Die spektakulärste Zahl dieser Woche ist kein Ergebnis. Sie steht in keiner Statistik, sie gehört keinem Stürmer, und doch raubt sie einem den Atem zuverlässiger als jeder Fallrückzieher: 143.750 US-Dollar. So viel wurde auf der FIFA-Wiederverkaufsplattform für eine einzige WM-Eintrittskarte aufgerufen. Nicht für eine Dauerkarte, nicht für eine Loge auf Lebenszeit – für ein Spiel. Man könnte dafür eine S-Klasse kaufen, auch 70 000 Bratwurstbrötchen, oder man entscheidet sich stattdessen für neunzig Minuten Fußball und das gute Gefühl, finanziell unzurechnungsfähig zu sein.
Möglich macht das die jüngste Errungenschaft der FIFA: das dynamische Preismodell, bei dieser Weltmeisterschaft zum ersten Mal im Einsatz. Es funktioniert ungefähr so wie bei Flugtickets: Je größer die Nachfrage, desto höher der Preis, in Echtzeit, ohne Grenze nach oben und mit einer Untergrenze, die vor allem dazu dient, in Pressemitteilungen gut auszusehen. Offiziell beginnen Gruppenspiele bei rund 60 Dollar, was demokratisch klingt, bis man feststellt, dass für das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika bereits regulär bis zu 5.234 Dollar fällig werden und die besten Plätze beim Finale auf etwa 6.700 Dollar klettern. Fußball für alle – die eine Privatbank im Rücken haben.
Die Empörung darüber begleitet dieses Turnier seit Monaten, und sie ist berechtigt. Denn der Fußball verkauft sich gern als das Spiel des Volkes, als die eine große Bühne, auf der der Hafenarbeiter neben dem Konzernchef sitzt und beide gemeinsam leiden. Das dynamische Preismodell erledigt diese Romantik mit der Eleganz eines Taschenrechners. Es ist nicht neu, dass im Spitzenfußball das Geld regiert. Neu ist nur die Schamlosigkeit, mit der man es inzwischen in Echtzeit berechnet.
Und doch – und das ist die tröstliche Seite dieses Tages – gibt es Dinge, die sich beim besten Willen nicht in dieses Preismodell pressen lassen. Die Geschichten zum Beispiel. Da wäre Cristiano Ronaldo, der mit 41 Jahren in seine sechste Weltmeisterschaft zieht, ein Alter, in dem andere bereits viermal geschieden sind, wieder bei Mama leben und den Küchentisch nicht mehr verlassen. Längst ist der eigentliche Antreiber Portugals ein anderer, Bruno Fernandes spielt die Saison seines Lebens, und Ronaldo wird vermutlich häufiger von der Bank kommen, als ihm lieb ist. Aber niemand, kein Algorithmus und kein Buchhalter, kann den Wert jenes Moments beziffern, in dem Portugals Gehabegott ein letztes Mal sein Freistoßschauspiel zelebriert.
Oder Brasilien, das in seiner tiefsten Selbstzweifelphase ausgerechnet einem Italiener vertraut. Carlo Ancelotti, der ruhigste Mann des Weltfußballs, soll der heißblütigsten Nation schlechthin den Glauben zurückbringen. Eine Pointe der Globalisierung: Das Mutterland des verspielten Offensivfußballs lässt sich von einem Mann coachen, dessen größte Stärke darin besteht, dass er sich nie aufregt. Verdammt nochmal!
Sei’s drum: Am Tage vor dem ersten Anpfiff treffen zwei Welten aufeinander, die dieses Turnier von Beginn an prägen. Auf der einen Seite die Software, die jeden Sitzplatz, jeden Klick und jede Sehnsucht in einen Betrag übersetzt. Auf der anderen das Spiel selbst, das sich beharrlich weigert planbar zu sein. Die FIFA kann einen Sitz für 143.750 Dollar verkaufen. Ob auf diesem Sitz am Ende jemand Zeuge eines Wunders wird oder eines torlosen Unentschiedens, darüber entscheidet sie nicht.
Vielleicht ist das der eigentliche Trost in dieser teuersten aller Weltmeisterschaften: Der Preis steht vorher fest, der Wert erst hinterher.
Zum Schluss noch das
Diese WM ist nicht nur die teuerste, sondern auch die der großen Differenzen – und manchmal sogar auf wunderbar versöhnliche Weise. Zwischen dem jüngsten und dem ältesten Spieler des Turniers liegen sage und schreibe 25 Jahre: Der mexikanische Teenager Gilberto Mora ist gerade einmal 17, der schottische Torwart Craig Gordon stolze 43. Man muss es der dynamischen Preisgestaltung lassen: Für diesen Randrekord verlangt sie zumindest keinen Aufpreis.
Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita
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