Fotos: Landkreis Hof
Hoch über dem wildromantischen Höllental steht er auf einem Felsvorsprung, als würde er im nächsten Augenblick in die Tiefe springen: Der Hirsch am Hirschsprung gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen des Frankenwalds. Hinter der lebensgroßen Holzfigur verbirgt sich eine jahrhundertealte Sage – und eine jüngere Geschichte von Vandalismus, großer Hilfsbereitschaft und einer spektakulären Rückkehr per Hubschrauber.
Wer durch das Höllental bei Lichtenberg wandert und seinen Blick hinauf zu den Felsen richtet, kann ihn entdecken: einen mächtigen Hirsch mit weit ausladendem Geweih. Rund 80 Meter über der Talsohle steht die Holzskulptur auf dem Hirschsprungfelsen und erinnert an eine Geschichte, die im Frankenwald seit Generationen weitererzählt wird.
Die Sage vom Hirschsprung im Höllental
Der Überlieferung nach führt die Geschichte zurück ins 18. Jahrhundert. Während einer markgräflichen Jagd soll ein Hirsch von seinen Verfolgern immer weiter in die Enge getrieben worden sein. Schließlich blieb ihm scheinbar nur noch die Wahl zwischen den Jägern und dem Abgrund. Das Tier soll sich für den Sprung entschieden haben und sich aus großer Höhe in die Tiefe gestürzt haben. Wenige Jahre später soll sich an anderer Stelle ein ähnliches Ereignis wiederholt haben.
Ob sich die Geschichte tatsächlich genauso zugetragen hat, lässt sich heute kaum noch feststellen. Doch die Erzählung blieb lebendig. Im 20. Jahrhundert erinnerte man sich an die alten Überlieferungen und stellte an einem der historischen Orte eine Hirschfigur auf. Seitdem wurde die Skulptur mehrfach erneuert. Interessant ist dabei: Das fränkische Höllental teilt sich sein tierisches Wahrzeichen gewissermaßen mit seinem Namensvetter im Schwarzwald. Auch dort gibt es einen legendären Hirschsprung. Während der Hirsch im Schwarzwald der Sage nach von einem Felsvorsprung zum anderen sprang, führt der Sprung im Frankenwald geradewegs in die Tiefe.
Hoch über dem Höllental
Die Kulisse könnte für eine solche Geschichte kaum passender sein. Das Höllental zählt zu den eindrucksvollsten Landschaften des Frankenwalds. Steile, bewaldete Hänge, Felsen und die Selbitz prägen das Tal. Der Hirsch steht auf einem Felsvorsprung rund 80 Meter über der Talsohle. Vom Aussichtspunkt König David lässt sich der Hirschsprung von oben erkennen. Wer die Figur aus einer anderen Perspektive sehen möchte, kann einem schmalen und steilen Pfad folgen. Dieser endet laut den touristischen Informationen jedoch bereits an einem Geländer etwa 20 Meter vor dem Hirschsprung. Der Hirschsprungfelsen selbst sollte aufgrund der erheblichen Absturzgefahr nicht betreten werden.

Januar 2024: Plötzlich war der Hirsch verschwunden
Dass die Holzfigur den Menschen in der Region weit mehr bedeutet als ein hübsches Fotomotiv, zeigte sich Anfang 2024. Beim Frankenwaldverein gingen Ende Januar Hinweise ein, dass der Hirsch nicht mehr auf seinem Felsen stand. Zunächst lag die Vermutung nahe, dass Witterung und Verschleiß der Figur zugesetzt haben könnten.
Am 31. Januar machten sich Wegemanager Björn Stumpf und Geschäftsführerin Julia Rubsch auf die Suche. Auf dem Felsen fanden sie herausgedrehte Schrauben und Holzsplitter. Unterhalb des Felsens lag schließlich der zerbrochene Körper des Hirsches. Das Geweih hatte zuvor bereits eine Wandergruppe gefunden. Vom Kopf der Figur fehlte zunächst jede Spur. Damit war klar: Hier hatte offenbar nicht die Natur nachgeholfen. Der Frankenwaldverein erstattete Anzeige wegen Sachbeschädigung. Unbekannte hatten das Wahrzeichen allem Anschein nach von seiner Plattform gerissen und in den Abgrund gestoßen.
Für den Frankenwald war schnell klar: Der Hirsch muss zurück
Die Zerstörung sorgte weit über das Höllental hinaus für Bestürzung. Gleichzeitig stellte sich eine praktische Frage: Wie sollte eine neue Figur finanziert werden? Die erwarteten Kosten lagen im fünfstelligen Bereich und überstiegen die Möglichkeiten des Frankenwaldvereins. Hinzu kam, dass der Verein gleichzeitig einen weiteren Vandalismusschaden am Wiedeturm zu bewältigen hatte. Also wandte sich der Frankenwaldverein an die Öffentlichkeit und startete einen Spendenaufruf. Die Resonanz war enorm. Privatpersonen und Institutionen beteiligten sich. Insgesamt kamen schließlich 25.000 Euro zusammen. Allein eine Einzelspende belief sich auf 5000 Euro. Damit stand fest, dass der Hirsch auf seinen Felsen zurückkehren würde.
Markus Trapp erschafft einen neuen Hirsch
Mit der Gestaltung wurde der Holzgestalter Markus Trapp aus Mühldorf bei Schauenstein beauftragt. Für ihn war die Arbeit nicht einfach irgendein Auftrag, sondern eine besondere Herausforderung. Als Material entschied er sich für Robinienholz. Das Holz gilt als ausgesprochen widerstandsfähig und eignet sich deshalb besonders für eine Skulptur, die auf einem exponierten Felsen das ganze Jahr über Sonne, Regen, Wind, Frost und Schnee ausgesetzt ist.
Der Hirsch entstand aus mehreren Schichten Robinienholz. Dabei musste Trapp besonders auf den Verlauf der Maserung achten, damit die große Figur später nicht bricht. Schon bei der Gestaltung ging es nicht darum, den zerstörten Vorgänger einfach zu kopieren. Der neue Hirsch sollte dynamischer wirken und stärker an jene alte Sage erinnern, der er seine Existenz verdankt: an ein Tier unmittelbar vor seinem gewagten Sprung. Trapp fertigte zunächst Skizzen von Hand an, digitalisierte die Entwürfe anschließend und entwickelte daraus am Computer ein Modell, mit dem unter anderem Masse und Volumen berechnet werden konnten.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der neue Hirsch ist 2,15 Meter lang, mit Geweih 2,10 Meter hoch und bringt rund 150 Kilogramm auf die Waage. Statt wie sein Vorgänger auf einem klassischen Sockel zu stehen, wurde die neue Figur so gestaltet, dass die Bewegung des Tieres stärker zur Geltung kommt.
Spektakuläre Rückkehr mit dem Hubschrauber
Nur gab es noch ein Problem. Wie bekommt man einen 150 Kilogramm schweren und mehr als zwei Meter großen Holzhirsch auf einen schwer zugänglichen Felsen hoch über dem Höllental? Die Antwort lautete aus der Luft. Am 9. Oktober 2024 wurde die komplette Skulptur per Helikopter zum Hirschsprung gebracht. Anschließend montierte die Firma Metallbau Jahn aus Gattendorf die Figur auf dem Felsen.
Heute gehört der Hirschsprung wieder zu den besonderen Sehenswürdigkeiten bei einer Wanderung durch das Höllental. Eine Möglichkeit, ihn in eine Tour einzubauen, bietet beispielsweise der 7,5 Kilometer lange Röhrensteig, der am Naturpark-Informationszentrum in Blechschmidtenhammer beginnt und durch das Höllental unter anderem am Hirschsprung, am Wasserkraftwerk sowie am Jungfern- und Teufelssteg vorbeiführt.
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Der Hirsch im Höllental: Von einer alten Sage zum Wahrzeichen des Frankenwalds

