Mit „Wo Feen Nester bauen und Kobolde aus Büchern schlüpfen – Bilder zum Verlorengehen“ ist vor wenigen Tagen ein Buch erschienen, das genau das tut, was sein Untertitel verspricht: Man kann sich darin verlieren. Herrlich, gründlich und mit dem leisen Verdacht, dass hinter der nächsten gemalten Ecke schon wieder etwas sitzt, fliegt, schwimmt oder seine Nase aus einem Versteck steckt.
Wenn der Pinsel übernimmt
Man kennt Cornelia Funke als die Frau, die Türen in andere Welten öffnet. Hinter ihnen warten Tintenherz und Drachenreiter, wilde Hühner, Gespensterjäger und zahllose Geschöpfe, die Generationen von Kindern begleitet haben. Doch Funke ist nicht nur Schriftstellerin. Sie ist auch Illustratorin – und genau diese Seite bekommt in ihrem neuen Buch ungewöhnlich viel Raum. Die Entstehungsgeschichte passt dabei wunderbar zu dem Buch selbst. Alles begann mit einer Frage: Wer lebt eigentlich hinter den Fenstern des Kalenderhauses aus „Hinter verzauberten Fenstern“?
Die Autorin wollte es offenbar selbst genauer wissen. Also begann sie eines Abends, das Haus zu malen. Nicht klein, sondern so groß, dass sie tatsächlich in seine Fenster schauen konnte. Und plötzlich gab es dort immer mehr zu entdecken. Aus einem Bild wurde ein zweites. Dann ein drittes. Das Malen wurde zum abendlichen Gegenstück zum Schreiben. Nach einem Tag voller Wörter durften Farben übernehmen und ihre eigenen Geschichten erzählen. Inzwischen, erzählt Cornelia Funke, liege neben ihrem Sofa stets ein großes DIN-A1-Blatt bereit. Pinsel und Farben würden gar nicht mehr weggeräumt.

Zufluchtsort für Fabelwesen
Auf den großformatigen Seiten öffnen sich ganze Welten. Da gibt es einen Urwald, durch den Papageienreiter ziehen, und einen Feenwald, in dem Blumen plötzlich Dimensionen annehmen, die einen Menschen ziemlich klein aussehen lassen würden. Wer Wasser dem Waldboden vorzieht, kann stattdessen die Stadt der Meerleute besuchen. Sie haben ihre Heimat dort eingerichtet, wo Menschen eigentlich nur noch Wracks vermuten würden: in gesunkenen Schiffen.
Und dann wäre da noch MÍMAMEIÐR, ein Zufluchtsort für Fabelwesen. Hier können einem Fossegrim, Troll oder Homunkulus begegnen – Wesen, bei denen man spätestens merkt, dass Funkes Fantasie keine besonders große Freude an übersichtlichen Grenzen hat. Selbst ein Bücherregal ist bei ihr kein harmloses Möbelstück. Im Regal von Isotta Poggi in Ombra warten Geschichten innerhalb der Geschichte. Und wer allzu neugierig nach einem Buch greift, sollte sich vor einem gehörnten Marder in Acht nehmen.
Hier darf man sich festgucken
Das eigentlich Zauberhafte dieses Buches liegt deshalb nicht darin, möglichst schnell von Seite eins bis Seite 40 zu kommen. „Wo Feen Nester bauen und Kobolde aus Büchern schlüpfen“ möchte langsam betrachtet werden. Die großformatigen Wimmelbilder stecken voller winziger Szenen, Wesen und Nebengeschichten. Der Blick wandert über eine Seite, bleibt irgendwo hängen, zieht weiter – und kehrt plötzlich zurück, weil da doch gerade etwas war. War dieses Wesen eben schon dort? Was macht der kleine Kerl da hinten? Und was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Fenster? Man beginnt zu suchen. Dann zu entdecken. Und irgendwann auch zu lächeln.
Genau darin liegt die besondere Qualität dieses Buches. Die Bilder erklären nicht alles. Sie lassen Platz. Für Fragen, Vermutungen und Geschichten, die vielleicht überhaupt nicht von Cornelia Funke stammen, sondern erst im Kopf desjenigen entstehen, der gerade vor ihnen sitzt. Ein Kind wird möglicherweise etwas völlig anderes darin entdecken als ein Erwachsener. Und beim nächsten Anschauen findet vermutlich jeder wieder etwas Neues.
Alte Bekannte treffen auf neue Wesen
Dabei bevölkern nicht ausschließlich neue Geschöpfe diese Welten. Funke lässt bekannte Figuren ihres literarischen Kosmos auf neue fantastische Wesen treffen. Das macht das Buch für langjährige Leserinnen und Leser zu einer Art Wiedersehen – allerdings ohne dass man Funkes Bücher kennen müsste, um sich darin zurechtzufinden. Oder besser gesagt: um sich darin nicht zurechtzufinden. Denn Orientierung ist hier gar nicht unbedingt das Ziel.
Das Buch ist vielmehr eine Einladung, die eigene Fantasie wieder einmal von der Leine zu lassen. Gemeinsam zu schauen, Dinge zu benennen, Geschichten weiterzuspinnen oder einfach nur darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, selbst durch diese Wälder zu laufen. Das funktioniert mit Vierjährigen ebenso wie mit Menschen, deren vierter Geburtstag schon einige Jahrzehnte zurückliegt. Offiziell wird das Wimmelbuch ab vier Jahren empfohlen.

Das Buch
Cornelia Funke: „Wo Feen Nester bauen und Kobolde aus Büchern schlüpfen – Bilder zum Verlorengehen“
kunstanstifter Verlag
40 Seiten, Hardcover
Format: 27 × 37 Zentimeter
ISBN 978-3-948743-66-6
Erschienen am 3. September 2026
Altersempfehlung: ab 4 Jahren
Preis: 28 Euro
Cornelia Funke kehrt zu ihren zeichnerischen Wurzeln zurück
Dass die Bilder eine solche Kraft entwickeln, ist kein Zufall. Bevor Cornelia Funke weltweit mit ihren Geschichten bekannt wurde, arbeitete sie als Illustratorin. Auch eigene Bücher hat sie immer wieder selbst bebildert. Mit den neuen Wimmelwelten rückt diese Seite ihrer Arbeit nun ganz bewusst in den Mittelpunkt. Das Buch war dabei zunächst überhaupt nicht geplant. Funke malte die großformatigen Bilder aus Freude am Malen. Und möglicherweise sollte man danach das eigene Bücherregal ein wenig aufmerksamer im Auge behalten. Nur für den Fall, dass tatsächlich irgendwo ein Kobold herausschlüpft.
Verlosung
Der Vogtlandstreicher.de verlost einmal „Wo Feen Nester bauen und Kobolde aus Büchern schlüpfen“. Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren. Das Gewinnspiel läuft vom 12. September 2026 bis zum 20. September 2026 um 0 Uhr. Die Teilnahme erfolgt per E-Mail mit Angabe von Name und Wohnort an gewinnspiel@vogtlandstreicher.de an mit dem Betreff „Feen“. Unter allen Einsendungen wird ausgelost und die Gewinner werden bis spätestens 22. September 2026 per E-Mail informiert. Die Teilnahmedaten werden nur für die Dauer des Gewinnspiels gespeichert und anschließend gelöscht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
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Wo Feen Nester bauen: Cornelia Funke lässt diesmal ihre Bilder Geschichten erzählen

