WM KolumneBallflachstreicher | 13 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Die Rache der Reservebank

Der erste WM-Tag war ein Reinfall. Der zweite war kein Fest, aber immerhin Fußball mit Puls: Südkorea drehte ein Spiel und Kanada kämpfte sich vor heimischem Publikum aus einem Rückstand gegen Bosnien zurück. Nach dem zähen Auftakt vom Donnerstag war das fast schon Erholung.

Schauplatz eins: das Estadio Akron in Guadalajara. Tschechien ging durch Ladislav Krejčí in Führung, die Koreaner vergaben Chance um Chance. Dann aber glich In-Beom Hwang aus, und in der 81. Minute traf ein Mann, der kurz zuvor noch auf der Bank gesessen hatte: der eingewechselte Hyeon-gyu Oh. Ein klassischer Joker, jene wunderbare Fußballerfindung, bei der ein Trainer einen frischen Mann aufs Feld schickt und so tut, als hätte er den entscheidenden Geistesblitz gehabt. In Wahrheit ist es statistisch auswertbar, wie oft der Coach beim Wechseln ein glückliches Händchen hat und wie oft dieser belanglos bleibt.

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Schauplatz zwei: Toronto, wo Gastgeber Kanada nach einer glanzvollen Eröffnungsfeier – Alanis Morissette sang die Hymne, Alessia Cara stieg aus einem güldenen Riesenball – erst einmal auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Jovo Lukić brachte Bosnien in Führung, und nach der ersten Halbzeit stellte man sich die Frage, ob Kanada den Ball in den Kasten bringen würde, ständen sie alleine auf dem Platz. Doch dann kam, was diesen zweiten Tag sehenswert machte: Vor heimischem Publikum kombinierten sich die Platzherren plötzlich überraschend technisch stark vors bosnische Tor. Der Lohn war das 1:1 durch Cyle Larin. Kein perfektes Spiel, technisch über weite Strecken auch nicht, aber genau jenes Aufbäumen, für das man Fußball überhaupt schaut.

Zwei Tage, eine Erkenntnis: Dieses gigantische, bis ins letzte Detail durchkalkulierte Turnier wird ausgerechnet von seinen am wenigsten vermarktbaren Bestandteilen gerettet. Vom roten Karton am ersten Tag, vom Joker und vom Underdog am zweiten. Die Romantik, die man dem modernen Fußball so gern abspricht, schleicht sich klammheimlich durch genau jene Hintertür herein, an der die FIFA vergessen hat, ein Drehkreuz aufzustellen. Es ist beruhigend. Man kann ein Turnier auf 48 Mannschaften aufblähen, man kann es mit Sensoren spicken und in Hochglanz verpacken – die wirklichen Geschichten schreibt es weiterhin dort, wo niemand sie eingeplant hat.

Die deutlichsten Worte des Tages kamen von Christian Streich. Der inzwischen als Fernsehexperte tätige frühere Freiburg-Trainer nahm sich im Interview FIFA-Boss Gianni Infantino vor – genauer dessen auffällige Nähe zu Donald Trump. Worum es geht: Die FIFA hatte dem US-Präsidenten im Dezember bei der WM-Auslosung in Washington einen eigens erfundenen „FIFA-Friedenspreis” überreicht, den allerersten ihrer Art. Streichs Urteil dazu: „eine Unverfrorenheit, die einen sprachlos macht.” Es ist erfrischend, dass wenigstens einer beim Namen nennt, was viele nur denken – und es ist bezeichnend, dass dieser eine ausgerechnet ein pensionierter Trainer aus dem Breisgau ist und keiner der vielen Funktionäre, die näher dran wären.

Bei allem, was einen an diesem Turnier ärgern darf, bleibt am Ende doch der Fußball selbst – und der hat binnen vierundzwanzig Stunden vorgeführt, warum man ihm trotz allem nicht lange böse sein kann. Er enttäuscht einen am Donnerstag bis auf die Knochen – und entschädigt einen am Freitag mit einem Jokertor in der 81. Minute, das ein ganzes Stadion von den Sitzen reißt. So unzuverlässig, so widersprüchlich, so wundersam. Man bleibt ihm treu, weil man nie weiß, welcher der beiden Tage gerade dran ist.

Zum Schluss noch das

Bei Südkorea gegen Tschechien in Guadalajara war rund um den Platz etwas zu sehen, das man auf einem Fußballfeld eher nicht erwartet: eine richtige Hecke, dicht und grün, einmal ringsherum. Im Netz rätselten die Leute, was das soll – ein WM-Stadion mit Beeteinfassung?

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Dahinter steckt tatsächlich eine schöne Idee. Die französischen Architekten haben das Estadio Akron wie einen Vulkan angelegt – keinen kahlen, rauchenden, sondern einen längst erloschenen, den die Pflanzen zurückerobert haben. Über 20.000 Quadratmeter Grün ziehen sich bis unters Dach, damit der Bau aussieht wie ein bewachsener Hügel, der schon immer zur Landschaft von Jalisco gehörte. So weit, so gut. Am Ende war die Hecke jedenfalls die einzige Abwehrreihe auf diesem Platz, an der den ganzen Abend kein einziger Gegenspieler vorbeikam.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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