Man sollte das, was Frankreich gestern Abend gegen Schweden gespielt hat, eigentlich nicht in der nüchternen Sprache des Sports beschreiben. 3:0 steht im Protokoll, Kylian Mbappé traf zweimal, Bradley Barcola einmal – aber die nackten Zahlen verfehlen das Wesentliche um Längen. Was die Franzosen vor allem in der ersten Halbzeit auf den Rasen zauberten, war kein Fußballspiel mehr im üblichen Sinne, sondern beinahe eine Kunstinstallation: bewegte Geometrie, Tempo als Stilmittel, Ballbesitz, der nicht verwaltete, sondern komponierte.
Es ist schwer, das in Worte zu fassen, ohne ins Schwärmen zu geraten – also lassen wir das Schwärmen ruhig zu. Da war diese ständige Spielverlagerung in der Spitze. Da war der Druck nach Ballverlust, der jeden schwedischen Befreiungsschlag schon im Keim erstickte. Da war die Kontrolle der Enge in der Box. da waren die Einzelkünstler, die in jedem Moment der Raumnot plötzlich eine unvorhersehbare Lösung fanden. Und da war der Zauber des Abschlusses, über den allein sich eine Hymne schreiben ließe.
An Mbappé gibt es durchaus Berechtigtes zu kritisieren. In Madrid hält man ihm fehlende Laufbereitschaft nach hinten vor – ein Vorwurf, den er selbst einräumte. Und dann sind da die Ego-Gesten, die ihm das Etikett des kleinen Diktators eingebracht haben: wie er Dani Carvajal die Kapitänsbinde abnahm oder wie er sich beim spanischen Supercup weigerte, ein Spalier zu bilden. Alles Geschenkt. Wer an einem solchen Abend nicht anerkennt, wie uns dieser Spieler und diese Mannschaft verzaubert haben, der mag vieles mögen, aber Fußball gehört nicht dazu. Für jeden, der dieses Spiel auch nur im Ansatz liebt, war das ein Meisterwerk.
Womit wir bei der einzigen Frage wären, die bleibt: Wer soll diese Franzosen eigentlich stoppen? Schaut man durch das Feld der Verbliebenen, fällt einem ehrlicherweise nur ein Name ein – Argentinien. Nicht, weil die Albiceleste den Franzosen ihre Pracht streitig machen könnte, sondern weil sie eine ganz andere, ebenbürtige Schönheit besitzt: die der vollkommenen Kontrolle. Frankreich verzaubert mit dem Risiko, Argentinien mit der Ruhe – und natürlich: mit Messi. Ein Finale dieser beiden wäre weniger ein Spiel als ein Streitgespräch darüber, was Fußball eigentlich sein soll. Man wagt es kaum zu hoffen.
So glanzvoll der französische Abend, so bitter verlief er für einen anderen einstigen Großen. Die Niederlande sind raus, gescheitert an Marokko im Elfmeterschießen, nachdem Cody Gakpo sie spät in Führung gebracht hatte und Issa Diop tief in der Nachspielzeit ausglich. Und ja, das erinnert an etwas. Erst Deutschland, nun Oranje – zwei Nationen, die vor fünfzehn Jahren noch jeden schlagen konnten und sich heute an einem disziplinierten Außenseiter die Zähne ausbeißen. Auch die Niederlande haben diese Generation nicht mehr, die einst die ganze Welt das Fürchten lehrte. Es ist dieselbe unbequeme Wahrheit, die ich gestern über den deutschen Fußball geschrieben habe, nur in Orange: Ein großer Name allein gewinnt keine Spiele mehr, und nichts ist erbarmungsloser als ein K.-o.-Turnier, das genau das offenlegt.
Den dritten Akt des Tages schrieb Norwegen, das die Elfenbeinküste mit 2:1 niederrang. Antonio Nusa traf sehenswert, die Ivorer glichen nach einer starken zweiten Hälfte durch Amad Diallo aus – ehe Erling Haaland in der 86. Minute das tat, was Erling Haaland eben tut: das Spiel mit einem einzigen Moment entscheiden. Die Wikinger marschieren weiter, und man sollte sie nicht aus den Augen verlieren.
Zum Schluss noch das
Wer sich fragt, woher diese französische Eleganz eigentlich kommt, sollte wissen: Sie fällt nicht vom Himmel, sie wird hergestellt. Rund vierzig Kilometer südwestlich von Paris liegt Clairefontaine, die legendäre Nachwuchsakademie des französischen Fußballs – ein Ort, an dem aus begabten Kindern jene Ballkünstler werden, die später halbe Weltauswahlen schwindelig spielen. Es ist die schönste Ironie dieses Loblieds: Der vielleicht poetischste Fußball des Planeten entstammt einer der systematischsten Talentfabriken, die der Sport je gesehen hat. Die Franzosen haben, mit anderen Worten, die Kunst industrialisiert. Und gestern Abend in New Jersey hat man wieder einmal gesehen, dass die Fabrik noch immer auf Hochtouren läuft.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 01 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Eine Kunstinstallation in Blau.
