WM KolumneBallflachstreicher | 19 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Wenn es um nichts geht, gehts um den Kick.

Gestern stand an dieser Stelle der Satz, das Spiel um Platz drei habe die komische Angewohnheit, mehr herzugeben, als es verspricht. Man möge mir die Selbstzitierung verzeihen, aber nach dem, was Miami gestern Abend erlebt hat, möchte man sich hinstellen und rufen: Donnerwetter. England schlägt Frankreich mit 6:4. Zehn Tore. In einem Spiel, das angeblich niemand spielen will, bei einer Hitze, in der jeder vernünftige Mensch höchstens noch den Weg vom Liegestuhl zum Kühlschrank auf sich genommen hätte., zwischen zwei Mannschaften, die beide noch die Halbfinalniederlage in den Knochen hatten. Wer diese neunzig Minuten verpasst hat, hat den unterhaltsamsten Abend dieses Turniers verpasst.

Dabei fing es an wie eine Hinrichtung. Declan Rice zog in der dritten Minute aus der Distanz ab, und der Ball war drin, ehe die Zuschauer ihre Sitzpolster gefunden hatten. Ezri Konsa köpfte das 2:0 nach, Bukayo Saka machte nach einem blitzschnellen Konter das 3:0, und in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit stellte derselbe Saka auf 4:0, woraufhin Thomas Tuchel an der Seitenlinie die Faust ballte wie jemand, der gerade im Lotto gewonnen hat und es noch nicht ganz glauben mag. Halbzeitstand 4:0. Frankreichs Trainer Didier Deschamps nannte den ersten Durchgang im französischen Fernsehen später schlicht „katastrophal” und forderte von seiner Elf, wenigstens Stolz zu zeigen.

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Und dann, meine Damen und Herren, passierte das, wofür man diesen Sport liebt. Deschamps wechselte in der Pause gleich viermal, brachte Dembélé, Upamecano, Digne und Barcola – und wurde beinahe augenblicklich belohnt. Kylian Mbappé traf zum 4:1, Barcola legte das 4:2 nach, und plötzlich kippte ein totes Spiel in eine Aufholjagd, die niemand für möglich gehalten hatte. Als Mbappé nach Zuspiel von Michael Olise auch noch das 4:3 erzielte, war das Hard Rock Stadium ein Tollhaus, und Frankreich, das eine Halbzeit lang nicht existiert hatte, roch tatsächlich am Wunder. Es fehlte nicht viel. Die Franzosen vergaben in dieser Phase mehrere Ausgleichschancen. Eine Mannschaft, die 0:4 hinten liegt, in einem Spiel ohne sportlichen Wert, bei vierzig Grad gefühlter Temperatur, hätte den Nachmittag abhaken können. Frankreich warf sich stattdessen mit einer Wut nach vorn, die einem Achtung abnötigt.

England hielt stand, und auch das war eine Leistung. Malo Gusto brachte Djed Spence im Strafraum zu Fall, Saka verwandelte den Elfmeter zum 5:3 und krönte damit seinen Hattrick. Ousmane Dembélé verkürzte noch einmal auf 5:4, ehe Jude Bellingham nach einem Solo das zehnte Tor des Abends erzielte und die Sache endgültig entschied. Nebenbei hat Bellingham damit als erster englischer Spieler überhaupt sieben Tore bei einer einzigen Weltmeisterschaft erzielt. Erwähnt sei außerdem Dean Henderson, Englands Ersatztorhüter, der in der Anfangsphase gegen Mbappé und Olise zweimal glänzend parierte und damit womöglich verhinderte, dass die Partie ganz anders erzählt wird.

Der Mann des Abends aber, so absurd das bei einem Hattrick klingt, war der Verlierer. Kylian Mbappé hat mit seinen beiden Toren die Marke von zweiundzwanzig WM-Treffern erreicht und ist damit der beste Torschütze der Weltmeisterschaftsgeschichte – vorbei an Lionel Messi, der bei einundzwanzig steht. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen: Ein Rekord, an dem sich Generationen abgearbeitet haben, fällt ausgerechnet im Spiel um Platz drei, das offiziell niemanden interessiert. Und Mbappé nimmt obendrein die Führung im Rennen um die Torjägerkanone mit, zehn Treffer gegen Messis acht. Was bedeutet, dass der Argentinier heute Abend im Finale nicht nur einen Titel zu gewinnen hat, sondern ganz nebenbei drei Tore braucht, um sich die Kanone zurückzuholen. Man ahnt, dass ihn das nicht kaltlässt.

Für England ist dieser Nachmittag mehr als ein Trostpflaster. Gestern haben wir hier noch aufgeschrieben, dass die Three Lions das Spiel um Platz drei zweimal gespielt und zweimal verloren hatten, 1990 gegen Italien und 2018 gegen Belgien. Jetzt haben sie es zum ersten Mal gewonnen – und damit steht England mit Rang drei so gut da wie seit dem Titel von 1966 nicht mehr. Nach dem grausamen Ende gegen Argentinien mit zwei Gegentoren in den Schlussminuten hätte diese Mannschaft auch zerfallen können. Sie hat stattdessen sechs Tore geschossen. Das sagt einiges über den Charakter dieser Elf, und Tuchel darf sich das ruhig ans Revers heften.

Und Deschamps? Der beendet vierzehn Jahre auf der französischen Bank mit einer 4:6-Niederlage, was auf dem Papier ein trauriger Abgang ist. Auf dem Rasen war es wenigstens ein Aufbäumen seiner Jungs. Ein Mann, dessen ganze Karriere Kontrolle, Ordnung und Ergebnis hieß, verabschiedet sich ausgerechnet mit dem wildesten, unordentlichsten, unvernünftigsten Spiel des ganzen Turniers – und mit einer Mannschaft, die sich aus einer „katastrophalen” Halbzeit heraus bis auf ein Tor herankämpfte. Wenn schon kein Galaabend, dann wenigstens ein Feuerwerk. Es gibt schlechtere Arten zu gehen – aber eben auch bessere.

Bleibt die Erkenntnis, die dieser Abend allen Spöttern des kleinen Finales ins Stammbuch schreibt, den Autor dieser Zeilen ausdrücklich eingeschlossen: Man kann ein Spiel für überflüssig erklären, so oft man will. Der Fußball hört einfach nicht zu. Heute Abend in New Jersey steigt das Finale zwischen Spanien und Argentinien, und es hat nun die undankbare Aufgabe, ein Vorspiel zu übertreffen, das offiziell gar keines sein sollte.

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Zum Schluss noch das

Der Elfmeter, mit dem Bukayo Saka gestern seinen Hattrick vollendete, war der schönste Moment des Abends, und um zu verstehen warum, muss man fünf Jahre zurückgehen. Im Finale der Europameisterschaft 2021 stand Saka mit neunzehn Jahren im Wembleystadion am Punkt, England gegen Italien, letzter Schütze im Elfmeterschießen – und scheiterte an Gianluigi Donnarumma. Italien wurde Europameister, und was danach über den jungen Engländer hereinbrach, war schäbiger als jede Niederlage: eine Welle rassistischer Anfeindungen, gegen die sich halb England schützend vor ihn stellen musste. Fünf Jahre später legt sich derselbe Mann in Miami den Ball zurecht, bei einer Weltmeisterschaft, mit einem Hattrick vor Augen, und schiebt ihn seelenruhig hinein. Der Fußball vergisst wenig und verzeiht selten. Aber manchmal, wenn man lange genug wartet, gibt er einem den Ball noch einmal an genau derselben Stelle zurück.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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