sonderausstellungen, Vorträge, Symposien, Aktionstage und Mitmachveranstaltungen sollen das Programm ergänzen.
Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen – darunter Archäologie, Erzählforschung, Geschichte, Kunstwissenschaft und Psychologie – begleiten nach Angaben des Projekts die inhaltliche Arbeit. Das Badische Landesmuseum unterstützt das Vorhaben beratend. Das SagenReich soll als dessen Zweigmuseum entstehen, finanziert und betrieben wird es jedoch eigenständig als privates, gemeinnütziges Kulturprojekt.
Florian Schäfer und Forgotten Creatures legen das Fundament
Initiator des Projekts ist Florian Schäfer. Der studierte Biologe mit den Schwerpunkten Ökologie und internationaler Naturschutz beschäftigt sich seit Jahren mit Wissenschaftsvermittlung, Ausstellungskonzeption und der Gestaltung von Erlebnisräumen. 2017 gründete er innerhalb des gemeinnützigen Vereins Zeitsprünge e.V. das Projekt Forgotten Creatures. Gemeinsam mit fachlicher Unterstützung begann er, lebensgroße Märchen- und Sagengestalten nach historischen Überlieferungen zu rekonstruieren.
Aus dieser Arbeit entstanden Bücher, Vorträge, Ausstellungen und museale Projekte. Das Sachbuch „Hausgeister!“ erschien 2020, seine Erstauflage von 2000 Exemplaren war nach zwei Jahren ausverkauft. Die dazugehörige Wanderausstellung wurde seitdem in mehreren deutschen Museen gezeigt.
2022 eröffnete in Hann. Münden das „Kabinett der Kreaturen“, das auf rund 50 Quadratmetern lebensgroße tierische Fabelwesen präsentiert. Die Hann. Mündener Mythentage verbanden Lesungen, Konzerte und Ausstellungen zu einem zehntägigen Festival. Schäfers 2023 veröffentlichter Roman „Fast verschwundene Fabelwesen – Die sagenhafte Expedition des Konstantin O. Boldt“ wurde mit dem Seraph-Literaturpreis als bestes Debüt ausgezeichnet. Im Herbst 2025 folgte mit „Fast vergessene Kreaturen“ die bis dahin größte Wanderausstellung des Projekts. Nach den Angaben im Konzept kamen zwischen September 2025 und Januar 2026 insgesamt 13.891 Gäste in die Wandelhalle Bad Wildungen.

Crowdfunding soll das SagenReich größer und lebendiger machen
Die Grundfinanzierung des Vorhabens soll nach Angaben der Verantwortlichen privat abgesichert werden. Das auf Startnext gestartete Crowdfunding ist deshalb als zusätzliche Finanzierung gedacht: Mit jedem erreichten Etappenziel sollen weitere Elemente möglich werden, die den Ausstellungsbesuch dichter, lebendiger und interaktiver machen.
Die Kampagne läuft vom 17. September bis zum 24. Dezember 2026. Crowdfunding-Seite des SagenReichs Das Fundraising besitzt ein flexibles Ziel. Unterstützungen fließen somit auch dann in das Projekt, wenn nicht alle vorgesehenen Etappen erreicht werden. Die eingeworbenen Gelder werden nach Angaben der Kampagne als zweckgebundene Mittel von Zeitsprünge e.V. ausschließlich für die Realisierung des SagenReichs eingesetzt.
Das ermöglichen die einzelnen Etappenziele
Das erste Etappenziel liegt bei 5.000 Euro. Damit soll ein professioneller Sprecher engagiert werden, der die multimediale Reise durch die Sagenwelt begleitet. Bei 15.000 Euro könnte im geheimnisvollen Arbeitszimmer ein kurzer Animationsfilm entstehen. Dieser soll erklären, wie Sagen entstanden sind. Für die Gestaltung sollen professionelle Illustratorinnen beauftragt werden. Werden 25.000 Euro erreicht, ist ein digitales, interaktives Bestiarium geplant. Dort sollen auch jene Fabelwesen des deutschsprachigen Raumes vorgestellt werden, die zunächst keinen Platz als lebensgroße Figur im SagenReich finden. Das vierte Etappenziel liegt bei 50.000 Euro. Mit einem modularen Medien-, Licht-, Video- und Effektsteuerungssystem könnten Bodennebel, Gewitter, Klanglandschaften oder das Heulen der Wilden Jagd noch eindrucksvoller inszeniert werden. Grundsätzlich soll das Geld außerdem in den Bau aufwendiger Figuren und Dioramen, interaktive Elemente sowie Licht-, Ton- und Ausstellungstechnik fließen.
Eröffnung des SagenReichs für 2029 vorgesehen
Nach dem aktuellen Zeitplan stehen 2026 die Standortentwicklung und das Crowdfunding im Mittelpunkt. 2027 soll die intensive Planungsphase folgen, 2028 sind der Bau der Kerninstallation und eine Interimsausstellung vorgesehen. Die Eröffnung des SagenReichs im Schloss Neuenbürg ist für das Frühjahr 2029 geplant. Ab 2030 soll die Erlebniswelt schrittweise erweitert werden. Bis dahin braucht es noch viele Entwürfe, Figuren, technische Lösungen und helfende Hände. Doch die ersten Gestalten scheinen sich bereits aus dem Dunkel der Überlieferung zu lösen. Vielleicht raschelt es bald tatsächlich im Gebälk, vielleicht zieht Nebel über eine Einhornlichtung – und vielleicht öffnet sich mitten im Schwarzwald ein Tor zu jener Welt, von der alte Geschichten seit Jahrhunderten erzählen.
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Ein Schloss voller Fabelwesen: Im Schwarzwald entsteht Deutschlands erstes SagenReich

