Es gibt eine alte, traurige Gesetzmäßigkeit des Weltfußballs: Je größer die Vorfreude auf ein Eröffnungsspiel, desto zuverlässiger wird man von ihm enttäuscht. Man kennt das, man hat es oft erlebt, man hatte sich innerlich gewappnet. Und doch hat es das gestrige Aztekenstadion geschafft, die Messlatte für trostlose WM-Auftakte noch einmal ein gutes Stück tiefer zu legen – was angesichts der reichen Geschichte langweiliger Eröffnungsspiele eine fast schon beeindruckende Leistung ist.
Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. 80.824 Menschen, eine Stadt im Ausnahmezustand, ein Publikum, das so heißblütig in diesen Abend ging, wie nur ein mexikanisches Publikum in einen WM-Auftakt gehen kann. Und tatsächlich bebte die Arena schon nach neun Minuten, als Mexiko das 1:0 gelang – wobei „gelang” der Höflichkeit halber gewählt ist, denn das Tor war weniger das Werk mexikanischer Kombinationskunst als das Geschenk eines südafrikanischen Verteidigers, der den Ball so fahrig verlor, dass man sich fragte, ob er ihn überhaupt haben wollte.
Von da an entfaltete sich auf dem Rasen ein Drama in der falschen Gattung: kein Fest, sondern ein zähes Ringen, bei dem die eine Mannschaft nicht musste und die andere schlicht nicht konnte. Südafrika fand auf diesem Feld so gut wie nicht statt, eine Elf, deren spielerische Grenzen mit jeder Minute deutlicher wurden. Und Mexiko? Mexiko verwaltete. Kühl, abgeklärt, beinahe gelangweilt verwertete der Gastgeber, was sich ihm anbot, machte durch Raúl Jiménez per Kopf das 2:0 und ließ ansonsten die Uhr und den Gegner gewähren. Es war die paradoxe Begegnung von heißem Blut auf den Rängen und kaltem Kaffee auf dem Platz.
Dass die Partie überhaupt in Erinnerung bleibt, verdankt sie nicht dem Fußball, sondern dem Chaos: Drei Platzverweise verteilte der Schiedsrichter, einer absurder als der andere, als hätte das Spiel selbst gemerkt, dass es dringend etwas Würze braucht. Ein Platzverweis ist Drama. Zwei sind Pech. Drei sind ein Hilferuf. Wenn die spektakulärsten Momente eines Eröffnungsspiels rote Karten sind, dann sagt das alles über die neunzig Minuten dazwischen.
Das Bemerkenswerteste aber spielte sich auf den Rängen ab. Denn das mexikanische Publikum, das zu feiern gekommen war, tat im Laufe des Abends etwas, das man bei einem 2:0-Heimsieg zum Auftakt der eigenen Weltmeisterschaft selten erlebt: Es begann zu pfeifen. Nicht den Gegner, sondern die eigene Mannschaft. Es ist ein eigentümliches Phänomen, wenn ein Sieg nicht reicht, weil die Art des Sieges das Herz nicht erreicht. Die Fans waren nicht wegen des Ergebnisses unzufrieden, sondern wegen der Lustlosigkeit, mit der es zustande kam. Sie wollten eine Fiesta. Sie bekamen eine Aktenablage.
Man kann darin, wenn man will, eine kleine Lehre über diesen ganzen aufgeblasenen Fußballsommer erkennen. Wochenlang wurde uns dieses Turnier als das größte, glanzvollste, spektakulärste aller Zeiten verkauft. Und dann, im allerersten Moment, in dem es liefern soll, serviert es ausgerechnet das, was kein Marketingbudget der Welt kaschieren kann: ein müdes, fahriges, über weite Strecken belangloses Fußballspiel. Es hat etwas Tröstliches. Der Fußball lässt sich eben nicht inszenieren. Er bleibt das eine Element in diesem perfekt durchgeplanten Apparat, das sich beharrlich weigert, auf Kommando schön zu sein.
Natürlich ist es nur ein Spiel von vielen, und natürlich wird dieses Turnier noch Abende liefern, an denen einem vor Begeisterung der Atem stockt. Eröffnungsspiele waren noch nie das Schaufenster, sondern stets nur die Türklingel. Aber wer geglaubt hatte, eine WM mit 48 Mannschaften und Eintrittskarten zum Preis eines Gebrauchtwagens müsse zwangsläufig auch besseren Fußball bieten, der wurde gestern auf wohltuend altmodische Weise eines Besseren belehrt. Das große Geld kauft viel. Spielwitz gehört nicht dazu.
Und so beginnt diese Weltmeisterschaft, wie so viele vor ihr: mit einem Sieger, der nicht überzeugte, einem Verlierer, der nicht auftauchte, und einem Publikum, das schon am ersten Abend lernen musste, dass Vorfreude und Wirklichkeit im Fußball selten dieselbe Sprache sprechen. Macht nichts. Es sind noch über hundert Spiele Zeit, das wieder gutzumachen.
Zum Schluss noch das
Wer wissen will, wie ernst manche Nation dieses Turnier nimmt, muss nur nach North Carolina schauen, wo die deutsche Delegation einen Mann beschäftigt, dessen Job nichts mit Toren, Taktik oder Trikots zu tun hat: einen eigenen Greenkeeper. Sebastian Breuing wacht dort schon seit Wochen über den Trainingsrasen, der – man ahnt das Drama – aus einer anderen Grassorte besteht als der heimische und deshalb mit Wärmelampen und Wachstumsfolie umsorgt wird wie ein kränkelndes Gewächshaustomatchen. Während andere Teams sich um Aufstellungen sorgen, sorgt sich Deutschland um Halmlänge. Man kann das übertrieben finden. Aber falls diese WM im Finale tatsächlich einmal auf perfektem Rasen entschieden wird, dann wissen wir wenigstens, wer hier von Anfang an die richtigen Prioritäten hatte.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
Ballflachstreicher | 12 Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Heißes Publikum, kalter Kaffee.
