WM KolumneBallflachstreicher | 7 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Nicht euphorisch passt schon

Kai Havertz brauchte ganze zwei Minuten, um gegen die USA das 1:0 zu erzielen, was insofern bemerkenswert ist, als die halbe Republik zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch das Bier öffnete. Dann ließen sich die Deutschen kurz vor der Pause durch Antonee Robinson den Ausgleich einschenken, was zum Genre gehört, ehe Leroy Sané nach einer Stunde das 2:1 nachlegte und damit den Endstand markierte. Nagelsmann nannte es hinterher eine „gute Generalprobe”, und das ist, übersetzt aus dem Trainerdeutschen, ungefähr so euphorisch, wie ein Bundestrainer in Chicago werden darf, ohne dass die Korrespondenten misstrauisch werden.

Das eigentlich Lehrreiche an diesem Abend aber stand gar nicht in Chicago auf dem Rasen, sondern ergibt sich erst im Vergleich. Denn während Deutschland brav seine Hausaufgaben erledigte, blamierten sich gleich zwei Mitfavoriten auf eine Weise, die deutlich unterhaltsamer war – und womöglich deutlich lehrreicher.

Da wäre zunächst die große Fußballnation Niederlande, die in Rotterdam, im eigenen Wohnzimmer also, gegen Algerien antrat und prompt 0:1 verlor. Es war kein Spiel, in dem Oranje untergegangen wäre; im Gegenteil, die Niederländer hatten den Ball, die Chancen, die Statistik, schlicht alles – außer ein Tor. Und in der 85. Minute zog ein eingewechselter Algerier namens Anis Hadj Moussa von rechts nach innen und schweißte den Ball so makellos in den Winkel, dass die De Kuip kurz vergaß, wem dieses Stadion eigentlich gehört. Es ist die wohl niederländischste aller Niederlagen: technisch überlegen, taktisch dominant, am Ende mit leeren Händen.

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Noch pikanter erging es Frankreich. Die Equipe Tricolore, gespickt mit Spielern, deren Marktwerte man besser nicht laut vorliest, verlor in Nantes 1:2 gegen die Elfenbeinküste – und das ist aus deutscher Sicht keine Fußnote, sondern eine Warnung mit Adresse. Denn die Elfenbeinküste ist Deutschlands Gruppengegner. Rayan Cherki hatte die Franzosen kurz vor der Pause noch in Führung gebracht, doch nachdem Didier Deschamps zur zweiten Hälfte halb Frankreich auswechselte, drehte ein gewisser Guela Doué die Partie, erst mit dem Ausgleich, dann als Vorlagengeber, und sechs Minuten vor Schluss vollendete Amad den Coup. Ein WM-Favorit, vorgeführt von genau der Mannschaft, die der deutsche Fan bislang nur als Losglück im Spielplan wahrgenommen hatte.

Während Deutschland seinen Test gewann und damit offiziell nichts bewiesen hat, haben die Niederlande und Frankreich ihre Tests verloren und damit ebenfalls nichts bewiesen – aber sie haben es immerhin schmerzhaft erfahren. Die Geschichte der Weltmeisterschaften ist voll von Teams, die im Juni glanzlos durch die Vorbereitung stolperten und im Juli den Pokal stemmten, und ebenso voll von solchen, die jede Generalprobe gewannen und beim ersten Ernstfall zerbröselten. Der einzig verlässliche Wert dieser Spiele ist ihr Unterhaltungswert, und da hatten die Verlierer eindeutig die Nase vorn.

Trotzdem darf man der deutschen Mannschaft ihre unaufgeregte Pflichtübung gönnen. Nach den vergangenen Turnieren, bei denen die Generalprobe zuverlässig zur Generalkrise geriet, ist ein simples 2:1 mit frühem Tor, kurzem Wackler und souveräner Antwort fast schon eine Charakterleistung. Es ist der Unterschied zwischen einer Mannschaft, die ihre Aufgabe abhakt, und zweien, die gerade noch rechtzeitig daran erinnert wurden, dass dieses Turnier keine Gnade kennt – auch nicht für Namen, die in jeder Wettquote vorne stehen.

In acht Tagen, am 14. Juni in Houston, beginnt für Deutschland der Teil, bei dem die Noten wieder zählen. Bis dahin gilt, was nach jeder Generalprobe gilt: Man weiß jetzt alles und nichts. Man weiß, dass Havertz früh trifft und Sané immer noch den Unterschied machen kann. Und man weiß, dass die vermeintlich Kleinen in dieser Vorbereitung dreimal so laut gebrüllt haben wie die Großen. Welche dieser Erkenntnisse im Sommer etwas wert ist, verrät uns ausgerechnet das einzige Spiel, das jetzt niemand mehr abpfeifen kann: das echte.

Zum Schluss noch das

Die schönste Nebengeschichte des Abends spielte sich im Hause Doué ab. Während Désiré Doué für Frankreich aufläuft, lief sein Bruder Guela für die Elfenbeinküste auf – und ausgerechnet er drehte die Partie gegen die Nation des Bruders, mit einem Tor und einer Vorlage. Man möchte glatt das Familien-WhatsApp nach dem Schlusspfiff mitlesen. Manche Geschwister streiten sich eben um die Fernbedienung; die Doués tragen ihre Rivalität gleich vor 35.000 Zuschauern aus – und einer von beiden durfte danach garantiert ein bisschen länger grinsen.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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