WM KolumneBallflachstreicher | 5. Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Verletzt, verklagt, bereit!

Während in Chicago die deutsche Mannschaft hinter verschlossenen Türen trainiert, in einem Hotel namens Waldorf Astoria, das schon vom Namen her klingt, als müsse man dort für das Atmen extra bezahlen, fehlte ausgerechnet der Mann, um den sich alles dreht. Neuer arbeitet, so heißt es in der vorsichtigen Sprache des DFB, am „Belastungsaufbau”. Das ist die schönste Formulierung, die der deutsche Fußball derzeit zu bieten hat. Belastungsaufbau klingt nach Architektur, nach Statik, nach einem Bauvorhaben mit Genehmigung. In Wahrheit bedeutet es: Wir wissen es auch nicht so genau, aber wir hoffen sehr.

Hinter ihm warten zwei Torhüter, die unter normalen Umständen längst spielen dürften. Alexander Nübel, der seit Jahren höflich an die Tür klopft, und Oliver Baumann, der einmal als Nummer eins galt und nun erlebt, wie schnell man im Fußball vom Stammplatz in die Statusgruppe „beruhigende Reserve” wechselt. Beide könnten gegen die USA von Beginn an spielen. Beide wissen, dass das vor allem dann passiert, wenn an Neuers Wade etwas zwickt, was niemand laut aussprechen möchte.

Am Wochenende steigt im ausverkauften “Soldier Field” (Anm. d. Redaktion: Kein Aufmarschgelände, nur ein US-Fußballstadion – einfach nicht weiter drüber nachdenken!) die Generalprobe gegen den Gastgeber USA, und der DFB hat schon das Wichtigste geklärt: Man läuft in Weiß auf. Also in weißen Trikos, nicht mit weißen Fähnchen. Und dabei ist bemerkenswert, mit welcher Entschiedenheit Verbände die Trikotfrage beantworten können, während sie bei der Frage, ob ihr Stammtorwart gesund ist, in elegantes Schweigen verfallen. Die Geheimtrainings tun ihr Übriges. Nichts macht schließlich Trainingseinheiten auf “Soldier Fields” interessanter, als sie abzuschirmen.

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Ansonsten bleibt es die Woche der Waden. Denn während Deutschland um Neuer bangt, sorgt man sich in Brasilien wegen Neymar, der sich ebenfalls an der Wade verletzt hat und bis zu drei Wochen ausfällt. Zwei der größten Namen dieses Turniers, vereint durch dasselbe unscheinbare Muskelpaket. Oha!
Bei Brasilien fällt zudem Rodrygo mit Kreuzbandriss komplett aus, in Spanien zittert man um Lamine Yamal, der seine Oberschenkelrückseite beim Verwandeln eines Elfmeters ramponierte und nun unter einem „moderaten Trainingsplan” steht, was ungefähr so beruhigend ist wie ein moderater Sturm. Sein Bundestrainer sagt, Yamal könne zum Auftakt gegen Kap Verde wohl spielen. „Wohl.” Ein Wort, an dem in diesen Tagen ganze Nationen hängen.

Frankreich wiederum löst seine Personalfragen pragmatisch: Ekitiké, eben noch gesetzt, wird durch Mateta ersetzt, und niemand regt sich groß auf. So ist das kurz vor einem Turnier. Spieler, die monatelang als unverzichtbar galten, verschwinden über Nacht aus den Kadern, als hätte man sie nie genannt.

Doch das eigentliche Lehrstück des Tages liefert uns ein verstaubter ein Vertrag: In Mexiko-Stadt drohte das WM-Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Mexiko und Südafrika beinahe an einem Stück Papier aus den sechziger Jahren zu scheitern. Damals, beim Bau des Aztekenstadions, ging dem Betreiber das Geld aus. Also verkaufte er kurzerhand 600 Logen und rund 8.000 Einzelplätze an wohlhabende Fans – mit dem hübschen Zusatz, diese dürften sämtliche Veranstaltungen im Stadion neunundneunzig Jahre lang gratis besuchen. Bis 2065. Man muss sich das vorstellen: Ein Vertrag, der so alt ist, dass die meisten seiner Unterzeichner ihn heute nur noch aus dem Jenseits geltend machen können – doch ihre Erben tun es mit Inbrunst.

Der Betreiber hatte es nur vergessen, der FIFA davon zu erzählen. Aus Sorge, das ehrwürdige Aztekenstadion könnte sonst gar nicht erst Spielort werden. Eine bemerkenswerte Geschäftsidee: ein Stadion in ein Weltturnier bringen, indem man die kleine Tatsache verschweigt, dass rund 14.000 Menschen das Recht haben, einfach so hereinzuspazieren. Selbige gründeten prompt einen Verband und zogen vor Gericht um dieses Recht auch durchzusetzen.
Gelöst wurde das Ganze jetzt auf die einzige Art, die der Fußball wirklich beherrscht: mit Geld. Der Betreiber überwies der FIFA rund 63 Millionen Dollar, und schon war das neunundneunzigjährige Versprechen ein Problem von gestern. Man will sich gar nicht erst vorstellen, welches Sammelsurium an mexikanischen Problemen die 63 Mios hätten lösen können.

So steht dieses Turnier sechs Tage vor dem Anpfiff da: Die Starwehwehchen zwicken, um Stadien wird gerungen und die Verbände beruhigen mit Worten, die jeder versteht und niemand glaubt. Deutschland fliegt nach der Generalprobe am Samstag gen Houston, wo am 14. Juni Curaçao wartet – ein Karibikstaat mit weniger Einwohnern als manche deutsche Großstadt, der sich gerade anschickt, die größte Reise seiner Fußballgeschichte anzutreten. Danach folgen Ecuador und die Elfenbeinküste. Es ist eine Gruppe, in der Deutschland Favorit ist, was bekanntlich noch nie jemanden beunruhigt hat – außer den Favoriten selbst.

Immerhin: Es ist die letzte Woche, in der sämtliche 48 Nationen gleichzeitig Weltmeister werden können – zumindest in ihren Köpfen. Ab Donnerstag übernimmt dann wieder der Ball, dieses undankbare runde Ding, das sich nie an Belastungspläne, Trikotfarben und neunundneunzigjährige Verträge hält.

Zum Schluss noch das

Wer ganz genau wissen will, wer für Deutschland zur WM fährt, sollte ausgerechnet das offizielle Panini-Sammelalbum meiden. Auf der deutschen Seite prangen nämlich fünf Profis, die gar nicht dabei sind – darunter die Verletzten Serge Gnabry und Marc-André ter Stegen – während gleich vierzehn echte Nominierte schlicht fehlen. Es ist beruhigend zu wissen, dass in einer Woche, in der ganze Nationen auf Waden starren, wenigstens irgendjemand noch grandios den Überblick verliert. Sammeln Sie also fleißig – nur trauen Sie nicht jedem Sticker.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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