Nachrichten VogtlandArschleder und Schürze: Wie das Buch „Wismut & Frauen“ Bergarbeiterinnen sichtbar macht

Bergmann und Engel gehören zur Adventszeit zusammen. Er trägt das Arschleder, sie die Schürze: Als leuchtendes Figurenpaar stehen sie in vielen Stuben, besonders in den alten Bergbauregionen. Die Rollen scheinen klar verteilt. Doch zu dieser vertrauten Ordnung passt eine Geschichte nicht, die Gabriele Meißner mit ihrem Buch „Wismut & Frauen“ sichtbar macht: Auch Frauen fuhren in die Schächte ein. Und manche sagten mit Stolz von sich: „Ich bin Bergmann!“

Frauen im Bergbau: Nach der Schicht wartete die nächste

Das Berggeschrey ist vielerorts verstummt, die Tradition lebt weiter. In der Erinnerung an die Arbeit unter Tage haben Frauen allerdings bis heute einen schweren Stand. Dabei trugen auch sie Arschleder, arbeiteten in Gruben und Schächten – und streiften anschließend zu Hause die Schürze über. Auf die Schicht im Bergbau folgte die Arbeit am heimischen Herd.

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Gabriele Meißner folgt diesen Lebenswegen seit Jahrzehnten. In „Wismut & Frauen“ erzählen Zeitzeuginnen von einer Arbeitswelt, die im öffentlichen Gedächtnis vor allem männliche Gesichter hat. Ihre Erinnerungen ergänzen die Bergbaugeschichte um Erfahrungen, die lange übersehen, verdrängt oder mit Vorurteilen belegt wurden.

Zwischen Anerkennung und übler Nachrede

„Erzengel“, „Uranhexen“, „Schachthuren“: Schon die Bezeichnungen erzählen davon, wie Frauen im Umfeld der Wismut betrachtet wurden. Hinter den Sperrzäunen des Uranbergbaus arbeiteten Kolleginnen; außerhalb kursierten Gerüchte und moralische Urteile. In manchen Familien wurden die Söhne davor gewarnt, eine „Schachtern“ mit nach Hause zu bringen. Auch sowjetische Frauen, die zur Erkundung der Uranvorkommen gekommen waren, begegneten solchen Ressentiments. Die abwertenden Etiketten verdeckten, was diese Frauen tatsächlich leisteten. Sie waren Arbeitskräfte, eigneten sich Fachwissen an und behaupteten sich in Berufen, die als Männerdomäne galten.

„Glückauf, Kollegin!“ – auch in den Steinkohlenrevieren

Der Blick reicht über die Wismut hinaus. Auch in den Steinkohlenrevieren von Zwickau, Oelsnitz und Freital wurden Frauen gebraucht. Männer wechselten zur Wismut, Frauen rückten nach, zunächst häufig ohne entsprechende Ausbildung. Sie lernten, qualifizierten sich und fanden ihren Platz im Bergbau.

Als Frauen die Arbeit unter Tage wieder aufgeben sollten, nahmen längst nicht alle das widerspruchslos hin. Die von Meißner verfolgten Lebensgeschichten erzählen auch von Selbstbewusstsein und Widerstand. Frauen arbeiteten unter und über Tage, etwa als Lokfahrerinnen, Fördermaschinistinnen, Geologinnen oder Markscheiderinnen. Zu Hause blieb die traditionelle Arbeitsteilung unterdessen bestehen.

„Wismut & Frauen“ bewahrt Erinnerungen

Einige der Zeitzeuginnen sind auch im Dokumentarfilm „Das Glück da unten“ von Dagmar Borchert und Matthias Ditscherlein aus dem Jahr 2012 zu erleben. Buch und Film bewahren Stimmen, deren Erfahrungen mit dem Tod ihrer Generation unwiederbringlich verloren gehen.

Darin liegt die Bedeutung dieser Erinnerungsarbeit: Sie fragt danach, wer zur Geschichte des Bergbaus gehört – und wer in ihren vertrauten Bildern fehlt. Vielleicht lohnt sich deshalb beim nächsten Blick auf Bergmann und Engel eine kleine Korrektur der Vorstellung. Die Frau musste keineswegs immer die mit der Schürze sein.

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Gabriele Meißner: „Wismut & Frauen“, 23 Euro zuzüglich Porto.
Dagmar Borchert / Matthias Ditscherlein: „Das Glück da unten“, Dokumentarfilm, 2012; DVD, 10 Euro zuzüglich Porto.
Bestellungen per E-Mail: dresden-ad-libitum@gmx.de

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Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.

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