WM KolumneBallflachstreicher | 11 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | “Wir haben euch lieb!”

Ab heute rollt das Ding! Und das Eröffnungsspiel findet an einem Ort statt, der mehr Fußballgeschichte gesehen hat als die meisten Verbände zusammen: im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt. Diese Arena ist kein Stadion, sie ist ein Heiligtum. Hier hat Pelé 1970 seinen letzten WM-Triumph gefeiert, hier hat Maradona 1986 binnen weniger Minuten erst mit der Hand und dann mit dem Jahrhundertdribbling die zwei berühmtesten Tore der WM-Geschichte erzielt. Es ist das einzige Stadion, das zwei Weltmeisterschaftsfinals beherbergt hat, und nun, zum dritten Mal, darf es ein Turnier eröffnen. Wenn ein Stadion schon vor dem Anstoß Gänsehaut macht, dann dieses.

Dass es ausgerechnet Mexiko gegen Südafrika ist, das diese gewaltige, auf 48 Mannschaften aufgeblähte Weltmeisterschaft eröffnet, hat eine fast rührende Bescheidenheit. Keine der ganz großen Fußballnationen, kein Argentinien, kein Brasilien, kein Spanien – sondern der euphorische Gastgeber und ein Rückkehrer, der lange weg war. Heute Abend gehört die Bühne zwei Mannschaften, die nichts zu verlieren haben, aber jede Menge zu gewinnen.

Apropos gewinnen: Mexiko macht ernst mit der Begeisterung. Die Hauptstadt hat den heutigen Tag kurzerhand zum Feiertag erklärt, die Schulen bleiben geschlossen, und Arbeitgeber wurden gebeten, ihre Angestellten doch bitte von zu Hause arbeiten zu lassen – ein euphemistischer Hinweis darauf, dass ohnehin niemand arbeiten wird. Eine Metropole mit über zwanzig Millionen Menschen legt den Schalter um und richtet sich kollektiv nach dem runden Leder. In Mexiko ist das schlicht logisch.

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Bemerkenswert ist auch die Choreografie dieses ersten Tages. Während das Turnier in den kommenden Wochen zu einem Dauerfeuer aus Spielen wird, einem 104-Partien-Marathon, bei dem man irgendwann nicht mehr weiß, wer gerade gegen wen und warum spielt, steht heute genau eine Begegnung auf dem Plan. Eine. Nach all dem Lärm, nach all den Ankündigungen, verengt sich die ganze Aufmerksamkeit der Fußballwelt für einen Abend auf ein einziges Spiel. Es ist, als hielte das Turnier nochmal kurz die Luft an, bevor es losbrüllt.

Natürlich wird auch heute nicht alles reiner Sport sein. Vor dem Anpfiff steht erst die obligatorische Zeremonie an, mit Musik, Pyrotechnik und dem feierlichen Versprechen, dass nun die ganze Welt zusammenrücke. Man kennt das, man erträgt es, man wartet darauf, dass es vorbeigeht. Denn die Wahrheit ist: Keine noch so aufwendige Eröffnungsshow hat je jemanden so berührt wie der erste sauber getretene Pass eines echten Spiels. Glitzerblabla verblasst. Ein Tor bleibt.

In wenigen Stunden wird im Aztekenstadion ein Schiedsrichter pfeifen, und in diesem Moment werden all die Milliarden, all die Regeln, all die Aufregung der vergangenen Wochen für anderthalb Stunden vollkommen bedeutungslos. Dann zählt nur noch, was schon immer zählte: elf gegen elf, ein Ball, ein Tor. Es wurde auch Zeit.

Zum Schluss noch das

Noch vor dem ersten Anpfiff ging ein Fan-Video viral: US-amerikanische Anhänger sangen darin ein herzliches „We love ya” – so fröhlich, so freundlich, dass das halbe Internet spottete, das klinge ja gar nicht nach echtem Fußball. Wo bleibe die Wut, wo das martialische Geschrei, das man aus europäischen Kurven kenne? Aber ehrlich: Ausgerechnet in einer Zeit, in der überall gespalten, gehetzt und beschimpft wird, treffen sich ein paar US-Fans und singen dem Gegner ein Liebeslied auf TikTok. Vielleicht haben nicht diese Fans den Fußball missverstanden, sondern wir. Und vielleicht ist das die schönste Nachricht dieses ganzen Eröffnungstages: dass eine WM auch mit „Wir haben euch lieb” beginnen darf.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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