Julian Nagelsmann ist keiner, der wegläuft. Das hat er selbst gesagt, unmittelbar nach dem Aus gegen Paraguay, mit dem Trotz eines Mannes, der noch nicht ahnte, dass zwischen „Ich bin keiner, der wegläuft” und „Ich trete zurück” beim DFB manchmal nur ein einziges Gespräch liegt. Dreieinhalb Stunden, um genau zu sein.
Man muss die Choreografie dieses Rücktritts bewundern, denn sie ist ein kleines Meisterwerk deutscher Diplomatie. Nagelsmann läuft nicht weg – das würde ja nach Flucht aussehen. Nagelsmann tritt zurück. „Auf Anraten der Verbandsspitze”, wie es in der herrlich vernebelten Sprache solcher Anlässe heißt. Übersetzt bedeutet das: Man hat ihn dreieinhalb Stunden lang in einen Raum mit Bernd Neuendorf und Rudi Völler gesetzt, bis ihm die Idee, freiwillig zu gehen, plötzlich wie seine eigene vorkam. Es ist die feinere Variante der Entlassung: Statt dass dir jemand das Schwert in die Brust rammt, bittet man dich so lange höflich, bis du selbst hineinspringst – und danach klatschen alle für deine Haltung.
Das Schöne an dieser Nummer ist ihre vollendete Gesichtswahrung. Nagelsmann wurde nicht gefeuert, um Himmels willen, er ist zurückgetreten. Der DFB musste niemanden entlassen, er hat lediglich einen Rücktritt „entgegengenommen”. Beide Seiten haben Wort gehalten: Er ist nicht weggelaufen, man hat ihn ein bisschen tragen müssen.
Nun sucht der deutsche Fußball also wieder einen Retter, und weil er das immer tut, wenn es ganz dunkel wird, fällt der Name, der in diesem Land seit über einem Jahrzehnt bei jedem Tiefpunkt fällt: Jürgen Klopp soll übernehmen. Dazu später mehr.
Während in Frankfurt also die Rücktritts-Regie ihre Arbeit tat, lief das Turnier munter weiter, und es lief, wie es zuletzt fast immer läuft: bis zur letzten Nachspielsekunde. Portugal quälte sich mit 2:1 an Kroatien vorbei, wobei Cristiano Ronaldo per Elfmeter ausglich und Gonçalo Ramos in der 90.+4 den Siegtreffer nachlegte – im Achtelfinale wartet nun ausgerechnet Spanien. Die Schweiz schlug Algerien souverän mit 2:0 und marschiert weiter, unaufgeregt wie immer.
Und dann war da noch das letzte Spiel des Tages, das erneut vom Punkt entschieden wurde. Ägypten rang Australien im Elfmeterschießen mit 4:2 nieder, nachdem es nach Verlängerung 1:1 gestanden hatte. Emam Ashour hatte die Ägypter früh in Führung gebracht, ein Eigentor brachte Australien zurück – ehe im Elfmeterschießen ausgerechnet die beiden australischen Innenverteidiger vergaben, darunter der erst 18-jährige Lucas Herrington, dessen Versuch an die Latte klatschte. Für Ägypten und seinen Superstar Mohamed Salah geht das Sommermärchen weiter; für Australien endet es an jener Stelle, an der in diesem Turnier schon so viele Träume endeten – auf den letzten elf Metern.
Zum Schluss noch das
Bleibt die schönste Ironie an der ganzen Geschichte, und sie heißt Jürgen Klopp. Jahrelang war er der Mann, den halb Deutschland sich als Bundestrainer wünschte, und jahrelang winkte er ab, sprach von Pausen, von Energie, die man erst wieder aufladen müsse. Nun, da er offenbar doch übernehmen will, erbt er nicht etwa eine goldene Generation, sondern eine Baustelle – ein Team, das gerade an einem tief stehenden Paraguay zerschellt ist. Man hat lange auf Klopp gewartet. Es ist beinahe grausam, dass er ausgerechnet jetzt kommt, wo es fast nichts mehr zu gewinnen, aber alles zu verlieren gibt. Willkommen zurück, Kloppo. Bring bitte gute Laune mit – gebraucht wird sie hier dringender als jedes Sommermärchen.
Ach ja, wollen wir noch über Trainergehälter sprechen? Nein, wollen wir nicht…
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 04 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Von einem, der nicht wegläuft…
