Wie klingt ein Gabalier, wenn man ihm das Stadion wegnimmt? Alle Details in der Albumrezension!
Titelfoto: S. Rössel
Andreas Gabalier kann Stadion. Er kann große Gesten, stampfende Rhythmen und Refrains, bei denen Tausende schon nach wenigen Takten wissen, was zu tun ist. Auf seinem neuen Album „Handwerk – 10 Jahre Unplugged“ dreht der österreichische Musiker diesen Regler jedoch erstaunlich weit zurück. Statt Volks-Rock’n’Roll mit Vollgas gibt es Streicher, akustische Gitarren, viel Raum für die Stimme – und einen Gabalier, der hörbar gereift ist. Das ist musikalisch spannend und handwerklich stark.
Zehn Jahre nach seinem ersten großen Unplugged-Abenteuer kehrt Andreas Gabalier zu diesem musikalischen Prinzip zurück. Die neue Schreibe ist dabei weit mehr als ein akustisch aufgehübschtes Best-of. Neue Titel treffen auf bekannte Songs in neuen Arrangements, dazu kommen zwei Duette und eine Produktion, die ganz bewusst das Musizieren selbst in den Mittelpunkt rückt. Teile der Produktion entstanden in Nashville, für die Streicheraufnahmen ging es ins renommierte Emil Berliner Studio nach Berlin. Das hört man der Platte an: Sie will nicht möglichst laut beeindrucken, sondern über Klangfarben, Dynamik und musikalische Details wirken.
„Verdammt lang her“: Ein Titel wie für dieses Album gemacht
Schon der Auftakt ist geschickt gewählt. „Verdammt lang her“ funktioniert inhaltlich beinahe wie eine Überschrift für das gesamte Projekt. Zehn Jahre Unplugged – da darf man zurückblicken. Bei „Meine Liebe bleibt“ fällt vor allem Gabaliers Stimme auf. Sie klingt reifer und gesetzter. „Sommerregen“ lebt besonders schön von der Verbindung aus Gitarren und Streichern. Die Saiteninstrumente übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben: Die Gitarre hält vieles erdig und unmittelbar, während die Streicher Weite schaffen und Spannung aufbauen.
Überhaupt spielen die Streicher auf „Handwerk“ eine entscheidende Rolle. Sie werden nicht einfach über bekannte Gabalier-Songs gelegt, um ihnen nachträglich etwas Größe zu verleihen. Sie verändern deren Charakter. Wo sonst Rhythmus und unmittelbare Energie dominieren, entstehen nun Flächen, Pausen und teilweise beinahe filmische Spannungsbögen. Das funktioniert erstaunlich gut – zumindest zunächst. Denn je länger das Album läuft, desto deutlicher zeigt sich auch die Kehrseite dieses Konzeptes.
Irgendwann stellt sich eine gewisse Sehnsucht nach einem musikalischen Ausbruch ein. Ein überraschender Tempowechsel, ein plötzlich losgelassener Rhythmus, ein Song, der die zuvor aufgebaute Andacht einfach einmal durchbricht. Denn ausgerechnet eine Eigenschaft, die Andreas Gabalier wie kaum ein Zweiter beherrscht, bleibt hier überraschend oft außen vor: das Mitreißende.
„Una Canzone Per Te“: Italienisch – und trotzdem unverkennbar Gabalier
Für Abwechslung sollen unter anderem zwei Duette sorgen. Bei „Una Canzone Per Te“ mit Pietro Basile hört man Gabalier italienisch – und doch klingt es typisch nach ihm. Das zeigt, wie ausgeprägt seine musikalische Handschrift inzwischen ist.
Wesentlich weiter aus der gewohnten Klangwelt hinaus führt „Whiskey And Wine“ mit Johnny Logan. Hier wird der Nashville-Einfluss unüberhörbar. Country-Färbung und zwei markante Männerstimmen sorgen dafür, dass der Titel innerhalb des Albums heraussticht. Interessanterweise funktioniert gerade die Kombination der beiden Stimmen ausgesprochen gut. Gabalier und Logan besitzen genügend unterschiedliche Klangfarben, um sich voneinander abzusetzen, gleichzeitig aber eine ähnliche Wärme und Erdigkeit, um miteinander zu harmonieren.

Fazit:
Der Titel „Handwerk“ ist gut gewählt. Denn dieses Album lebt tatsächlich von musikalischem Handwerk: von echten Instrumenten, durchdachten Arrangements, Streichern und Gitarren, von Dynamik und einer Stimme, die zehn Jahre später anders klingt. Wer auf den großen Stadion-Gabalier wartet, wird deshalb möglicherweise überrascht sein. Nur hätte man sich zwischen all der musikalischen Reife gelegentlich einen Moment gewünscht, der nicht nur unter die Haut, sondern direkt in die Beine geht.
Der Vogtlandstreicher verleiht 3 von 5 Streichern

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Andreas Gabalier “Handwerk – 10 Jahre Unplugged”: So klingt es ohne Volks-Rock’n’Roll-Feuerwerk

