alle Fotos: Stephanie Rössel
Nicht jedes Geheimnis möchte gelüftet werden. Manche brauchen einen Raum, in dem sie bestehen dürfen. Die Ausstellung „Verteidigung des Geheimnisses – Aktuelle Kunst aus Finnland“ im Neuen Kunsthaus Ahrenshoop öffnet einen solchen Raum für verborgene Erinnerungen, rätselhafte Naturwelten und Bilder, die sich einer schnellen Erklärung entziehen.
Draußen liegt Herbstlaub vor den weißen Häusern mit ihren Reetdächern. Ein Ausstellungsplakat setzt leuchtende Farbe in den Garten. Drinnen verzweigen sich Linien, verdichten sich organische Formen, öffnen sich dunkle Tiefen. Der Blick beginnt zu wandern. Was wie eine Wurzel erscheint, könnte eine Ader sein; was an eine Landschaft erinnert, ebenso gut ein inneres Bild.
Die finnische Kunst im Neuen Kunsthaus Ahrenshoop fordert Aufmerksamkeit und lässt der Vorstellungskraft Platz. Bis zum 2. November 2026 ist die von Olivia Franke kuratierte Ausstellung zu sehen.
„Verteidigung des Geheimnisses“: Kunst darf Fragen offenlassen
Den Titel entleiht die Schau der gleichnamigen Schrift der französischen Philosophin und Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle. Ihr Gedanke gibt der Ausstellung eine Richtung. Das Verborgene besitzt einen eigenen Wert. Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen müssen nicht vollständig offengelegt werden, um Bedeutung zu haben.
In einer Gegenwart, in der selbst das Persönliche ständig sichtbar und mitteilbar werden soll, liegt darin etwas Entlastendes. Auch vor einem Kunstwerk darf etwas unentschieden bleiben. Man kann sich berühren lassen, ohne jede Form zu entschlüsseln.
Die Ausstellung versammelt Arbeiten von Johannes Kangas, Satu Kiuro, Salla Laurinolli, Samuli Laurinolli, Pilvi Ojala, Kukka Pitkänen, Minttu Saarinen, Katri Stenberg und Anssi Taulu. Natur und Mythos, Traum und Erinnerung bilden ihre Bezugspunkte. Viele der Beteiligten waren bereits als Stipendiaten im Künstlerhaus Lukas zu Gast.



Unter der Oberfläche: Erde als Gedächtnis, Wasser als Schwebezustand
Wie viel im Unsichtbaren geschieht, macht Kukka Pitkänen zum Thema ihrer Arbeit „Rusting“. Der Boden erscheint hier als lebendiger Speicher von Zeit. In ihm lagern sich Geschichten ab, wirken Zersetzung und Sedimentation, hinterlässt der Mensch Spuren seiner Eingriffe. Zugleich birgt die Erde die Kraft zur Erneuerung. Zwischen Verletzung und Regeneration entsteht ein Nachdenken über die untrennbare Verbindung des Menschen mit der übrigen Natur.
Katri Stenberg richtet den Blick auf das Wasser: von oben, von unten und auf der Höhe seiner Oberfläche. Licht, Strömung, Pflanzen und Untergrund verändern fortwährend, was sich erkennen lässt. Ihre während eines Aufenthalts im Künstlerhaus Lukas entstandenen Wasserlandschaften erzählen von einem Element, das beruhigen und tragen, aber auch Gefahr bedeuten kann. Darin liegt eine menschliche Erfahrung: der Versuch, Halt zu finden und über Wasser zu bleiben.
Ein Blick durch das Guckloch
Auch räumlich bekommt das Verhältnis von Zeigen und Verbergen eine anschauliche Gestalt. Ein kleines Guckloch lenkt die Aufmerksamkeit auf eine verborgene Bildwelt. Ein großer ovaler Durchgang, von farbigen Zeichen und dunklem, haarigem Besatz umgeben, wirkt wie eine Schwelle zwischen zwei Wirklichkeiten.
Solche Begegnungen verändern das Schauen. Man tritt näher, wechselt den Blickwinkel, entdeckt Einzelheiten. Die Ausstellung gibt ihren Geheimnissen eine Form, ohne ihnen jede Mehrdeutigkeit zu nehmen. Gerade dadurch können eigene Erinnerungen und Empfindungen in die Betrachtung einfließen.
Der feste Eintritt im Haus wurde gestrichen und durch freiwillige Spenden ersetzt. Den Menschen vor Ort ist wichtig, dass Kunst für alle zugänglich bleibt. Somit könne jeder abschätzen was ihm Kunst wert ist und selbst wer kein Geld einstecken hat, darf sich umschauen.
Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
Finnische Kunst in Ahrenshoop: Vom Zauber dessen, was verborgen bleibt

