Die kleine Hexe Diora hatte die Angewohnheit, Dinge zu verzaubern, die andere kaum bemerkten. Während viele Hexen große Stürme heraufbeschworen oder mit funkelnden Blitzen spielten, lag ihr Zauber in den leisen Wundern. In der Nacht, bevor sie auf ihre Reise ging, stand sie barfuß auf ihrer geliebten Blumenwiese.
Sanft hob sie ihre Hände, und ein silbriger Glanz legte sich über die Blüten. Jede einzelne begann zu schimmern, als hätte sie einen Stern eingefangen. Nacht für Nacht würden sie nun leuchten, als würden sie auf sie warten. „Vergesst mich nicht“, flüsterte Diora leise, während ein warmer Wind durch die Wiese strich. Doch tief in ihrem Herzen wusste sie , dieser Zauber war kein Abschied.
An ihrer Seite tappte Kasimir, ihr schwarzer Kater, dessen Fell selbst im Mondlicht noch dunkler wirkte. Seine Augen funkelten klug und ruhig. Er war alt, ja aber in ihm lebte eine sanfte Stärke, die Diora mehr bedeutete als jeder Zauberspruch. „Bist du bereit für Fernesland?“, fragte sie und kniete sich zu ihm herunter. Kasimir schnurrte leise. Für ihn war die Antwort längst klar: Solange sie bei ihm war, war jeder Ort der richtige.
Der Weg nach Fernesland führte sie durch Wälder, deren Bäume flüsterten, über Hügel, die im Morgentau glitzerten, und entlang kleiner Flüsse, die ihre Geschichten murmelten. Doch es war keine gewöhnliche Reise es war eine Reise voller Nähe, unausgesprochener Gefühle und dieser stillen Verbindung, die nur entsteht, wenn zwei Seelen einander wirklich verstehen.m
Endlich angekommen, trafen sie auf andere Katzen. Junge, neugierige Kater, die voller Energie waren, aber noch nichts von der Kunst des Mäusefangens verstanden. Kasimir beobachtete sie mit einem liebevollen, fast väterlichen Blick. „Geduld“, murmelte er, während er sich langsam setzte.
Diora saß im Gras, die Hände um ihre Knie gelegt, und sah ihm zu. Es war einer dieser Momente, in denen sie nichts sagen musste. Ihr Herz wurde warm, als sie sah, wie Kasimir den anderen zeigte, wie man sich leise bewegt, wie man wartet, wie man den richtigen Moment spürt. Er war nicht nur ein Lehrer. Er war ein Beschützer, ein Freund und auf seine eigene Weise ein kleines bisschen ein Held.
Als die Sonne unterging, legte sich ein goldenes Licht über die Landschaft. Die jungen Katzen tollten erschöpft im Gras, und Kasimir kam langsam zu Diora zurück. Sie streckte die Hand aus, und er schmiegte sich an sie. „Du hast das wunderbar gemacht“, sagte sie leise.
In dieser Nacht lag Liora unter dem Sternenhimmel von Fernesland, Kasimir dicht an ihrer Seite. „Du bist müde“, flüsterte sie und strich ihm über das schwarze Fell. „Ein bisschen“, gab er zu. „Früher konnte ich den ganzen Tag durch die Wiesen springen. Heute sind die anderen schneller.“ Diora dachte einen Moment nach. „Aber heute haben sie auf dich gewartet“, sagte sie. „Weil du etwas weißt, das sie noch lernen müssen.“ Kasimir hob den Kopf. So hatte er das noch gar nicht gesehen. Da raschelte es im Gras. Einer der jungen Kater kam zu ihnen und setzte sich daneben.
„Zeigst du uns morgen noch einmal, wie man so leise schleicht?“, fragte er. „Ich trete immer auf die trockenen Blätter.“ Kasimir schnurrte. „Morgen schauen wir zuerst, wohin du deine Pfoten setzt.“ Zufrieden rollte sich der kleine Kater neben ihm zusammen. Diora zog ihren Umhang ein Stück über die beiden und lächelte.
Sie hatte geglaubt, die besonderen Wunder dieser Reise irgendwo in Fernesland zu finden. Dabei lag eines direkt neben ihr: ein alter Kater, der sein Wissen teilte, und ein junger, der ihm zuhörte. Man musste keine Sterne in Blüten zaubern, um die Welt ein wenig heller zu machen. Manchmal genügte es, sich Zeit füreinander zu nehmen.

Oskar Wunderwald
Hinter dem Pseudonym Oskar Wunderwald steht der 1951 geborene Autor aus Hessen. Neben seinen liebevollen Geschichten für Kinder schreibt er unter einem anderen Namen auch Literatur für ein erwachsenes Publikum.
Die kleine Hexe Diora
