Nachrichten VogtlandDie kleine Raupe Blattverputz

Es war einmal eine kleine Raupe, die in einem weichen Blattbett am Rand einer sonnendurchfluteten Lichtung lebte. Niemand hätte auf den ersten Blick geahnt, wie viel Leben schon in ihr steckte und wie viele kleine Höhen und leise Tiefen sie bereits durchwandert hatte.

Sie war süß, neugierig und ein kleines bisschen frech. Vor allem aber war sie eines: hungrig. Hungrig nach allem, was das Leben zu bieten hatte. Nach saftigen Blättern, nach warmem Sonnenlicht auf ihrem Rücken, sie wollte fühlen, kosten, erleben und am liebsten alles gleichzeitig.

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Manchmal wunderte sie sich selbst über diese große Sehnsucht in ihrem kleinen Raupenkörper. „Warum kann ich nie genug bekommen?“, fragte sie sich, während sie genüsslich an einem Blatt knabberte.

Mit der Zeit lernte die Raupe etwas Neues. Nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Wenn sie einer anderen Raupe begegnete, teilte sie plötzlich ihr Blatt. Sie schenkte Aufmerksamkeit, blieb stehen und hörte zu. Und dabei geschah etwas Wundervolles. Das Geben fühlte sich genauso reich an wie das Empfangen.

Eines Tages traf sie auf ein altes Exemplar ihrer Gattung. Eine ruhige, weise Raupe, deren Bewegungen langsamer waren, aber voller Tiefe. Die kleine Raupe war fasziniert. „Du wirkst so zufrieden“, sagte sie.

Die alte Raupe lächelte sanft. „Ich habe gelernt, jeden Moment wirklich zu erleben und nicht nur zu verschlingen.“ Diese Worte begleiteten die kleine Raupe auf ihrem Weg zu ihrem Lieblingsplatz, einem hohen, geschützten Blatt, das im Wind sanft schaukelte. Dort, umgeben von Licht und Stille, hielt sie inne.

Bald darauf spürte die kleine Raupe, dass sich etwas veränderte. Sie wurde müde und suchte sich einen geschützten Platz. Dort verpuppte sie sich. Während sie still in ihrer Hülle ruhte, verwandelte sich ihr Körper. Eines Morgens brach die Hülle auf. Vorsichtig schlüpfte sie heraus und entfaltete zwei zarte Flügel. Sie war ein Schmetterling geworden!

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Staunend betrachtete sie sich. Wie anders sie jetzt aussah! Doch ihre Neugier war geblieben. Sie freute sich noch immer über die warme Sonne, genoss den süßen Nektar der Blüten und war gern mit anderen zusammen. Früher hatte sie am liebsten jedes Blatt probiert. Jetzt wollte sie die Welt von oben entdecken. Dabei wusste sie inzwischen, manchmal war es schön, weiterzufliegen. Und manchmal war es genauso schön, auf einer Blüte sitzen zu bleiben und den Augenblick zu genießen.

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Oskar Wunderwald
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Hinter dem Pseudonym Oskar Wunderwald steht der 1951 geborene Autor aus Hessen. Neben seinen liebevollen Geschichten für Kinder schreibt er unter einem anderen Namen auch Literatur für ein erwachsenes Publikum.

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