Loslassen kann ziemlich laut werden. Auf „CATHARSIS“ schickt KUKO Sehnsucht, Wut und Euphorie durch einen Rave in drei Akten. Die Songs erzählen Geschichten, Interludes verbinden die Szenen. Daraus wächst ein musikalisches Theaterstück, dessen Wucht sich im Verlauf immer weiter verdichtet.
Das gestern (25.September 2026) veröffentlichte Debüt umfasst 21 Tracks. Es lohnt sich, sie am Stück zu hören. Erst im Zusammenspiel entfaltet diese kunstvolle Inszenierung ihre ganze Wirkung: Hard Techno mit offenen Nerven und einer Geschichte, die weiterzieht.
CATHARSIS: Die Kunst steckt auch dazwischen
„Chapter 1: The Damned“, „Chapter 2: The Ritual“, „Chapter 3: Transcendence“ – schon die Kapitelstücke tragen große Begriffe auf die Bühne. Verdammnis, Ritual, die Aussicht auf Befreiung. Die Interludes „The Void“ und „The Priest“ verbinden die Abschnitte wie Szenenwechsel.
Diese Verbindungen geben dem Konzeptalbum seinen Sog. Eine Geschichte wirkt nach, während sich die nächste öffnet. Gefühle wechseln den Raum, bleiben aber Teil derselben Aufführung. Auch das Dazwischen bekommt Bedeutung. KUKO macht die Reihenfolge zum künstlerischen Werkzeug.
Harte Drums, offene Nerven
Der Kölner DJ und Produzent beschrieb seinen Sound im FAZEmag so: „Ein Spannungsfeld zwischen Zärtlichkeit und Härte. Fast etwas Leidendes.“ Harte, treibende Drums geben seiner Melancholie körperliche Wucht.
Schon die „Die Tonight EP“ verarbeitete eigene Beziehungserfahrungen: Verlustangst, Unsicherheit, den Hunger nach Nähe. Fast ein Jahr habe er daran gearbeitet, überwiegend allein und nachts mit Laptop und Mikrofon, erzählte er. „CATHARSIS“ führt diese Sprache weiter. Was innerlich feststeckt, bekommt nach außen Druck.
Tokio Hotel: Wut hält fest
Im Titelsong mit Bill Kaulitz von Tokio Hotel treffen harte Kickdrums und raue Synthesizer auf melodische Gesangslinien. Nähe zieht an und verletzt. Gefangenschaft, Narben und Feuer prägen den Text; selbst eine Umarmung birgt Gefahr.
Damit steckt der Song mitten im Widerspruch: loskommen wollen und sich weiter nach demselben Menschen ausstrecken. Die Befreiung bleibt unerreicht. Selbst die Zerstörungsfantasien kreisen um das Gegenüber. Wut wird zur letzten Verbindung. Die Bilder sind vertraut, der Konflikt dahinter sitzt.
„Nur Wegen Dir“: Gedanken im Loop
In „Nur Wegen Dir“, von KUKO selbst eingesungen, bleibt der abwesende Mensch das Zentrum. Einsamkeit, Kälte und die Suche nach einer Reaktion drehen ihre Runden. Die Fragen an das Gegenüber sollen bestätigen, dass der eigene Schmerz dort noch etwas auslöst. Genau das macht den Text so bitter: Aufmerksamkeit wird von dem Menschen erhofft, dessen Gleichgültigkeit alles bestimmt. Der Körper in Bewegung, der Kopf in Dauerschleife.
„Tageslicht“: Der Morgen tut weh
„Tageslicht“ zeigt einen erschöpften Körper, Kälte, Leere. Die Sonne schmerzt. Der Morgen legt offen, was die Nacht noch umschließen konnte. Der Text lässt sich als Moment nach dem Rausch lesen. Seine Vergiftungsbilder deuten auf eine überschrittene Grenze; die Wiederholung hält das Gefühl der Schutzlosigkeit fest. Die Nacht ist vorbei. Ihre Folgen sind es noch lange nicht.
„Unterwelt“: Das Wir übernimmt
Auf „Unterwelt“ mit Frauenarzt bekommt die Selbstbehauptung ihren Auftritt. Ein selbstbewusstes Wir beansprucht seinen Platz, demonstriert Stärke und zieht Grenzen. Nach der schmerzhaften Fixierung auf ein Gegenüber wirkt das wie eine Rüstung. Wie viel Selbstsicherheit steckt darin, wie viel Schutzbehauptung? Das gibt der Szene Reibung. Verletzlichkeit, Trotz und Selbstinszenierung gehören zu diesem Gefühlsraum – ebenso wie Glück und Euphorie, die KUKO ausdrücklich in seinen Katharsis-Begriff einschließt.
Kapitel, Songs und Interludes geben den Geschichten eine gemeinsame Form. Elektronische Musik wird zur Bühne, auf der Gefühle ihre Rollen wechseln. KUKO gelingt ein kunstvoll gebautes Debüt, das am Stück eine enorme Intensität entfaltet. Man folgt dieser Aufführung durch ihre unterschiedlichen Zustände und erlebt, wie viel die Verbindungen dazwischen ausmachen. Der Vorhang fällt erst nach dem letzten Track.

Fazit:
Mit „CATHARSIS“ zeigt KUKO, wie viel erzählerische Kraft in Hard Techno stecken kann. Das Album fordert Aufmerksamkeit – und belohnt sie mit einer emotionalen Dichte, die im Verlauf immer mehr Gewicht bekommt. „CATHARSIS“ sollte man sich als Ganzes zumuten: mit Zeit, offenen Ohren und der Bereitschaft, sich hineinziehen zu lassen.
Der Vogtlandstreicher verleiht 5 von 5 Punkten:

weiterer Artikel: KUKO & Bill Kaulitz von Tokio Hotel: Warum „Catharsis“ mehr ist als nur eine überraschende Festival-Collab
UNREAL x KUKO – All Night Long World Tour
| Datum | Stadt / Land | Location |
|---|---|---|
| 11.10.2026 | Madrid, Spanien | FABRIK – im Rahmen des CODE-Jubiläums |
| 23.10.2026 | Amsterdam, Niederlande | AFAS Live – UNREAL BY NIGHT beim Amsterdam Dance Event |
| 31.10.2026 | Bochum, Deutschland | Jahrhunderthalle – Halloween-Special mit UNREAL x Mutabor |
| 07.11.2026 | Belgrad, Serbien | Matrez, Port of Belgrade – präsentiert von Music Reactions |
| 13.11.2026 | Melbourne, Australien | Melbourne Pavilion |
| 19.12.2026 | Köln, Deutschland | Bootshaus – Tourabschluss, laut Club aktuell ausverkauft |
Weitere angekündigte Auftritte
| Datum | Stadt / Land | Veranstaltung / Location |
|---|---|---|
| 16.10.2026 | Bordeaux, Frankreich | SONORA Bordeaux Anniversary, Parc des Expositions |
| 17.10.2026 | Istanbul, Türkei | UNREAL x Jeton: Cloudy All Night Long B2B Special, mit KUKO – Istanbul Congress Center |
| 28.11.2026 | Manchester, Großbritannien | XXL / The Warehouse Project, Depot Mayfield |
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KUKO: „CATHARSIS“: Ein Rave in drei Akten – die Albumrezension

