WM KolumneBallflachstreicher | 28 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Eine halbe Million gegen Messi.

Kap Verde, ein Inselstaat mit knapp einer halben Million Einwohnern, steht im Sechzehntelfinale einer Weltmeisterschaft. Diesen Satz sollte man in Ruhe zweimal lesen, denn er beschreibt das größte Märchen dieses Turniers. Mit einem 0:0 gegen Saudi-Arabien holten die „Blauen Haie” ihr drittes Unentschieden im dritten Spiel, wurden Gruppenzweiter hinter Spanien und sind nun der erste WM-Neuling seit 2006, der die K.-o.-Runde erreicht – und die kleinste Nation, der das je gelungen ist.

Man muss sich die Dimension dieser Geschichte vergegenwärtigen. Diese Mannschaft besteht aus Profis, die in den unteren Ligen Europas ihr Geld verdienen, einer ihrer Abwehrchefs wurde einst per LinkedIn-Nachricht angeworben, und mehr Spieler des Kaders kamen in Rotterdam zur Welt als in der Hauptstadt Praia. Gegen Spanien, Uruguay und Saudi-Arabien blieb dieses zusammengewürfelte Ensemble dreimal ungeschlagen. Es verteidigte sich nicht durch, es trotzte sich durch – mit einer Disziplin, vor der sich so mancher Favorit verneigen darf.

Und das Schönste ist die Pointe, die der Spielplan dazu liefert: Im Sechzehntelfinale wartet am Samstag ausgerechnet Argentinien um Lionel Messi. Der amtierende Weltmeister gegen den Insel-Debütanten, der Größte aller Zeiten gegen eine Elf, die vor drei Wochen noch niemand auf der Kickerlandkarte gesucht hätte. Es ist die Sorte Begegnung, für die man dieses ganze, oft so durchkommerzialisierte Turnier am Ende doch liebt. Verlieren darf Kap Verde dabei nichts mehr – gewonnen hat dieses Land längst.

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Eine hübsche Ironie liegt obendrein in der Sache. Ausgerechnet Spanien, dem die Kapverdier zum Auftakt ein blamables 0:0 abgetrotzt hatten, verhalf ihnen nun zum Weiterkommen: Mit dem 1:0 gegen Uruguay sicherten die Iberer nicht nur den Gruppensieg, sondern rechneten den Inselstaat gleich mit ins Sechzehntelfinale. Manchmal revanchiert sich der Fußball auf verschlungenen Wegen.

Neben dem kapverdischen Wunder wirkte der Rest des Tages fast wie Beiwerk. England fand nach dem zähen 0:0 gegen Ghana zurück in die Spur, schlug Panama mit 2:0 durch Tore von Jude Bellingham und Harry Kane und wurde Gruppensieger. Kroatien rang Ghana mit 2:1 nieder, wobei beide weiterkamen, und Belgien, das sich zuvor mit zwei zähen Remis durch die Vorrunde gequält hatte, ließ beim 5:1 gegen Neuseeland endlich die angestaute Frustration heraus. Ägypten und Iran trennten sich 1:1. Alles solide, alles erwartbar – und alles vergessen, sobald man wieder an die halbe Million denkt, die gerade gemeinsam den Verstand verliert.

Denn das ist es, was dieses Turnier ausmacht: Nicht die Großen, die ihre Pflicht erfüllen, schreiben die Geschichten, an die man sich erinnert, sondern die Kleinen, die plötzlich über sich hinauswachsen. Kap Verde wird gegen Messi vermutlich verlieren, und das ist vollkommen in Ordnung. Aber für 90 Minuten am Samstag wird ein winziger Archipel im Atlantik die ganze Fußballwelt auf seiner Seite haben. Das kann man mit keinem dynamischen Preismodell der Welt kaufen.

Zum Schluss noch das

Um zu begreifen, welche Welten am Samstag aufeinandertreffen, hilft ein einziger Vergleich. Als Argentinien 2022 den WM-Titel gewann, strömten Schätzungen zufolge vier bis fünf Millionen Menschen auf die Straßen von Buenos Aires, um zu feiern. Das sind annähernd zehnmal so viele Menschen, wie der gesamte Inselstaat Kap Verde Einwohner hat. Am Samstag schickt dieses kleine Land elf von ihnen aufs Feld – gegen den Mann, dem damals die Millionen zujubelten. Sportlich spricht alles für Argentinien. Aber wer sich von diesem Fußball noch verzaubern lassen will, weiß genau, wem an diesem Abend das Herz gehört.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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