WM KolumneBallflachstreicher | 16 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | LinkedIn mata a (killt) España

Der gestrige WM-Tag hatte von allem etwas: ein Schützenfest, einen Trainer, der seinen Posten schneller verlor als manche Elf ihren Glauben, und ein spätes Tor, das gleich zwei deutsche Gruppengegner anging. Die Sensationsstory aber schrieb ausgerechnet das erste Spiel dieser WM, in dem kein einziger Ball im Netz landete.

Die Rede ist von Spaniens 0:0 gegen den WM-Debütanten Kap Verde – und vorweg, weil das bei einem torlosen Remis gern untergeht: Das war ein großartiges Fußballspiel. Kein torloses Nichts, sondern ein über neunzig Minuten gespannter Bogen, an dem man mitfieberte, weil eine Mannschaft etwas tat, das man ihr vorher kaum zugetraut hätte – verteidigen auf Weltklasseniveau. Kap Verde stand in einer Fünfer-, phasenweise Sechserkette so diszipliniert, so eng gestaffelt und dabei technisch so sauber, dass mancher arrivierte Weltmeister sich davon eine Scheibe abschneiden dürfte. Da wurde nicht wild gegrätscht und gebetet, da wurde der Raum verteidigt: Lücken zugeschoben, ehe sie entstanden, Pässe abgelaufen, ehe sie ankamen, Ball und Gegner immer wieder aus der gefährlichen Zone gedrängt.

Das Bemerkenswerte daran ist, wer das vollbracht hat. Diese Abwehr besteht nicht aus Stars der Champions League, sondern aus Profis, die bestenfalls in den unteren Ligen Europas ihr Geld verdienen – und die gegen einen amtierenden Europameister neunzig Minuten lang keinen Meter zu viel hergaben. Spanien hatte den Ball, das Feld und die Statistik; Kap Verde hatte den Plan und die Disziplin, ihn umzusetzen. Wer Fußball mag, kam in Atlanta auf seine Kosten – nur eben nicht, weil viele Tore fielen, sondern weil man dem seltenen Schauspiel beiwohnte, wie eine kleine Mannschaft eine große mit reiner Ordnung zur Verzweiflung bringt.

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So sehr Kap Verde Beifall verdient, so wenig kann sich Spanien aus der Verantwortung stehlen. 801 Pässe spielte die Furia Roja, mit der Geduld eines Beamten von links nach rechts und zurück – und schuf daraus kaum etwas Zwingendes. Bundestrainer Luis de la Fuente probierte herum, stellte Gavi überraschend als Linksaußen auf und fand doch keine Lösung. Was an Gelegenheiten entstand, scheiterte am kapverdischen Block oder an Torhüter Vozinha: Ferran traf die Latte, ein Treffer zählte wegen Abseits nicht, und als Oyarzabal in der 88. Minute frei auftauchte, war der Schlussmann erneut da. Selbst Lamine Yamal, nach gut siebzig Minuten eingewechselt, fand kein Schlüsselloch. Vier Jahre nach dem 7:0 zum WM-Auftakt gegen Costa Rica blieb dem Mitfavoriten gegen einen Debütanten ein blankes 0:0.

Entsprechend fällt der Blick in die spanische Presse aus, wo man ein Auftakt-Remis zu behandeln pflegt wie einen mittleren Staatsskandal. Von einem „sonrojo” ist die Rede, einem Erröten vor Scham, von einem „fiasco” und von „decepción total”. Ein „partido sin ideas” sei das gewesen, ein Spiel ohne einen einzigen Gedanken; an Spanien habe es an „ritmo, precisión y continuidad” gefehlt – Rhythmus, Präzision, Beständigkeit, auf Deutsch also an fast allem. Man muss die spanische Lust am Drama kennen, um den Ton einzuordnen. Aber der wahre Kern bleibt: Wer Titel gewinnen will, sollte einen gut organisierten Gegner knacken können.

Bei aller spanischen Tristesse gehörte dieser Abend ohnehin den anderen. Kap Verde, ein Inselstaat mit nicht einmal einer halben Million Einwohnern, stand zum ersten Mal überhaupt bei einer Weltmeisterschaft auf dem Platz. Wer die Spieler sah, wie sie sich nach jedem abgewehrten Ball weiter pushten, und die Freude der Menschen dahinter – auf den Rängen wie daheim auf den Inseln –, der spürte, was dieser eine Punkt für ein so kleines Land bedeutet.

So sehr Atlanta die Schlagzeilen beherrschte, der Spieltag hatte mehr zu bieten als Spaniens “primer gran drama”. Schweden zum Beispiel meinte es ernst. Mit einem Sturm, dessen Marktwert manche komplette Liga sprengt – Alexander Isak und Viktor Gyökeres voran –, fegte die Mannschaft von Trainer Graham Potter im mexikanischen Monterrey mit 5:1 über Tunesien hinweg. Yasin Ayari rahmte den Abend mit zwei Toren ein, dazwischen trafen Isak, Gyökeres und Svanberg; Tunesiens kurzes Aufbäumen durch Omar Rekik blieb eine Fußnote.

Die eigentliche Geschichte aber schrieb der Verlierer erst nach dem Schlusspfiff. Tunesien entließ Trainer Sabri Lamouchi – mitten im Turnier, nach genau einem Spiel. Der Franzose war erst seit Januar im Amt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Da reist ein Verband um den halben Globus zu einer Weltmeisterschaft, für die man sich jahrelang gequält hat, verliert das erste Gruppenspiel – und feuert den Trainer, ehe das zweite überhaupt angepfiffen ist. Als ließe sich ein 1:5 rückwirkend tilgen, wenn man nur schnell genug einen Schuldigen austauscht. Übernehmen soll nun interimsweise Mondher Kebaier, der damit das zweifelhafte Privileg genießt, eine WM zu Ende zu coachen, die sein Vorgänger laut Verband schon nach neunzig Minuten verspielt hatte. Eine empathische Meisterleistung der tunesischen Fußballnoblesse!

Ungleich enger, und für deutsche Augen interessanter, ging es in Philadelphia zu, wo mit der Elfenbeinküste und Ecuador zwei künftige deutsche Gruppengegner aufeinandertrafen. Ecuador war über weite Strecken das bessere Team, scheiterte gleich dreimal am Aluminium und ging am Ende leer aus: In der 90. Minute drückte der eingewechselte Amad Diallo den Ball über die Linie und schoss die Elfenbeinküste zum 1:0. Für Deutschland steckt darin eine doppelte Lehre – der nächste Gegner gewinnt auch dann, wenn er nicht überzeugt, und der übernächste ist gut genug, um jedem wehzutun.

Ach ja, und dann war da noch Belgiens Tor-Großmacht Lukaku, der Sekunden nach seiner Einwechslung die Ägypter irgendwie dazu brachte, den Ball zum 1:1-Ausgleich für Belgien ins eigene Netz zu befördern – noch ehe er ihn selbst ein einziges Mal ernsthaft berührt hatte. Genau dieser Treffer löste den belgischen Kampf um den Sieg erst aus und mit ihm ein Spiel, das so richtig Lust auf den Rest dieser WM macht. In der ersten Halbzeit hatte sich Belgien von einem mutigen, defensiv blendend organisierten Ägypten beherrschen lassen und kein Mittel gegen dessen Abwehr gefunden; Emam Ashour bestrafte das mit einem sehenswerten Führungstreffer. Nach Lukakus Einwechslung aber kippte der Abend: Die Belgier spielten phasenweise herrlichen, technisch erstklassigen Fußball und waren dem 2:1 näher als die Ägypter – ehe diese sich zurückkämpften und aus der Partie ein offener Schlagabtausch wurde, wie man ihn bei diesem Turnier bislang vermisst hatte. Am Ende stand ein in der Hitzeschlacht für beide Mannschaften verdientes 1:1.

Zum Schluss noch das

Wie kommt eigentlich der Inselstaat Kap Verde mitten im Atlantik zu einer Abwehr, an der sich ein Europameister die Zähne ausbeißt? Unter anderem über LinkedIn: Abwehrchef Roberto „Pico” Lopes, geboren in Dublin als Sohn einer Irin, wurde einst über das Karrierenetzwerk angeschrieben, ob er nicht für Kap Verde spielen wolle – eine Nachricht, die er erst einmal ignorierte, ehe er doch zusagte. Überhaupt lebt dieses Team von seiner weltweiten Diaspora: Mehr Spieler des Kaders kamen in Rotterdam zur Welt als in der Hauptstadt Praia. Ein paar Niederländer, ein angeworbener Ire, ein ganzes Land im Rücken – und am Ende ein Punkt gegen Spanien, der seinen Anfang in einer übersehenen LinkedIn-Nachricht nahm. Man stelle sich das Empfehlungsschreiben vor.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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