WM KolumneBallflachstreicher | 07 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Die Jungen räumen die Gespenster weg.

Cristiano Ronaldo hat gestern sein letztes Spiel bei einer Weltmeisterschaft bestritten. Portugal verlor 0:1 gegen Spanien, spät, unspektakulär, durch einen einzigen Nadelstich. Aber die eigentliche Nachricht war nicht das Ergebnis, sondern das Bild dahinter: Ein 41-Jähriger wird von einer Mannschaft von der Bühne getragen, deren Wunderkind Lamine Yamal noch nicht auf der Welt war, als Ronaldo 2006 seine erste Weltmeisterschaft spielte. Das war kein gewöhnliches Achtelfinale. Das war eine Zeitenwende, höflich vollstreckt von Teenagern.

Und das Schöne an diesem Fußballtag ist, dass die zweite Geschichte perfekt dazu passt – man muss nur vierzig Jahre zurückgehen. Denn während in einem Stadion eine Ära zu Ende ging, wurde in einem anderen eine uralte Wunde geschlossen. England spielte gegen Mexiko im Aztekenstadion, und es gibt für den englischen Fußball keinen verfluchteren Ort auf diesem Planeten. Hier, im Sommer 1986, schlug Diego Maradona zu: erst mit der „Hand Gottes”, dann, vier Minuten später, mit dem Jahrhunderttor, bei dem er den halben englischen Kader stehen ließ. Beides gegen England, beides an diesem einen Nachmittag, und England flog aus der WM. Seither ist das Azteca für jeden englischen Fan ein Alptraum in Beton, ein Ort, an dem der eigene Fußball einmal öffentlich gedemütigt wurde und es nie wieder gutmachen konnte.

Ausgerechnet dorthin kehrten die Three Lions gestern zurück – und ausgerechnet dort taten sie, was ihnen an dieser Stätte nie gelungen war: sie gewannen. Es war ein irres Spiel, fünf Tore, ein Platzverweis, phasenweise am Rande des Nervenzusammenbruchs, und am Ende stand ein 3:2 sogar in Unterzahl. Angeführt wurde dieser Exorzismus von Jude Bellingham, der 1986 nicht nur nicht geboren war, sondern dessen Eltern damals vermutlich selbst noch zur Schule gingen. Die Jungen haben in diesem Stadion ein Gespenst vertrieben, das die Alten fast vier Jahrzehnte lang nicht loswurden.

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So schließt sich, ohne dass es jemand geplant hätte, ein Kreis. Im einen Spiel begräbt ein junger Engländer den Schatten von Maradonas Azteca. Im anderen verabschiedet ein blutjunges Spanien die letzte große Figur der vergangenen Fußball-Epoche. Zwei Jahrzehnte lang war der Weltfußball im Grunde ein Zweipersonenstück, geschrieben von Messi und Ronaldo, und alle anderen durften Nebenrollen spielen. Gestern fiel der Vorhang über der einen Hälfte dieses Duos durch eine Mannschaft von Kids, die mit Ronaldo-Trikots aufgewachsen sind und nun ausgerechnet ihn heimschicken. Es hat etwas Grausames und etwas zutiefst Gerechtes zugleich.

Man kann diesem Umbruch nachtrauern, und für einen Moment sollte man es auch. Aber im Grunde ist es gut so. Ein Turnier, das gerade seine größten Namen aus der Vergangenheit verabschiedet, sie durch Bellingham, Yamal und Haaland ersetzt, hat keine Angst vor der Zukunft. Es rennt ihr entgegen. Und die Gespenster von gestern, ob sie nun Maradona oder Cristiano heißen, dürfen endlich ihren wohlverdienten Platz einnehmen: in der Erinnerung, wo sie hingehören.

Zum Schluss noch das

Ehe man Cristiano Ronaldo endgültig ins Archiv schiebt, gebührt ihm eine letzte Verbeugung, denn er verlässt die WM-Bühne mit einer Bestmarke, die vielleicht nie wieder jemand erreicht: Er ist der einzige Spieler der Geschichte, der bei sechs verschiedenen Weltmeisterschaften nicht nur gespielt, sondern auch getroffen hat – von 2006 bis in diesen Sommer. Solche Rekorde fallen nicht, weil niemand besser wird, sondern weil kaum ein anderer lange genug durchhält, um sie überhaupt zu bedrohen. Der einzige Zeitgenosse, der ihn auf diesem irrwitzigen Weg all die Jahre begleitet hat, steht übrigens noch im Turnier und spielt für Argentinien munter weiter. Es bleibt spannend, wie Messi die Geschichte weiter schreiben wird…

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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