WM KolummneBallflachstreicher | 3. Juni 2026 – Die tägliche WM-Kolumne

Es sind diese Tage vor einem Turnier, an denen alles gleichzeitig Bedeutung hat und nichts davon wirklich greifbar ist. Ein Trainingsspiel wird zum Stimmungsbarometer, ein Muskelfaserriss zur Staatsaffäre, ein Charterflug zur Philosophiefrage. Und irgendwo dazwischen versucht der Fußball noch, Fußball zu sein.

Die deutsche Nationalmannschaft ist inzwischen in den USA angekommen, und schon diese Reise erzählt mehr über den Zustand des Teams als jede Pressekonferenz. Kein überinszenierter Abflug, kein Pathos, eher Pragmatismus mit Handgepäck. Nagelsmanns Mannschaft bewegt sich durch diese Vor-WM-Welt wie jemand, der weiß, dass große Worte in den letzten Jahren eher Stolperfallen als Starthilfen waren. Man gibt sich kontrolliert optimistisch, was im DFB-Kosmos ungefähr so viel Euphorie ist wie ein lautes Lachen auf einer Steuerberater-Tagung.

Das 4:0 gegen Finnland hängt noch in der Luft, als freundliche Erinnerung daran, dass diese Mannschaft durchaus weiß, wo das Tor steht. Noch interessanter war aber das, was danach kam: ein 1:0, das weniger durch Genialität als durch Beharrlichkeit zustande kam. Ein Eigentor als logische Konsequenz deutschen Drucks – wenn man so will, die reinste Form von Effizienz. Man zwingt den Gegner zur Mitarbeit. Es ist kein Fußball zum Verlieben, aber einer, der plötzlich wieder Sinn ergibt.

Werbung

Über allem schwebt die Personalie Manuel Neuer, der sich langsam zurückmeldet wie ein Hauptdarsteller, der den richtigen Moment für seinen Auftritt kennt. Training ja, Einsatz vielleicht, Diskussion garantiert. Die deutsche Torwartfrage ist traditionell keine Frage, sondern ein Ritual. Egal, wer im Tor steht – im Hintergrund steht immer Neuer, selbst wenn er nur seine Handschuhe sortiert. Sollte er gegen die USA spielen, wird es weniger um seine Leistung gehen als um das beruhigende Gefühl, dass da einer ist, der schon alles gesehen hat – inklusive deutscher Turnierkrisen.

Und genau das ist der feine Unterschied zu früheren Turnieren: Diese Mannschaft wirkt, als hätte sie verstanden, dass Vergangenheit kein taktisches System ist. Namen wie Kimmich, Rüdiger oder Havertz tragen Erfahrung, aber sie tragen auch Verantwortung. Deutschland ist nicht mehr das Team, das allein durch Aura Spiele gewinnt. Es muss sich jeden Meter erarbeiten – und wirkt erstmals seit Langem bereit dazu.

Während Deutschland also versucht, sich selbst nicht im Weg zu stehen, zeigt der Rest der Fußballwelt, wie schnell sich ein Turnier entscheiden kann, bevor es überhaupt begonnen hat. Österreich verliert mit Christoph Baumgartner einen Schlüsselspieler – und plötzlich verschiebt sich die Statik einer ganzen Mannschaft. Ralf Rangnick, der Architekt des kontrollierten Chaos, muss improvisieren. Das ist seine Spezialität, aber selbst Improvisation hat Grenzen, wenn zentrale Bausteine fehlen.

Belgien dagegen erlebt einen dieser Momente, die so vorhersehbar sind, dass sie fast schon wieder überraschen: Romelu Lukaku ist zurück – und trifft. Natürlich trifft er. Sein 90. Länderspieltor wirkt weniger wie ein sportliches Ereignis als wie eine Naturkonstante. Belgien hat sich in den letzten Jahren vom ewigen Geheimfavoriten zum ewigen „Vielleicht doch nicht“ entwickelt. Aber solange Lukaku den Ball Richtung Tor bewegt, bleibt immer die Möglichkeit, dass aus „vielleicht“ plötzlich „warum eigentlich nicht“ wird.

Und dann ist da noch die FIFA, die längst bewiesen hat, dass ein Fußballturnier nur die halbe Miete ist. Die andere Hälfte besteht aus Bühne, Show und globaler Inszenierung. Countdown-Konzerte, Großevents, musikalische Begleitprogramme – die WM 2026 wirkt stellenweise wie ein Festival, bei dem der Fußball als Headliner gebucht wurde, aber nicht mehr allein im Rampenlicht steht. Drei Länder, Dutzende Städte, über hundert Spiele – das ist kein Turnier mehr, das ist ein wandernder Zirkus mit Ball.

Man kann das kritisieren, man kann es bewundern – man kommt nur nicht daran vorbei. Diese WM wird nicht nur auf dem Platz entschieden, sondern auch in Flugplänen, Regenerationszeiten und der Fähigkeit, sich in einem permanenten Ausnahmezustand zu organisieren. Wer hier bestehen will, braucht nicht nur Taktik, sondern auch Nerven wie Drahtseile und einen Kalender, der mehr aushält als ein Champions-League-Spielplan.

Für Deutschland ergibt sich daraus eine fast schon paradoxe Chance. In einem Turnier, das so groß ist, dass es sich selbst kaum überblickt, kann Klarheit zum Wettbewerbsvorteil werden. Keine überhöhten Erwartungen, keine überdrehten Narrative – einfach Fußball spielen, Spiel für Spiel. Es klingt banal, ist aber genau das, woran frühere Turniere gescheitert sind.

Das erste Spiel gegen Curaçao wird dabei weniger sportlich als psychologisch interessant. Auftaktspiele sind selten logisch. Sie folgen eigenen Gesetzen, meist geschrieben von Nervosität und Erwartungsdruck. Deutschland hat in der jüngeren Vergangenheit oft bewiesen, dass es diese Gesetze nicht immer versteht. Diesmal wirkt es zumindest so, als würde man sie ernst nehmen.

Vielleicht ist das die größte Veränderung: weniger Selbstverständlichkeit, mehr Aufmerksamkeit. Weniger „wir sind Deutschland“, mehr „wir müssen es zeigen“. Das ist kein spektakulärer Wandel, aber ein notwendiger. Große Turniere gewinnt man nicht mehr durch Namen, sondern durch Momente. Und die entstehen selten aus Arroganz.

Zum Schluss noch das

Am Flughafen in Frankfurt kam es zu einem dieser seltenen Momente, in denen Fußball einfach nur Spaß macht: Weil die Nationalmannschaft keinen abgeschotteten Flug nahm, saßen ganz normale Passagiere mit an Bord – und wurden kurzerhand mit DFB-Trikots überrascht. Für einen kurzen Augenblick war der Flug nach Chicago kein Linienverkehr mehr, sondern so etwas wie ein fliegender Fanblock. Vielleicht beginnt genau so eine WM: nicht mit einem Anpfiff, sondern mit einem Lächeln am Gate.

Nachrichten Vogtland
Website | + posts

Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

Werbung

Vogtland Shop