Vor zwei Abenden hatte Frankreich den schwedischen Abwehrriegel in eine Kunstinstallation verwandelt, und man hätte meinen können, so etwas sei ein französisches Alleinstellungsmerkmal. Gestern lieferte Spanien den Beweis, dass man dafür weder Pathos noch Poesie braucht – Tempo und Präzision genügen völlig. 3:0 gegen Österreich, souverän, kühl, und am Ende so zwingend, dass sich die Frage nach dem Sieger nie wirklich stellte.
Dabei taten die Österreicher diesmal endlich das, was man von ihnen zuvor bei diesem Turnier oft vermisst hatte: Sie kämpften. Sie stellten sich tief, staffelten sich dicht, warfen sich in jeden Ball, und David Alaba klärte gar einmal in höchster Not auf der Linie. Es half nichts. Denn genau das ist die unbequeme Lektion dieser Tage: Ein gut organisierter, verzweifelt verteidigender Block ist gegen die wahre Spitze kein sicherer Hafen mehr. Wer schnell genug kombiniert und präzise genug in die Spitze spielt, knackt ihn – nicht mit Gewalt, sondern mit Timing. Oyarzabal (zweimal) und Pedro Porro besorgten die Tore, aber das eigentliche Spektakel war das Wie: dieses geduldige, blitzschnelle Zerlegen einer Mannschaft, die alles richtig machte und trotzdem chancenlos blieb.
Man sollte den Österreichern ihren Abschied nicht vermiesen. Dass sie überhaupt so weit kamen, nachdem sie sich in der Vorrunde erst durch Kalajdzics Last-Minute-Tor gegen Algerien gerettet hatten, war schon ein kleines Wunder. Aber gegen dieses Spanien wurde eben auch schonungslos sichtbar, dass zwischen einer wackeren Turniermannschaft und einem Titelanwärter ganze Welten liegen. Die Österreicher haben gekämpft wie die Löwen. Nur standen ihnen keine Löwen gegenüber, sondern Chirurgen.
Und damit ist es an der Zeit, die Rechnung neu aufzumachen. Vor zwei Tagen hieß es an dieser Stelle noch, den Franzosen sei eigentlich nur Argentinien gewachsen. Das war ein Kandidat zu wenig. Spätestens nach diesem Abend gehört Spanien in dieselbe Liga – neben die französische Kunst und die argentinische Kontrolle nun die spanische Klinge, weniger glamourös als beide, aber genauso tödlich. Aus dem Duell zweier Titelfavoriten ist ein Trio geworden.
Das eigentlich Beunruhigende für den Rest der Welt aber ist ein Detail, das man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Während Deutschland, die Niederlande und Belgien in diesem Turnier ihre alternden Generationen ein letztes Mal aufbäumen ließen, stellt Spanien die jüngste Spitzenmannschaft der WM-Geschichte: ein Durchschnittsalter von unter 26 Jahren, angeführt von einem Lamine Yamal, der während dieses Turniers gerade einmal 19 wird. Die anderen Großen spielen gegen die Zeit. Spanien spielt mit ihr. Wer diese Mannschaft heute schlagen will, muss wissen, dass er sie in vier Jahren vermutlich noch einmal schlagen muss.
In all dem Glanz soll aber die zweite Nachricht des Tages nicht untergehen, und sie kam aus dem Gastgeberlager. Die USA schlugen Bosnien-Herzegowina mit 2:0 und stehen damit im Achtelfinale – bemerkenswerterweise, obwohl Torschütze Folarin Balogun kurz nach seinem Treffer mit Rot vom Platz flog und die Amerikaner rund eine halbe Stunde in Unterzahl bestreiten mussten. Malik Tillman machte per Freistoß alles klar. Damit sind alle drei Gastgeber weiter, und das Land, das dem Fußball vor drei Wochen noch skeptisch gegenüberstand, feiert weiter, als hätte es nie etwas anderes getan.
Zum Schluss noch das
Zur spanischen Jugendrevolution gehört eine Kaderzusammensetzung, die in Madrid für Stirnrunzeln sorgen dürfte. Gleich acht Spieler dieses Aufgebots stehen bei Barcelona unter Vertrag – und kein einziger bei Real Madrid, dem sonst so allgegenwärtigen Rekordmeister. Der amtierende Europameister spielt also, überspitzt gesagt, in weiten Teilen wie eine katalanische Werkself in anderen Trikots. Für ein Land, dessen Fußballseele sich seit jeher zwischen Madrid und Barcelona zerreißt, ist das eine kleine Sensation für sich. Man stelle sich vor, diese Mannschaft würde am Ende auch noch den Titel holen – die Diskussionen darüber, wem der eigentlich gehört, dürften in Spanien länger dauern als das Turnier selbst.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
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