Alle zwei Jahre wieder. Vor jedem der großen Turniere. Presseaufmarsch zum Bezug der Mannschaftsquartiere. Ich muss wohl sechs (oder so) gewesen sein, als ich vor der Tagesschau sitzend meinen Vater fragte:” Du Papa, warum fotografieren die Männer da andere Männer, die aus einem Bus aussteigen und in ein Haus laufen?” Er konnte mir das damals nicht beantworten. So weiß ich es bis heute nicht.
Die deutsche Nationalmannschaft reist an diesem Montag von Chicago weiter nach Winston-Salem, North Carolina, und richtet sich dort auf „The Graylyn Estate” ein, einem fast hundert Jahre alten Anwesen, das einst als private Villa erbaut wurde und heute der benachbarten Wake-Forest-Universität gehört. Trainiert wird auf dem Campus, drei Plätze in tadellosem Zustand, allesamt zu Fuß in unter zehn Minuten erreichbar. Nagelsmann betont vor allem diese Nähe, und man versteht ihn: Nichts zermürbt eine Mannschaft so verlässlich wie der tägliche Bustransfer durch fremde Vorstädte. Der DFB hat sich also für die deutsche Tugend schlechthin entschieden – kurze Wege, gepflegter Rasen, ein bisschen herrschaftliches Understatement.
Mit im Reisegepäck reist eine traurige Gewissheit, die am Samstag noch eine bange Hoffnung war: Lennart Karls Turnier ist vorbei, ehe es begann. Die Untersuchung ergab einen Muskelriss, und Nagelsmann zog die einzig mögliche Konsequenz und nominierte nach. Den Anruf, von dem an dieser Stelle zuletzt die Rede war, bekam nun der erst neunzehnjährige Assan Ouédraogo von RB Leipzig. Ein Teenager ersetzt einen Teenager – der Fußball verteilt seine Rollen mit der Gleichmut eines Croupiers.
Wie unterschiedlich man dieses Einzugsgeschäft angehen kann, zeigt der Blick über die Grenze. Der Iran hat sein Basislager kurzerhand von Arizona ins mexikanische Tijuana verlegt, gleich jenseits der amerikanischen Grenze, und wird das Turnier von dort aus bestreiten. Eine Mannschaft, die bei einer Weltmeisterschaft, die zu großen Teilen in den USA stattfindet, lieber in Mexiko wohnt – das ist eine logistische Volte, die einiges über die Stimmungslage dieser globalen Veranstaltung verrät, ohne dass man ein einziges politisches Wort verlieren müsste.
Auch die anderen Großen schleichen sich derweil ins Turnier. Argentiniens Titelverteidiger lassen es betont ruhig angehen, was vor allem mit einem Namen zu tun hat: Lionel Messi laboriert an muskulärer Ermüdung in der Oberschenkelrückseite und soll im Test gegen Honduras behutsam wieder Spielzeit bekommen. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass über diesem Sommer der leise Verdacht eines Abschieds liegt – die ganze Fußballwelt schaut zu, ob der vielleicht Größte noch einmal aufdreht oder ob ihn sein eigener Körper ausbremst.
Und damit niemand glaubt, das Unglück treffe nur die Gäste: Auch Gastgeber Kanada erwischte es. Verteidiger Moïse Bombito fällt verletzt aus, was ein Land, das sich auf seine erste richtige WM-Euphorie freut, wohl härter trifft, als es die nüchterne Meldung vermuten lässt.
So sortiert sich an diesem Montag das Feld. Die einen beziehen Villen, die anderen ziehen über Grenzen, und überall packen Betreuer Eisbeutel in die Unterkunftseistruhen, von denen sie hoffen, sie nie zu brauchen. In drei Tagen wird in Mexiko-Stadt der Ball rollen, und dann ist Schluss mit Quartierfragen, Trainingsplatzbesichtigungen und Wohlfühlanalysen. Bis dahin gilt der einzige Satz, der in dieser Phase wirklich stimmt: Es ist alles vorbereitet. Irgendwie.
Zum Schluss noch das
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet die deutsche Nationalmannschaft, mit ihrem Heer aus Ernährungsberatern, Schlafcoaches und Belastungssteuerern, ihr Quartier in Winston-Salem aufschlägt – jener Stadt, in der im Jahr 1937 die erste Krispy-Kreme-Filiale eröffnete und damit der amerikanische Glasur-Donut das Licht der Welt erblickte. Die Spieler dürfen sich nun einen Monat lang in der Geburtsstadt des frittierten Zuckerrings auf das größte Turnier ihres Lebens vorbereiten. Man wünscht dem armen Kohlehydratverantwortlichen jedenfalls starke Nerven – und deutsche wertgearbeitete Stahlschlösser für die Minibars.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 8 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Stahlschlösser für die Minibars
