Fast allein bei Madame Tussauds – was für ein Glück, dachte ich. Bis ich mich zum ersten Mal umdrehte und Brad Pitt regungslos hinter mir stand. Normalerweise wäre das eine erfreuliche Wendung. In einem stillen, halbdunklen Raum ist es zunächst einmal fast ein medizinischer Zwischenfall. Überhaupt ist eine nahezu leere Wachsfigurenausstellung nichts für schreckhafte Menschen. Kaum biegt man um eine Ecke, steht da jemand. Man geht zwei Schritte zurück, da sitzt jemand. Man dreht sich um – schon wieder einer.
Eigentlich war das angenehm. Kein Gedränge, keine Warteschlangen und niemand, der mir mit dem Handy vor der Nase herumfuchtelte. Ich hatte die gesamte Prominenz praktisch für mich. Man weiß natürlich, dass diese Leute aus Wachs sind. Das Gehirn weiß das. Der Körper reagiert trotzdem, als hätte sich Christiano Ronaldo persönlich hinter einer Gardine versteckt, um einen anzuspringen. Dabei sprang Ronaldo nicht. Er stand lediglich da und hatte mehr Körperspannung als ich in meinem gesamten bisherigen Leben. Wir sind uns trotzdem ähnlich: Wir bestehen beide überwiegend aus Wasser. Damit enden die Gemeinsamkeiten. Er hatte seine Bauchmuskeln, ich hatte vorher etwas gegessen. Jeder bringt eben seine eigenen Stärken mit.
Nach den ersten Momenten der Schnappatmung, die der Horst Schlämmer Figur als perfekte Synchronisation gedient hätten, erkannte ich langsam die Möglichkeiten. Eine fast leere Wachsfigurenausstellung ist schließlich nicht nur ein Museum. Sie ist ein gesellschaftlicher Freifahrtschein.
Wann kann man bestimmten Menschen sonst so ungeniert nahekommen? Man kann ihnen tief in die Augen schauen. Sehr tief. Unangenehm tief. So lange, bis es selbst einem selbst peinlich wird. Man könnte ihnen in der Nase bohren. Sie anschubsen. Ihnen auf den Kopf spucken. Macht man natürlich nicht. Schließlich ist man erwachsen, gut erzogen und überall hängen Kameras.
Bei Donald Trump darf man sprechen, ohne dass er dazwischenredet. Man kann ihm die eigene Meinung sagen, ohne dass er am nächsten Morgen behauptet, das Gespräch habe nie stattgefunden. Überhaupt standen zahlreiche Politiker einfach rum und sagten nichts. Schon dafür hat sich der Eintritt gelohnt.
Sigmund Freud sah mich an und wusste vermutlich sofort alles. Meine Ängste. Meine Schwächen. Meine Kindheit. Weshalb ich nachts noch einmal kontrolliere, ob die Haustür wirklich abgeschlossen ist. Gesagt hat er nichts. Ich ging weiter. Manche Gespräche muss man gar nicht erst anfangen.
Neben Albert Einstein schaut man bedeutungsvoll in die Ferne und schreibt darunter: „Nach unserem Gespräch sehe ich die Relativitätstheorie tatsächlich etwas differenzierter.“ Niemand muss erfahren, dass Einstein während des gesamten Gesprächs geschwiegen hat. Vermutlich war er überwältigt von meinen Gedanken.
Heidi Klum stand natürlich makellos herum. Nicht einmal aus Wachs gönnt diese Frau einem einen schlechten Tag. Kein müdes Auge, kein schiefes Haar, kein kleiner Hinweis darauf, dass auch sie morgens erst einmal einen Kaffee und zehn Minuten Ruhe braucht. Daneben nimmt man automatisch Haltung an, und versucht seinen Hals auf eine Länge zu bringen, die anatomisch gar nicht vorgesehen ist. Heidi sah trotzdem besser aus. Das fand ich persönlich ein wenig angeberisch.
Dann traf ich Guido Maria Kretschmer. Sofort zog ich den Bauch ein, richtete meine Kleidung und hörte in Gedanken bereits sein Urteil: „Das Outfit möchte viel erzählen. Es weiß nur noch nicht genau, was.“ Ich wartete auf Punkte. Guido blieb gnädig still. Vermutlich wollte er unsere frische Bekanntschaft nicht gleich mit Ehrlichkeit belasten.

Helmut Kohl stand ebenfalls da. Vor allem stand dort sehr viel Helmut Kohl. Die Begegnung bekam plötzlich etwas Staatsmännisches. Ich gesellte mich daneben und blickte entschlossen in die Zukunft. Für einen kurzen Moment sah es aus, als wollten wir gleich eine gemeinsame Pressekonferenz geben. Das Thema wäre vermutlich gewesen: „Geistige Wende durch konsequentes Herumstehen.“ Fragen waren nicht zugelassen.
Bill und Tom Kaulitz wirkten, als kämen sie gerade von einer Veranstaltung, zu der ich nicht eingeladen war. Sehr cool, sehr lässig und ungefähr so gesprächig wie der Rest. Ich grüßte trotzdem. Nichts. Bill hatte sich kürzlich noch Sorgen gemacht, dass ihn hier jeder überall anfassen und sogar küssen könne. Die Gelegenheit war günstig, die Zeugenlage dünn. Ich hielt Abstand. Irgendjemand musste seine Befürchtungen schließlich widerlegen.

Bei Roland Kaiser wartete ich kurz darauf, dass er „Santa Maria“ anstimmt. Nichts geschah. Also sah ich ihm tief in die Augen und versuchte herauszufinden, ob er nicht vielleicht doch “ja” sagen möchte. Auch dazu kein Kommentar. Ein wenig mehr Emotion hätte ich schon erwartet. Andererseits war es wohltuend, ihm einmal zu begegnen, ohne dass sofort jemand im Publikum „Joana!“ rief. Nur bei Charlie Chaplin störte die Sprachlosigkeit nicht. Im Gegenteil: Endlich einer, bei dem Schweigen zum Berufsbild gehört.
Marlene Dietrich wiederum schaffte es, mich wortlos von oben bis unten zu mustern. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Ich war es plötzlich auch nicht mehr. Es gibt Menschen, die beherrschen einen Raum, ohne etwas zu sagen. Die Dietrich beherrschte sogar die komplette Etage, ohne überhaupt lebendig zu sein.
Nach einer Weile verlor sich die Angst. Ich kannte die Gesichter, rechnete hinter jeder Ecke mit jemandem und begann, mich in der Gesellschaft erstaunlich wohlzufühlen. Keine Fragen. Kein Smalltalk. Keine peinlichen Gesprächspausen, weil sowieso niemand sprach. Am Ende verließ ich Madame Tussauds erleichtert. Ich hatte Einstein zum Schweigen gebracht, Trump widerspruchslos widersprochen, Freud nichts bezahlt und Brad Pitt die kalte Schulter gezeigt.
Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
Fast allein bei Madame Tussauds: Die schweigende Weltprominenz und ich – ein Kommentar

