WM KolumneBallflachstreicher | 9 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Cheerleaderalarm

Noch zwei Tage, dann rollt der Ball, und man könnte meinen, der Fußball stünde im Mittelpunkt der Vorbereitungen. Tatsächlich aber probt dieser Tage vor allem eine andere Abteilung mit Hochdruck: die Tontechnik.

Drei Gastgeber, drei Eröffnungszeremonien, ein Aufgebot an Popprominenz, das jede Plattenfirma vor Neid erblassen ließe. In Mexiko-Stadt steigt am Donnerstag die erste Gala, wenn vor dem Auftaktspiel Mexiko gegen Südafrika – pikanterweise eine Neuauflage des Eröffnungsspiels von 2010 – Shakira im Aztekenstadion den offiziellen Turniersong „Dai Dai” anstimmt, flankiert von Burna Boy, Maná, J Balvin und einer Gästeliste, für deren Verlesung man eine eigene Halbzeitpause bräuchte. Tags darauf zieht Kanada in Toronto nach, mit einem so demonstrativ kanadischen Aufgebot, dass von Alanis Morissette über Michael Bublé bis Alessia Cara niemand fehlt, der jemals höflich ein Mikrofon gehalten hat. Und die USA kontern, natürlich, am größten: Katy Perry, Future, dazu Lisa von Blackpink und Anitta, im SoFi Stadium, vor dem amerikanischen Auftakt gegen Paraguay.

Während also der halbe Billboard-Olymp seine Mikrofone einpegelt, geht anderswo das eigentliche Handwerk weiter, und zwar an einem Ort, der vom Glamour so weit entfernt ist wie der Soundcheck vom Schlusspfiff: in Winston-Salem, North Carolina. Dort absolvierte die deutsche Nationalmannschaft ihr erstes öffentliches Training, eine von der FIFA verordnete Pflichtübung, zu der jedes der 48 Teams einmal die Tore öffnen muss. Man stelle sich das vor: keine Pyrotechnik, kein Popstar, nur elf Männer, die Pässe spielen – und dennoch waren die 3.000 Tickets in vier Minuten vergriffen. Vier Minuten. Es gibt Stadionwürste, deren Bestellung länger dauert.

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Empfangen wurde die deutsche Auswahl dabei nicht etwa mit verhaltenem Applaus, sondern mit dem, was Amerika für angemessen hält: Cheerleadern. Es hat eine eigene Komik, eine deutsche Nationalmannschaft, dieses Bollwerk aus Ernsthaftigkeit und schwäbischer Zurückhaltung, von Pompons in Empfang nehmen zu lassen. Wer hierherkommt, muss begreifen, dass auch Fußball in Nordamerika immer Entertainment ist – ob es einem passt oder nicht.

Immerhin gab es aus deutscher Sicht eine Nachricht, die tatsächlich mit dem Sport zu tun hat: Manuel Neuer kehrte ins Mannschaftstraining zurück und soll im Auftaktspiel gegen Curaçao zwischen den Pfosten stehen.

Am Samstag absolviert die Mannschaft dann ihr letztes Training in Winston-Salem, dann geht es nach Houston, wo am Tag darauf Curaçao wartet. Bis dahin gehört die Bühne den Sängerinnen und Sängern, den Lichtdesignern und Feuerwerkern – als gigantisches Versprechen, halb Sportereignis, halb Welttournee. Die Verstärker sind aufgebaut, die Stadien geputzt, die Choreografien einstudiert.

Zum Schluss noch das

Während sich drei Nationen mit Shakira und Katy Perry schmücken, gelang der schönste Auftritt dieser Tage einem Team ganz ohne Popstars: Curaçao, mit rund 156.000 Einwohnern das kleinste Land, das sich je für eine WM qualifiziert hat (etwa so groß wie Paderborn), rollte zu seinem WM-Quartier in einem alten, fensterlosen Schulbus an, eigens bunt lackiert, als Hommage an den Straßenfußball der Insel. Das Video von den jubelnden Spielern ging prompt um die Welt. Ausgerechnet Deutschlands erster Gegner reist also im Klapperbus an, geführt vom 78-jährigen Dick Advocaat, der damit zum ältesten Trainer der WM-Geschichte wird. Man sollte sie nicht unterschätzen: Wer mit so viel guter Laune daherkommt, sollte ernst genommen werden.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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