WM KolumneBallflachstreicher | 20 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | SPANIEN!

Vorne stemmten die Spanier den goldenen Silvio-Gazzaniga-Pokal in den Nachthimmel von New Jersey, sprangen übereinander, brüllten sich heiser, während das Konfetti fiel. Und im Hintergrund stand ein Mann mit einer Silbermedaille um den Hals, sehr still, sehr nachdenklich, und über seine Wangen liefen Tränen. Lionel Messi, neununddreißig Jahre alt, hat gestern Abend aller Wahrscheinlichkeit nach sein letztes Spiel für Argentinien bestritten. Er hat es verloren.

Wie es dazu kam, lässt sich in einem Satz sagen, den man kaum glauben mag: Argentinien durfte nicht mitspielen. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz wörtlich. Der amtierende Weltmeister, die Mannschaft von Messi, Lautaro Martínez und Julián Álvarez, brachte in den regulären neunzig Minuten keinen einzigen Torschuss zustande. Nicht einen einzigen. Kein Team vor ihm hat das je in einem WM-Finale erlebt. Zur Pause stand es bei den Abschlüssen 3:0 für Spanien und beim Chancenwert 0,23 zu exakt null, am Ende der neunzig Minuten hatten die Spanier fünfzehn Mal geschossen, neun Mal aufs Tor, bei fünfundsechzig Prozent Ballbesitz. Zwei Stunden lang bestand der Abend für Argentinien darin, das eigene Tor zu verteidigen und zu hoffen, dass irgendwann eine Lücke entsteht.

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Man muss das den Argentiniern nicht vorwerfen, im Gegenteil. Sie waren nicht ängstlich, sie kamen schlicht nicht hinein. Wer in dieser Nacht dabei zusah, wie diese Spanier den Ball laufen ließen, verstand nach zwanzig Minuten, warum: Sie verteidigen, indem sie den Ball behalten. Wo kein Ball ist, ist kein Konter, und wo kein Konter ist, gibt es für einen Messi nichts zu tun. Es war keine Demütigung, es war eine sanfte, gnadenlose Einkesselung. Man konnte dabei zusehen, wie einer Weltklassemannschaft langsam die Luft ausging, ohne dass ein einziger böser Zweikampf nötig gewesen wäre.

Dagegengehalten haben die Argentinier trotzdem, und zwar argentinisch: mit Nickeligkeiten, Zupfern und Fouls, die zwischendurch auch wieder richtig böse waren. Gegen eine Mannschaft, die ihren Takt aus dem nächsten Pass zieht und nicht aus dem Spielfluss, bringt das allerdings herzlich wenig – und es kostete am Ende genau das, was man sich in einem Finale am wenigsten leisten kann. Enzo Fernández, in der 82. Minute wegen Meckerns verwarnt, räumte in der 93. Minute Pau Cubarsí ab und sah Gelb-Rot. Die komplette Verlängerung bestritt Argentinien zu zehnt.

So kam unweigerlich der eine Moment, auf den diese Spanier bis zur106. Minuten gewartet hatten: Nico Williams setzt sich hinter der Kette in Szene und legt den Ball zurück in die Mitte, wo Ferran Torres steht und ihn direkt nimmt. Der trifft das Leder perfekt, so dass Emiliano Martínez, einer der besten Torhüter der Welt, nur noch hinterherschauen kann. Die spanische Bank explodierte, als hätte jemand den Deckel von einem Dampfkessel gerissen. Hundertsechs Minuten Geduld, entladen in zwei Sekunden.

Was diese spanische Mannschaft so besonders macht, ist nämlich gerade nicht die Kälte, die man ihr gern nachsagt. Es ist ihr Nervenkostüm. Da steht eine Elf auf dem Platz, deren größtes Talent neunzehn Jahre alt ist, die im Halbfinale einen Turnierfavoriten und im Endspiel einen Titelverteidiger vor sich hat – und sie spielt in der 100. Minute eines WM-Finales exakt denselben Fußball wie in der 10. Kein Hektikanfall, kein langer Ball aus Verzweiflung, kein Moment, in dem jemand das Vertrauen in den eigenen Plan verliert. Diese Ruhe muss man erst einmal haben. Sie ist, neben der individuellen Klasse auf jeder Position, der eigentliche Grund, warum Spanien in diesem Sommer über Portugal, Belgien, Frankreich und Argentinien gegangen ist, ohne dass einer dieser Gegner je das Gefühl hatte, das Ding drehen zu können. Ein würdigerer Weltmeister ist schwer vorstellbar.

Bleibt der andere, der leisere Teil dieses Abends. Messi hatte in seinem letzten großen Spiel kaum einen Ball, kaum einen Meter, kaum eine Szene, in der sich die Welt für ihn noch einmal langsam gedreht hätte. Das ist bitter, und es wäre unehrlich, das schönzureden. Aber es nimmt ihm nichts. Dieser Mann hat 2022 gewonnen, worauf ein ganzes Land vierzig Jahre gewartet hatte, er hat Argentinien vor fünf Tagen mit zwei Vorlagen im Alleingang in dieses Finale getragen, und er hat zwei Jahrzehnte lang Millionen Menschen beigebracht, warum sie diesen Sport lieben. Wer so geht, geht nicht als Verlierer. Er geht als einer, dem am Ende nur noch der letzte Abend fehlte.

Am Rande sei die Neuerung erwähnt, die für Gesprächsstoff sorgte: Zum ersten Mal in der Geschichte gab es bei einem WM-Finale eine Halbzeitshow, elf Minuten Madonna, Shakira und BTS, kuratiert von Chris Martin, dazu Justin Bieber und Burna Boy. Weil eine Bühne auf- und wieder abgebaut werden musste, dehnte sich die Pause auf annähernd zwanzig Minuten. Man darf das albern finden oder großartig, je nach Temperament. Auf die spanische Mannschaft hatte es exakt null Wirkung – sie kam heraus und machte genau da weiter, wo sie aufgehört hatte.

Morgen lassen wir an dieser Stelle das ganze Turnier noch einmal Revue passieren, von der Eröffnung bis zu diesem Endspiel.

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Zum Schluss noch das

Um zu ermessen, was dieser zweite Stern für Spanien bedeutet, muss man wissen, wie lange dieses Land der ewige Pechvogel des Weltfußballs war. Spanien hatte über Jahrzehnte die besten Klubs des Planeten; Real Madrid und der FC Barcelona sammelten Europapokale ein, als wären es Pfandflaschen. Und die Nationalmannschaft? Wurde bei der WM 1950 Vierter – und erreichte danach sechzig Jahre lang kein einziges Halbfinale mehr. Sechzig Jahre. Man nannte sie ehrfurchtsvoll „la Furia Roja”, die rote Wut, und meistens war damit am Ende die Wut der eigenen Anhänger gemeint, weil im Viertelfinale wieder Schluss war. Ganze Generationen spanischer Kinder wuchsen mit der festen Überzeugung auf, dass ihre Mannschaft alles könne außer gewinnen. Erst 2010 fiel dieser Fluch. Und nun, sechzehn Jahre später, sitzt der zweite Stern auf dem Trikot, verdient von einer jungen Elf, die in vier Jahren sicherlich um den dritten spielen wird.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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