Man erkennt die wirklich großen Mannschaften nicht an ihren besten Abenden, sondern an ihren schlechtesten. Gestern hatten gleich zwei von ihnen einen solchen – Argentinien und Frankreich –, und beide bewiesen genau damit, warum sie zu den Titelfavoriten gehören: Sie gewannen trotzdem. Nicht schön, nicht souverän, sondern zäh, mühsam, über den Kampf. Und das ist, so unspektakulär es klingt, die vielleicht wichtigste Eigenschaft überhaupt.
Argentinien wäre um ein Haar der Weltmeister-Blamage des Turniers anheimgefallen. Lionel Messi brachte die Albiceleste in der 29. Minute wie selbstverständlich in Führung, und die Sache sah nach Pflichtübung aus – bis Kap Verde beschloss, das Drehbuch zu zerreißen. Deroy Duarte glich aus, Lisandro Martínez schien Argentinien in der Verlängerung erlöst zu haben, doch Sidny Lopes Cabral traf in der 103. Minute erneut. Erst in der 111. Minute köpfte Cristian Romero den amtierenden Weltmeister mit 3:2 ins Viertelfinale. Das war kein Galaauftritt, das war ein Überlebenskampf – und genau in solchen Momenten trennt sich der Champion vom Mitläufer.
Wie treffend dieser Satz ist, führte am selben Abend Frankreich vor – und zwar gegen einen alten Bekannten. Es war ausgerechnet jenes Paraguay, das eine Woche zuvor Deutschland aus dem Turnier gemauert hatte. Dieselbe tief gestaffelte Wand, dieselbe Verweigerung, dieselbe Geduldsprobe. Wo die Deutschen an diesem Bollwerk zerschellten und am Ende vom Elfmeterpunkt untergingen, brauchte Frankreich nur einen einzigen Moment: einen von Kylian Mbappé verwandelten Videobeweis-Elfmeter in der 70. Minute. 1:0, ruppig, glanzlos, aber es reichte. Auch in diesem einen Spiel steckt der ganze Unterschied zwischen einem Titelanwärter und einer Mannschaft, die den Koffer packt. Der Titelanwärter braucht an einem schlechten Tag nur eine Gelegenheit. Er nutzt sie. Das ist alles.
Den eigentlichen Applaus dieses Abends aber verdienen nicht die Sieger, sondern der Verlierer. Kap Verde, dieser Inselstaat mit knapp einer halben Million Einwohnern, ist ausgeschieden – und geht dabei so groß ab, wie es größer kaum möglich ist. Man muss sich das noch einmal vor Augen führen: eine Mannschaft aus Profis der unteren europäischen Ligen, angetreten gegen den amtierenden Weltmeister, hat diesen in die Verlängerung und die ganze Fußballwelt an den Rand des Wahnsinns getrieben. Am Ende fehlte ein einziger Kopfball zur größten Sensation der WM-Geschichte. Kap Verde verlässt dieses Turnier nicht als Geschlagener, sondern als Legende – als das kleinste Land, das je bei einer WM so nah dran war, einen Giganten zu stürzen. Wer nach diesem Sommer noch behauptet, im modernen Fußball entscheide nur das Geld, der hat diese Inselelf nicht gesehen.
Dass an einem solchen Tag auch noch ein Gastgeber die Segel streichen musste, ging fast unter. Marokko warf Kanada mit 3:0 aus dem Turnier, wobei die Zahlen täuschen: Über weite Strecken, besonders in einer starken ersten kanadischen Halbzeit, war das ein glücklicher Erfolg, ehe Azzedine Ounahi mit einem Doppelpack und Soufiane Rahimi spät für klare Verhältnisse sorgten. Kanada ist damit der erste der drei Gastgeber, der sein Heimturnier verlassen muss – und Marokko marschiert weiter, als wolle es dort anknüpfen, wo es vor vier Jahren aufgehört hat.
Zum Schluss noch das
Mit Kap Verde verabschiedet sich der schönste Außenseiter dieses Turniers, aber die afrikanische Fahne trägt nun jemand weiter, dem man deutlich mehr zutrauen darf als ein Märchen. Marokko stand bei der WM 2022 sensationell im Halbfinale, als erste afrikanische Mannschaft überhaupt, und wirkt auch diesmal nicht wie ein netter Gast, sondern wie ein ernsthafter Störenfried für die ganz Großen. Das kleine Wunder Kap Verde ist vorbei – das größere marokkanische läuft womöglich gerade erst warm. Und falls Frankreich, Argentinien oder Spanien glauben, der Weg zum Titel führe nur über ihresgleichen: Es sitzt da noch ein Nordafrikaner im Turnierbaum, der 2022 schon einmal bewiesen hat, dass er auf Namen wenig gibt.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 05 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Größe zeigt sich an schlechten Tagen.
