Man hatte diese belgische Mannschaft eigentlich schon beerdigt, und zwar mehrfach. Gestern Abend in Seattle stand sie wieder einmal am eigenen Grab: zwei Tore im Rückstand gegen ein starkes Senegal, die Verlängerung in Sichtweite, das Ausscheiden zum Greifen nah. Und dann tat Belgien das, was Deutschen und Holländern nicht gelang: einfach nicht gehen. Romelu Lukaku und Youri Tielemans glichen in der 86. und 89. Minute zum 2:2 aus, und tief in der Verlängerung, in der 120.+5, verwandelte Tielemans einen wild umstrittenen Elfmeter zum 3:2. Belgien lebt. Schon wieder.
Es lohnt sich, kurz zu würdigen, was für ein merkwürdiges Turnier dieses Team hinter sich hat. Durch die Vorrunde quälte es sich mit zwei zähen Unentschieden, ehe ein befreiendes 5:1 gegen Neuseeland alles gerade noch richtete. Nun also die nächste Auferstehung, diesmal in letzter Sekunde und mit reichlich Glück vom Elfmeterpunkt. Schön war das selten, überzeugend noch seltener – aber es reicht, und das ist ja bekanntlich im K.-o.-Modus die einzige Währung, die zählt.
Ganz anders, nämlich beeindruckend souverän, präsentierte sich der andere Sieger des Tages. Mexiko fertigte Ecuador im ausverkauften Aztekenstadion mit 2:0 ab und zeigte dabei über weite Strecken einen Fußball, der die 87.000 im Rund zum Beben brachte. Für den Co-Gastgeber, der sein Turnier einst mit dem trostlosesten Eröffnungsspiel der jüngeren WM-Geschichte begonnen hatte, ist das eine bemerkenswerte Steigerung. Wer im eigenen Land Weltmeister werden will – und die Mexikaner träumen davon lauter, als es die Buchmacher erlauben –, muss genau so auftreten: mit Wucht, mit Tempo und mit einem Publikum, das jeden Ballkontakt wie ein Tor feiert.
So sortiert sich das Achtelfinale, und es fällt auf, wie sehr diese K.-o.-Runde bisher von Nervenkrieg lebt. Elfmeterschießen, Tore in der Nachspielzeit, Entscheidungen erst in der Verlängerung – kaum ein Spiel, das nicht bis zur letzten Minute offen war. Das ist die Schönheit des Systems ohne zweite Chance: Es presst aus jeder Partie das letzte Quäntchen Spannung heraus und verzeiht scheinbar ja doch Fehler. Belgien hat gestern gleich mehrere gemacht und ist trotzdem noch dabei.
Zum Schluss noch das
Zur belgischen Sturheit gehört eine Zahl, die alles über diese Generation erzählt. Über Jahre hinweg thronte Belgien auf Platz eins der FIFA-Weltrangliste – von 2018 bis 2022 ununterbrochen, ein Rekord, den nur wenige Nationen je erreicht haben. In all dieser Zeit als offiziell „beste Mannschaft der Welt” gewann Belgien: nichts. Kein Titel, keine Trophäe, nicht einmal ein Finale. Es ist der wohl teuerste Beweis der Fußballgeschichte dafür, dass Weltrangspitze und ein Pokal zwei sehr verschiedene Dinge sind.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 02 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | System Sturheit.
