Nachrichten VogtlandKommentar: Meine Stimme, meine Meinung, meine Sache

Warum glauben wir inzwischen so häufig, ein Mensch müsse seine Meinung öffentlich kundtun, damit wir ihm zugestehen, überhaupt eine zu haben?

Eine Künstlerin will sich vor einer Wahl nicht politisch vereinnahmen lassen. Dafür bekommt sie Zustimmung – und Kritik. Dabei berührt ihr Video eine Frage, die weit über diesen konkreten Fall hinausgeht: Müssen Menschen sich heute eigentlich zu allem öffentlich positionieren?

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Es sind fünf Worte, die erstaunlich viel Sprengkraft besitzen: „Meine Stimme gehört mir.“ Annemarie Eilfeld hat sie in einem Video ausgesprochen, in dem sie erklärt, warum sie sich nicht an politischen Kampagnen beteiligen und keine Wahlempfehlung abgeben möchte. Sie wolle sich weder für noch gegen eine Partei vor einen politischen Karren spannen lassen. Ihre politische Meinung bleibe privat.

Wir leben in einer Zeit, in der nahezu alles öffentlich verhandelt wird. Essen, Urlaub, Beziehungen, Erfolge, Niederlagen – und zunehmend auch politische Überzeugungen. Wir haben uns daran gewöhnt, von Menschen des öffentlichen Lebens Statements einzufordern. Wer eine große Reichweite besitzt, bekommt deshalb schnell noch eine zusätzliche Aufgabe zugeschrieben: Positioniere dich. Sag, wo du stehst. Wer schweigt, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck.

Doch seit wann gehört eine politische Stellungnahme zwingend zur Stellenbeschreibung von Künstlerinnen und Künstlern? Natürlich dürfen Sänger, Schauspielerinnen und alle anderen Kunstschaffenden politisch sein. Kunst war es immer wieder. Sie darf provozieren, widersprechen, anklagen und unbequem werden. Künstlerinnen und Künstler dürfen demonstrieren, unterstützen, widersprechen und ihre Reichweite für Überzeugungen nutzen. Aber aus diesem Recht darf keine Pflicht werden.

Denn Freiheit bedeutet nicht nur, seine Meinung sagen zu dürfen. Freiheit bedeutet ebenso, selbst entscheiden zu dürfen, wann, wo und ob man sie mit anderen teilt. Niemand muss erklären, wo er sein Kreuz setzt. Niemand muss seine Entscheidung vor Freunden, Kollegen oder seinem Publikum rechtfertigen. Und eine große Reichweite hebt dieses Recht nicht auf.

Wenn Menschen nur noch dann als „mutig“ gelten, wenn sie die erwartete Position vertreten, wird aus einem persönlichen Bekenntnis schnell ein Ritual. Und wenn Schweigen automatisch verdächtig erscheint, hat die Debatte ein Problem.

Gerade wer auf der Bühne steht erlebt etwas, das andernorts immer schwieriger zu werden scheint: Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten, Weltanschauungen und politischen Überzeugungen stehen gemeinsam vor einer Bühne. Für ein paar Stunden singen sie denselben Refrain, lachen über dieselbe Pointe oder sind von derselben Geschichte berührt. Vielleicht eine Erinnerung, die zwei Menschen miteinander verbindet, obwohl sie außerhalb dieses Saales kaum etwas gemeinsam haben. Und vielleicht liegt genau darin etwas, das unserer Gesellschaft manchmal erstaunlich schwerfällt: Unterschiede auszuhalten, ohne sofort Trennlinien daraus zu machen.

Wer sich also politisch positionieren möchte, soll es tun. Laut, deutlich, unbequem. Wer seine politische Überzeugung für sich behalten möchte, darf aber genauso entscheiden. Denn Demokratie lebt nicht davon, dass alle öffentlich erklären, was sie denken. Sie lebt davon, dass Menschen frei denken, frei sprechen, frei widersprechen – und selbst entscheiden dürfen, was davon privat bleibt.

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Video von Annemarie Eilfeld: https://www.instagram.com/p/DctGL6HIVQC

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