Sechs Wochen, hundertvier Spiele, sechsundvierzig Kolumnen – und Spanien ist Weltmeister, die Stadien werden ausgekehrt, und in meinem Studio herrscht jenes seltsame Gefühl, das man sonst nur nach großen Familienfeiern kennt: Ich bin erleichtert, dass es vorbei ist, und vermisse es bereits, während ich noch Ordnung in die Recherchedateien bringe. Zeit also, ein letztes Mal in die eigenen Notizen zu schauen und zu fragen, was von diesem Sommer eigentlich hängen bleibt.
Infobox: Die Einzelauszeichnungen
| Auszeichnung | Wofür | Gewinner | Bemerkenswert |
|---|---|---|---|
| Goldener Ball | Bester Spieler des Turniers | Rodri (Spanien) | Setzte sich gegen Messi und Mbappé durch |
| Goldener Schuh | Torschützenkönig | Kylian Mbappé (Frankreich) | 10 Tore in 8 Spielen; erster Spieler überhaupt mit dem Titel bei zwei WMs in Folge |
| Goldener Handschuh | Bester Torhüter | Unai Simón (Spanien) | Rekord von sieben Spielen ohne Gegentor; im Finale ohne eine einzige Parade |
| Bester junger Spieler | Bester U21-Spieler | Pau Cubarsí (Spanien) | 19 Jahre, Innenverteidiger; Spanien kassierte auf dem Weg zum Titel nur ein Gegentor |
| FIFA Fair Play Award | Fairste Mannschaft | Niederlande | – |
| Tor des Turniers | Schönster Treffer | noch nicht bestätigt | Julián Álvarez’ Verlängerungstreffer gegen die Schweiz gewann mit 37,2 % die Abstimmung der Viertel-/Halbfinalphase |
Die Podeste
Goldener Ball (bester Spieler)
| Platz | Spieler | Nation |
|---|---|---|
| 🥇 Gold | Rodri | Spanien |
| 🥈 Silber | Lionel Messi | Argentinien |
| 🥉 Bronze | Kylian Mbappé | Frankreich |
Goldener Schuh (Torschützen)
| Platz | Spieler | Nation | Tore |
|---|---|---|---|
| 🥇 Gold | Kylian Mbappé | Frankreich | 10 |
| 🥈 Silber | Lionel Messi | Argentinien | 8 |
| 🥉 Bronze | Jude Bellingham | England | 7 |
| 4. | Erling Haaland | Norwegen | 7 |
| 5. | Harry Kane | England | 6 |
| 5. | Ousmane Dembélé | Frankreich | 6 |
Mbappé steht mit nun 22 WM-Toren als Rekordtorschütze der WM-Geschichte vor Messi (21). Und Spanien holte mit Goldenem Ball, Goldenem Handschuh und bestem jungen Spieler drei der vier Hauptauszeichnungen – nur den Torschützenkönig gab es nicht dazu.
Diese Weltmeisterschaft war das durchkalkulierteste Turnier der Geschichte, mit dynamischen Ticketpreisen bis zu 143.750 Dollar, mit Eröffnungsshows voller Popstars, mit einer eigenen Halbzeitshow im Finale. Und ausgerechnet die Dinge, für die niemand eine Rechnung schreiben konnte, sind die, an die man sich erinnern wird. Ich hatte das im Juni einmal so formuliert: Die Romantik schleicht sich klammheimlich durch genau jene Hintertür herein, an der die FIFA vergessen hat, ein Drehkreuz aufzustellen. Sie ist bei diesem Turnier sehr oft durch diese Tür gekommen.
Meistens hatte sie kleine Länder im Schlepptau. Curaçao, mit 156.000 Einwohnern die kleinste je qualifizierte Nation, rollte in einem bunt lackierten, fensterlosen Schulbus zum Quartier, als Hommage an den eigenen Straßenfußball, geführt von einem achtundsiebzigjährigen Dick Advocaat, der damit der älteste WM-Trainer aller Zeiten wurde. Kap Verde hielt den Europameister Spanien bei null, hatte dabei einen Abwehrchef in seinen Reihen, der einst per LinkedIn-Nachricht für die Nationalelf angeworben worden war und die Nachricht zunächst schlicht ignoriert hatte, und marschierte am Ende als kleinstes Land der Geschichte in die K.-o.-Runde. Es gab in diesem Turnier Mannschaften mit dem Gegenwert halber Staatshaushalte, und die schönsten Sätze schrieben trotzdem die anderen.
Das Kuriositätenkabinett füllte sich derweil im Wochentakt. Das offizielle Panini-Album zeigte auf der Deutschland-Seite fünf Spieler, die gar nicht dabei waren. Der DFB reiste mit einem eigenen Greenkeeper an, der den amerikanischen Rasen mit Wärmelampen und Wachstumsfolie umsorgte wie ein kränkelndes Gewächshaustomatchen. Konrad Laimer wusste angesichts der Ritterrüstungen im Teamquartier nicht, ob er in North Carolina oder in Hogwarts gelandet war, während Rüdiger und Undav in Badelatschen durch den Supermarkt schlurften. Norwegische Fans filmten fassungslos einen amerikanischen Eiswürfelspender und wurden damit im Netz erfolgreicher als die meisten Tore. Und ein zweiundsiebzigjähriger Schweizer namens WM-Hampi bereiste in voller Appenzeller Tracht und mit einem Arsenal Kuhglocken den halben Kontinent.
In der Abteilung „zu absurd, um erfunden zu sein” führte weiterhin die Elfenbeinküste, deren Verband nach dem Afrika-Cup 1992 angeblich die Rechnung der Geistheiler nicht bezahlt hatte; der Fluch hielt zwölf Jahre, bis eine Regierungsdelegation die Schulden beglich – prompt folgte die erste WM-Qualifikation. Knapp dahinter rangierte die Petition portugiesischer Fans, die missratene Ronaldo-Büste vom Flughafen Madeira zurückzuholen, nachdem sie durch eine hübschere ersetzt worden war. Und dann war da natürlich der amerikanische Präsident, der bei der FIFA anrief, um die Sperre nach einer Roten Karte aussetzen zu lassen – woraufhin Belgien den US-Amerikanern erst ein 4:1 um die Ohren spielte und anschließend zwei Wörter ins Internet stellte: „Overturn this.”
Fußballerisch hat uns dieser Sommer vor allem eine alte Wahrheit neu eingeschärft: Ballbesitz ist keine Währung. England hielt gegen Ghana 78,8 Prozent der Spielzeit den Ball und schoss kein Tor, Portugal hatte gegen die DR Kongo den Ball und keine Idee, die Türkei kam auf dreißig Torschüsse und fuhr nach Hause. Dafür wurde am laufenden Band mit Flüchen aufgeräumt. Norwegen, das nie gegen Brasilien verloren hatte, schickte den Rekordweltmeister heim, und zwar mit exakt demselben 2:1 wie 1998. England gewann nach vierzig Jahren erstmals im Aztekenstadion. Die Schweiz brach nach vier Anläufen ihren Achtelfinalfluch ausgerechnet im Elfmeterschießen, jenem Instrument, das sie 2006 zerstört hatte. Und Spanien beendete eine Durststrecke, die sechzig Jahre lang kein Halbfinale zugelassen hatte.
Über die Schiedsrichter, denen wir eine ganze Reportage gewidmet haben, bleibt der beruhigendste Befund des Turniers: In rund zwei Dritteln aller 104 Partien kam ihre Leistung in den Spielberichten überhaupt nicht vor. Die Empörung war in diesem Sommer also deutlich größer als ihr Anlass – was auch daran lag, dass sich heute jeder mit zwei Klicks in jede Debatte um die richtige Entscheidung einschalten kann.
Und der Weltmeister? Der passt dann doch perfekt zur Gesamterzählung dieses Turniers, gerade weil er ihr scheinbar widerspricht. Spanien spielte Fußball wie eine nach Lastenheft entwickelte Software, kontrolliert, geduldig, gnadenlos, und verbot dem Gegner im Endspiel schlichtweg das Mitspielen. Argentinien dagegen war der zäheste Muskel des Feldes, ein Team, das fast alle seine Tore nach der 76. Minute schoss. Am Ende gewann die Maschine – aber sie brauchte dafür hundertsechs Minuten. Und einen Tag zuvor hatte ausgerechnet das Spiel, das offiziell niemand spielen wollte, zehn Tore produziert. Wenn dieses Turnier eine Erkenntniss vertiefen kann, dann diese: Der Fußball nimmt keine Befehle entgegen. Man kann ihn planen, vermarkten, in Preisstufen einteilen und mit Halbzeitshows garnieren – er entscheidet trotzdem selbst, wann er schön wird.
Damit ist diese Kolumne am Ende. Sechsundvierzig Mal haben Sie hier morgens hereingeschaut, und das war, ehrlich gesagt, das Beste an der ganzen Sache. Danke fürs Mitlesen, fürs Widersprechen und für die Hinweise, wenn wir danebenlagen. Aber, manch BlaBla ist unumstößlich: Nach dem Turnier ist vor dem Turnier.
Zum Schluss noch das
Eine letzte Fußnote: Die spanischen Spieler haben vorgestern in New Jersey einen Pokal in die Höhe gestemmt, den sie gar nicht behalten dürfen. Seit 1974 gilt die Regel, dass keine Nation die WM-Trophäe je wieder dauerhaft besitzt; die Weltmeister bekommen eine vergoldete Replik, das Original wandert zurück in seine Vitrine. Und diese Vitrine steht im Weltfußballmuseum in Zürich – ausgerechnet in dem Land, das viermal im Viertelfinale stand und noch nie ein Halbfinale erreicht hat. Der wertvollste Gegenstand dieses Sports wohnt also dauerhaft bei einer Nation, die ihn nie gewinnen wird. Was einem am Ende jeder Weltmeisterschaft bleibt, ist ohnehin nicht das Gold. Es sind die Geschichten: ein Hund, der den gestohlenen Pokal unter einer Hecke findet. Eine LinkedIn-Nachricht, die ein halbes Jahrzehnt später den Europameister ausbremst. Ein Bus ohne Fenster, in dem die Kleinsten der Welt singend zur größten Bühne fahren. Die darf man behalten. Und die nimmt einem auch keine Vitrine wieder weg.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
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