WM KolumneBallflachstreicher | 06 Juli 2026 – Die tägliche WM-Kolumne | Der Fluch aus dem Fjord.

Brasilien hat fünf Weltmeistertitel gewonnen und in seiner Geschichte fast jeden Giganten des Weltfußballs bezwungen – Italien, Deutschland, Argentinien, Spanien, alle mussten irgendwann dran glauben. Nur an einer einzigen, unscheinbaren Nation beißt sich der Rekordweltmeister seit Jahrzehnten mit fast unheimlicher Verlässlichkeit die Zähne aus. Und ausgerechnet diese Nation hat ihn gestern nach Hause geschickt: Norwegen. 2:1. Aus. Vorbei.

Was diesen Abend so besonders macht, versteht nur, wer die Vorgeschichte kennt. Vor dem gestrigen Spiel hatte Norwegen gegen Brasilien nämlich noch nie verloren – nicht ein einziges Mal. Zwei Siege, zwei Unentschieden, und keine dieser Begegnungen war Zufall. Die berühmteste datiert vom 23. Juni 1998, WM in Frankreich: Damals warf ein bulliger Angreifer namens Tore André Flo den großen Favoriten in der 84. Minute aus dem Rhythmus, ehe Kjetil Rekdal in der 89. einen Elfmeter zum 2:1 verwandelte. Man lese das Ergebnis noch einmal. 2:1. Exakt dasselbe, das die Norweger gestern in New Jersey wiederholten. Manche Geschichten reimen sich nicht bloß, sie wiederholen sich bis aufs Tor genau.

Die Rolle des Tore André Flo übernahm diesmal ein Landsmann, den man nicht groß vorstellen muss: Erling Haaland köpfte und schoss die Selecao im Alleingang in die Verzweiflung, ein Doppelpack, aufgelegt zweimal von Andreas Schjelderup. Neymar verkürzte zwar per Elfmeter, doch dann war Schluss. Erwähnenswert: Ørjan Nyland parierte bereits in Halbzeit eins einen brasilianischen Strafstoß.

Es ist eine der schönsten Ironien dieses Sports, dass ausgerechnet die eleganteste Fußballnation der Welt immer wieder an der unelegantesten scheitert – an einem Team, das den Ball hoch in den Strafraum wirft und einen Riesen darauf warten lässt. Der Anti-Samba gegen die Samba-Könige, und der Anti-Samba gewinnt. Schon wieder.

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Die nackten Zahlen dieses Abends sind historisch in beide Richtungen. Für Brasilien ist es das erste WM-Aus im Achtelfinale seit 36 Jahren – so früh flog die Selecao zuletzt 1990 raus. Für Norwegen dagegen ist es das erste WM-Viertelfinale überhaupt, in der gesamten Länderspielgeschichte des Landes. Ein Fußballzwerg, der noch nie so weit gekommen war, wirft den fünffachen Weltmeister aus dem Turnier – und tut es mit derselben stoischen Ruhe, mit der man in Norwegen vermutlich auch einen Schneesturm zur Kenntnis nimmt.

Man kann darüber staunen, aber man sollte es nicht als Zufall abtun. Jeder große Fußballnation ist irgendwann ein Angstgegner zugewiesen worden, ein Team, gegen das der Ball einfach nicht laufen will. Für Brasilien ist dieses Team Norwegen – ein Land ohne einen einzigen Weltmeistertitel, ohne große Fußballtradition, dafür mit dem beneidenswerten Glauben an sich selbst und den eigenen Chefriesen im Sechzehner.

Zum Schluss noch das

Das Schönste an diesem norwegischen Fluch über Brasilien ist, dass er in einer einzigen Familie weiterlebt. Erling Haalands Vater, Alf-Inge Håland, gehörte zu jener norwegischen Generation, die Brasilien schon einmal ärgerte: Im Mai 1997 stand er auf dem Platz, als Norwegen den Rekordweltmeister sage und schreibe mit 4:2 abfertigte. Fast dreißig Jahre später besorgt nun sein Sohn dasselbe Geschäft, nur diesmal auf der ganz großen Bühne. Und es kommt noch hübscher: Der Vater bestritt 1994 seine Weltmeisterschaft in den USA – und ausgerechnet in den USA, 32 Jahre später, schießt der Sohn Brasilien aus dem Turnier. Manche Familien vererben ein Haus oder eine Firma. Die Haalands vererben die Fähigkeit, Brasilien zu schlagen.

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Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

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