Erdbeben Forschung VogtlandUnter dem Vogtland brodelt es: EU-Projekt will Geothermie und Erdbeben-Forschung vereinen

Der Boden unter Klingenthal zitterte im Jahr 2024 mehr als 8.000 Mal. Innerhalb weniger Monate bebte die Erde in der Vogtland-Grenzregion nahe der tschechischen Gemeinde Kraslice so häufig wie seit 1897 nicht mehr – ein Schwarmbeben, wie es die Region seit Generationen nicht erlebt hatte. Die meisten Erschütterungen blieben unsichtbar, unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle. Einige waren zu spüren. Und alle zusammen erzählten, so stellte das GFZ Potsdam im Januar 2026 in einer neuen Studie fest, eine Geschichte, die viel tiefer reicht als gedacht: bis in rund 30 Kilometer Tiefe, wo aufsteigende magmatische Fluide den Untergrund unter dem Vogtland seit Jahrmillionen in Bewegung halten.

Jetzt soll aus diesem brodelnden Untergrund Energie werden – oder zumindest die Frage beantwortet werden, ob das überhaupt möglich ist. Im März 2026 haben die Programmpartner des Interreg-Förderprogramms Sachsen-Tschechien das Projekt TransGEO mit knapp 848.000 Euro EU-Mitteln bewilligt. Vier Forschungseinrichtungen aus Deutschland und Tschechien wollen gemeinsam untersuchen, welches geothermische Potenzial unter dem Vogtland und Westböhmen schlummert – und welche Rolle die berüchtigte Seismik der Region dabei spielt.

Was unter dem Vogtland wirklich passiert

Wer verstehen will, warum das Vogtland ausgerechnet jetzt in den Fokus von Geothermie-Forschern gerät, muss einen Blick auf die Geologie werfen. Die Region liegt im sogenannten Egergraben, einer kontinentalen Dehnungsfraktur, die sich über mehrere hundert Kilometer von Westböhmen bis ins sächsische Tiefland erstreckt. Dieser Graben gehört zum Europäischen Zentralen Riftsystem und entstand vor Millionen Jahren als Fernwirkung der Alpenbildung – vereinfacht gesagt: als die Alpen entstanden, wurde die Erdkruste weiter nördlich gedehnt und es rissen Spalten auf.

Werbung

Werbung Bad Elster

Die Folge bis heute: Der geothermische Gradient im Egergraben liegt mit rund 5,5 Grad Celsius pro 100 Meter deutlich über dem deutschen Durchschnittswert von etwa 3 Grad pro 100 Meter. Das bedeutet: Je tiefer man bohrt, desto schneller wird es warm. In rund drei Kilometern Tiefe unter dem Vogtland erwartet das Forschungskonsortium des Projekts „Ostvogtland Wärme” – das unabhängig von TransGEO läuft – Temperaturen von etwa 120 Grad Celsius. Heiß genug für die Fernwärmeversorgung ganzer Städte.

Nachrichten Vogtland

Doch dasselbe geologische System, das das Vogtland für Geothermie interessant macht, treibt auch die Schwarmbeben an. Der Schlüssel liegt in den Fluiden – heißen Wässern, Gasen und in der Tiefe sogar partiell geschmolzenem Gestein, die entlang von Verwerfungszonen aufsteigen. Wo sie auf Risse und Spalten im Gestein treffen, erzeugen sie Druckveränderungen. Und die lösen Beben aus.

Das Schwarmbeben 2024 – was die Wissenschaft jetzt weiß

Die neue GFZ-Studie, veröffentlicht im Januar 2026 im Fachjournal Communications Earth & Environment, ist die bislang detaillierteste Analyse des großen Schwarmbebens. Federführend war Dr. Pinar Büyükakpinar vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Universitäten Potsdam und Leipzig sowie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften.

Das Ergebnis ist so präzise wie aufschlussreich. Die Forschenden identifizierten zwei aufeinanderfolgende Fluidinjektionen in die Erdkruste – zwei Wellen, die aus der Tiefe aufgestiegen sind und die Beben ausgelöst haben. In Phase eins, die sich über rund fünf Tage erstreckte, drang ein leichteres, wasser- und CO₂-reiches Fluid schnell durch eine Verwerfungszone nach oben. Das Volumen: geschätzte 320 Kubikmeter. Es verursachte Risse im Gestein. In Phase zwei – über mehr als fünf Wochen – folgte ein dichteres, schmelzflüssiges Material mit einem Volumen von rund 13.700 Kubikmetern. Dieses zweite Fluid löste die größten Beben des Schwarms aus, darunter die stärksten Ereignisse am 10. und 11. April 2024 mit einer Magnitude von 2,7.

Die Konsequenz dieser Erkenntnisse ist erheblich: Der Schwarm war kein tektonisches Zufallsereignis, sondern ein Zeichen aktiver magmatischer Prozesse direkt unter dem Vogtland. Man kann sich das vorstellen wie einen sehr langsamen Vulkan, der nicht ausbricht, sondern nur ab und zu tief unten drückt – mit spürbaren, aber nicht gefährlichen Auswirkungen an der Oberfläche.

Nachrichten Vogtland
TransGEO: 848.000 Euro für den Untergrund

In diesen wissenschaftlichen Kontext tritt nun das Projekt TransGEO. Der Begleitausschuss des Interreg-Programms Sachsen-Tschechien hat das Vorhaben am 25. und 26. März 2026 bei seiner Sitzung in Ústí nad Labem als eines von 14 neuen Projekten bewilligt. Das Gesamtpaket für alle 14 Vorhaben umfasst 12,91 Millionen Euro; auf TransGEO entfallen davon knapp 848.000 Euro.

Hinter dem Projekt stehen vier Institutionen: die TU Bergakademie Freiberg, das Geophysikalische Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag, die Karlsuniversität Prag und das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. Das Ziel ist ein grenzüberschreitendes Bild des Untergrunds: durch gemeinsame seismische und gravimetrische Messungen soll ein einheitliches Untergrundmodell entstehen. Parallel dazu wird ein gemeinsamer Erdbebenkatalog aufgebaut – eine grenzübergreifende Datenbasis, die künftig sowohl die Geothermie-Erkundung als auch die seismische Überwachung fundieren soll.

Wer Geothermie im Vogtland erschließen will, muss verstehen, wie der Untergrund aufgebaut ist und wo die aktiven Störungszonen verlaufen. Und wer die Erdbeben besser überwachen will, braucht ebenfalls ein genaues Bild des Untergrunds. TransGEO verbindet beides.

Chance und Risiko liegen nah beieinander

Das Vogtland ist geothermisch eine der interessantesten Regionen in Sachsen – aber auch eine der sensibelsten. Genau dort, wo die Wärme am stärksten aus der Tiefe drängt, ist der Untergrund auch am aktivsten. Das stellt die Geothermie-Nutzung vor eine zentrale Frage: Kann das Einbringen oder Entnehmen von Flüssigkeiten aus dem Untergrund die ohnehin vorhandene natürliche Seismizität verstärken?

Für Geothermie-Projekte anderswo – Basel 2006, Pohang in Südkorea 2017 – hat sich gezeigt: Ja, es kann. Dort wurden durch hydraulische Stimulationen Erdbeben ausgelöst, die über das tolerierbare Maß hinausgingen. Im Vogtland, wo die natürlichen Fluidbewegungen ohnehin aktiv sind, ist das eine Frage, die ernst genommen werden muss.

Die Fachleute unterscheiden dabei zwischen induzierten Erdbeben – also solchen, die durch menschliche Eingriffe direkt ausgelöst werden – und der Frage, ob ein Eingriff bestehende natürliche Prozesse beeinflusst. Letzteres ist im Vogtland schwerer zu beantworten, weil der natürliche Hintergrundlärm, wie Seismologen sagen, hier besonders hoch ist. Ein solides Untergrundmodell, wie es TransGEO anstrebt, ist eine Grundvoraussetzung dafür, diese Wechselwirkungen überhaupt abschätzen zu können.

Parallel dazu läuft seit Sommer 2025 das bislang größte seismische Experiment in der Region: das ELISE-Experiment (Eger Large Seismic Experiment) des GFZ Potsdam. Rund 300 temporäre Seismometer wurden über ein 100 mal 100 Kilometer großes Gebiet im Vogtland und Nordwestböhmen verteilt. Sie sollen die Erdkruste tomografisch kartieren – ähnlich wie ein medizinischer Computertomograf, nur mit Erschütterungswellen statt Röntgenstrahlen. Die Daten aus ELISE und aus TransGEO werden sich ergänzen.

INFO: Schwarmbeben im Vogtland – die wichtigsten Fakten

Das Vogtland und Westböhmen gehören zu den seismisch aktivsten Gebieten Mitteleuropas, obwohl hier keine großen Plattengrenzen verlaufen. Seit dem 19. Jahrhundert sind regelmäßige Erdbebenschwärme dokumentiert; der Begriff „Schwarmbeben” wurde für diese Region geprägt. Schwarmbeben unterscheiden sich von klassischen Erdbeben dadurch, dass es kein einzelnes Hauptbeben gibt, dem Nachbeben folgen – stattdessen treten viele gleichstarke oder unregelmäßige Ereignisse über einen längeren Zeitraum auf. Das Überwachungsnetz WEBNET der Tschechischen Akademie der Wissenschaften registriert mit 24 Stationen in der Region auch schwächste Beben. Der Schwarm 2024 bei Klingenthal-Kraslice umfasste mehr als 8.000 registrierte Ereignisse mit Magnituden von –0,5 bis 2,7 und war das stärkste Schwarmbeben der Region seit 1897. Mehr Informationen: gfz.de

Quellen:
GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung, Pressemitteilung vom 16. Januar 2026 | Büyükakpinar et al., Communications Earth & Environment, Januar 2026 (DOI: 10.1038/s43247-025-03019-0) | Sächsischer Medienservice, Pressemitteilung 25./26. März 2026, medienservice.sachsen.de | Interreg Sachsen-Tschechien 2021–2027, sn-cz2027.eu | GFZ: ELISE-Experiment, gfz.de | Bundesverband Geothermie, geothermie.de | Geologie Sachsen, geologie.sachsen.de

Nachrichten Vogtland
Website | + posts

Nach 20 Jahren Krieg, Krise und dem großen Ganzen journalistisch in das beschauliche Vogtland gewechselt. Ein Momentesammler und Geschichtenerzähler. Neugierig, nahe an den Menschen und manchmal ein bisschen frech. :) Autorenprofil/Vita

Werbung

Vogtland Shop