Titelfoto: Ben Wolf
Seit fast zwei Jahrzehnten steht der Singer-Songwriter Pohlmann für handgemachte Musik. Seine Lieder erzählen von Aufbruch, Zweifeln, Liebe und dem ganz normalen Leben – mal leicht und hoffnungsvoll, mal nachdenklich und tiefgründig. Viele haben als erstes seinen Song „Wenn jetzt Sommer wär’“ im Ohr.
Jetzt meldet sich der Wahl-Hamburger mit seinem neuen Album „Beweggründe“ zurück – einer Platte, die persönlicher kaum sein könnte. Nach der geplanten Veröffentlichung im August 2026 geht es im Herbst direkt auf Tour.
Über das Album, die Geschichten hinter den Liedern und noch viel mehr spricht Ingo Pohlmann im Interview:
Vor ziemlich genau 20 Jahren wurde “Wenn jetzt Sommer wär” zum Soundtrack eines Sommers. Was löst der Song heute noch in dir aus?
Musiker ist ein unsicherer Job sagte man mir. Lass das lieber. Jetzt bin ich schon 20 Jahre bei der Firma. Nein im Ernst, ich empfinde tiefe Dankbarkeit, dass ich diese Möglichkeit hatte und habe. Daraus entstand auch ein immer größeres Verantwortungsgefühl gegenüber der Message und der Musik die man vertritt.
In deiner Presseinfo heißt es, dass schon damals die Suche nach Wahrhaftigkeit in deiner Musik steckte. Würdest du sagen, dass du heute näher an dieser Wahrhaftigkeit bist ?
Wahrhaftigkeit ist vielleicht ein zu pathetisches Wort, aber am Ende… worum geht es denn? Authentizität entsteht auch durch das „sich wundern“. Das ist die Energiequelle mit der wir die Suche nach uns selbst beginnen. Das tun wir als Persönlichkeit und als Teil der Menschheit innerhalb eines Evolutionsprozesses. Wir, die wir gerade existieren, haben ein Bewusstsein, das einerseits Epochal bestimmt ist und sich gleichermaßen uralt von Schädel zu Schädel weiterreicht. Das hat mich schon immer fasziniert und schwingt in vielen Liedern mit.
In “Fallrückzieher auf Kopfsteinpflaster” singst du über moralische Widersprüche. Fällt es dir selbst schwer, diese auszuhalten?
Ja, sehr. Aber solange ich mir das soeben genannte „wundern“ erhalte, entgehe ich der Depression und finde Hoffnung und Wege.
“Karre of Love” beschreibt eine Liebe, die nicht perfekt ist, sondern weiterfahren will. Ist das für dich die realistischere Vorstellung von Liebe?
Wer den Anspruch auf perfekte Liebe erhebt, hat schon verloren denke ich. In dem Song geht es darum, genau das zu akzeptieren, um die schwierigen Phasen zu entlasten. So war zumindest meine Hoffnung. Der Song ist eine Durchhalteparole für alle die, die an ihrer Beziehung festhalten wollen. So geht es den meisten glaube ich und deswegen ist es vielleicht das wichtigste Lied auf der Platte.
Nach der Arbeit mit Labels hast du dieses Mal das Album durch Crowdfunding finanziert. Eine Folge der massiven Veränderung der Branche?
Das denke ich. Einen sinnvollen Plattenvertrag bekommst du eher als Influencer oder Musiker:in. Ich habe nicht diese Quantität. Und Qualität zählt wie immer nur bedingt. Natürlich gibt es auch mega gute Künstler:innen mit viel Erfolg. Das möchte ich nicht unterschlagen. Aber es geht heute sehr nach Followerzahlen. Das sieht dann auch mal so aus, dass jemand eine Million Follower:innen hat, aber 300 Leute zum Konzert kommen. Ein schwieriges Thema. Die Plattenfirmen wollen was von den Live-Tickets, der Gema, Merch usw.. Das bekommt eigentlich der Verlag und die Merchfirma. Vom Kuchen bleibt dann für die Künstler:innen nicht mehr viel. Dann geht die Plattenfirma mit dem Vorschuss für die Produktion auch noch kaum ins Risiko. Ich kann es auf der einen Seite auch verstehen. Die Zeiten haben sich verändert. Ich habe gesagt, dann mache ich es lieber selbst und habe 14.000 treue Follower:innen. Das Crowdfunding hat nach drei Monaten 65.000 Euro eingespielt. Damit haben mir die Leute gesagt ,dass sie wollen, dass ich weitermache. Es hatte mich zu Tränen gerührt.
Worauf freust du dich bei der kommenden Tour am meisten?
Es wird anders und das ist gut so. Mein Leben war in den vergangenen zwei Jahren einem extremen Auf und Ab unterworfen. Ein zweifacher Bandscheibenvorfall im Nacken führte zu einer Tourabsage, einer OP und das Verschieben des Albums. Die Kraft in meinen Fingern ist teilweise zurückgekommen, aber wir nehmen dieses Mal Jonathan Kluth mit, der den Abend eröffnen wird und mich jetzt schon bei der Fury in the Slaughterhause Tour begleitet. Er ist ein genialer Songwriter mit eigenem Solokünstleraufschlag. Er ist ein Multiinstrumentalist und das heißt, wir sind zwar ein eingeschworenes Trio seit ca. 15 Jahren, aber wir kommen jetzt als Quartett. Wir haben abgesehen von Hagen am Cello und Reiner an den Drums jetzt einen Hammer Pianisten, Gitarristen, Geigenspieler und Sänger mit in unserem Programm. Und bei den fünf Songs, bei denen ich jetzt nicht mehr Gitarre spiele, habe ich endlich mal Zeit, mich um das Publikum zu kümmern.
Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren an Pohlmann am meisten verändert – und was überhaupt nicht?
Mehr Falten aber immer noch langes Haar. Hinten zumindest…
Wann hast du zuletzt einen Moment erlebt, in dem du dachtest: “Genau deshalb mache ich Musik.“
Jedes Mal, wenn ich auf der Bühne stehe. Das weiß, wer uns schon dreimal hintereinander gesehen hat.
Wo siehst du dich in den nächsten zehn Jahren: eher auf der Bühne, im Studio oder ganz woanders?
Auf der Bühne.
Was wäre heute dein persönlicher Satz nach “Wenn jetzt Sommer wär …”?
… sollte es weiterhin auch mal regnen.
.
Nachgefragt bei…Ingo Pohlmann
| Lieblingsessen: Nudeln mit selbstgemachtem Pesto |
| Lieblingsmusik: Derzeit : The War On Drugs |
| Lieblingswort: „Tohuwabohu” kann ich nur sagen wenn ich es lese. Hm, das fällt mir gerade dazu ein, aber ist das wirklich mein Lieblingswort ? |
| Lieblingsort: Eine Großstadt bei Nacht, eine Höhle am Strand vor einem klaren blauen Meer. |
| Lieblingsmoment: Schwimmen durch einen Schwarm Fische. Sonnenuntergang und der Morgen danach. |
Tourtermine „Beweggründe Tour 2026“
| Datum | Ort | Location |
|---|---|---|
| 01.10.2026 | Nürnberg | Club Stereo |
| 02.10.2026 | München | Ampere |
| 03.10.2026 | Würzburg | Jugendkulturhaus Cairo |
| 04.10.2026 | Stuttgart | Im Wizemann (Studio) |
| 23.10.2026 | Frankfurt am Main | Brotfabrik |
| 24.10.2026 | Bergneustadt | Krawinkel-Saal (Liedermacher Tage) |
| 28.10.2026 | Köln | Kulturkirche |
| 29.10.2026 | Bochum | Bahnhof Langendreer |
| 30.10.2026 | Braunschweig | KufA Haus |
| 31.10.2026 | Worpswede | Music Hall |
| 06.11.2026 | Wilhelmshaven | Kulturzentrum Pumpwerk |
| 11.11.2026 | Berlin | FRANNZ Club |
| 12.11.2026 | Leipzig | Naumanns Tanzlokal |
| 13.11.2026 | Münster | Gleis 22 |
| 18.11.2026 | Rostock | Helgas Stadtpalast |
| 19.11.2026 | Flensburg | Kühlhaus |
| 20.11.2026 | Hamburg | FABRIK |
| 21.11.2026 | Lübeck | Rider’s Café |
Seit fast zwei Jahrzehnten die neutrale Stimme im Vogtland. Mit Leidenschaft und Nähe zu Menschen und Themen, auch weit über die Region hinaus. Nah am Puls der Zeit. Und stets mit dem Anspruch, Politik zu lesen, Kunst und Kultur näher zu bringen und am Schleizer Dreieck nicht vom Bike zu fallen.
Pohlmann: “Wer den Anspruch auf perfekte Liebe erhebt, hat schon verloren denke ich.”

