Nickelback lassen zum Auftakt die Gitarren sprechen. Doch „Everything Under the Sun“ entwickelt sich anders, als „Rattle the Cage“ zunächst vermuten lässt: Auf ihrem neuen Album verbinden die Kanadier ihren vertrauten Rocksound mit melodischem Gespür, Nashville-Einflüssen und überraschenden Seitenwegen.
„Rattle the Cage“ macht keine halben Sachen. Die Gitarren greifen kräftig zu, Chad Kroegers Stimme setzt ihre raue Signatur darunter, und John 5 steuert ein Solo bei. Ein Einstieg mit ordentlich Zug – der allerdings eine Härte verspricht, die das Album anschließend keineswegs durchgehend verfolgt.
Schon „Bones for the Crows“ lenkt zurück auf vertrautes Nickelback-Terrain. Druckvolle Rockelemente treffen auf jene eingängige Melodik, mit der die Band ihre Refrains seit jeher groß werden lässt. Der Auftakt war ein Ausrufezeichen. Die folgenden Songs zeigen, wie viele Schattierungen dazwischen Platz finden.
„I Already Know“ gehört zu den frühen Favoriten
Auf dem gerade erschienenen elften Studioalbum, spielen Nickelback ihre melodischen Stärken aus. Besonders „I Already Know“ bleibt früh hängen. Der Song findet unmittelbar ins Ohr und entwickelt dabei genau jene Anziehungskraft, die einen beim nächsten Durchlauf wieder zu ihm zurückführt. Ein erster Favorit auf einer Platte, deren weitere Lieblinge sich durchaus noch herauskristallisieren dürfen.
„Make Me Love You“ setzt ebenfalls auf Melodiegefühl. Kroegers angeraute Stimme gibt den weicheren Linien eine griffige Oberfläche. In dieser Verbindung liegt eine wesentliche Qualität der Band: Nickelback können Gefühl groß aufziehen, ohne ihre rockige Handschrift aus dem Blick zu verlieren.
Das Verhältnis zwischen Gitarrendruck und Eingängigkeit bestimmt weite Teile des Albums. Nach dem energischen Einstieg verschiebt sich das Gewicht deutlich in Richtung Melodie. Wer auf eine durchgehend harte Platte gehofft hat, dürfte hier zunächst umdenken müssen.
„Chasin’ Famous“ gibt den Gitarren wieder mehr Biss
Mit „Chasin’ Famous“ werden die Zügel wieder angezogen. Der stärkere Gitarrensound raut das Klangbild auf und bringt frische Spannung in den Ablauf. Der Song schert ein Stück weit aus, ohne wie ein Fremdkörper zu wirken. Gerade zwischen den melodischeren Nummern entfaltet dieser kräftigere Zugriff seine Wirkung.
Solche Wechsel halten das Album in Bewegung. Die Band muss dafür ihren Sound kaum grundsätzlich verändern: Manchmal genügt es, die Gitarren weiter nach vorn zu schieben und den Songs etwas mehr Kante zu geben.
Nashville-Farben und Indie-Züge erweitern den Bandsound
An anderen Stellen öffnen Nickelback ihren Klang deutlicher. Für das Album arbeitete die Band auch mit Songwritern und Produzenten aus Nashville zusammen. Diese Einflüsse werden hörbar, besonders im Umfeld von „Technicolor Steamboat“. Hier weitet sich die musikalische Perspektive; andere Klangfarben treten zwischen die vertrauten Rockelemente und geben dem Album zusätzliche Konturen.
Auch „Last Night Was Fun“ setzt einen eigenen Akzent. Der Abschluss hat Indie-Züge und lässt die Platte mit einer etwas anderen Färbung auslaufen. Ein reizvoller Schlusspunkt, der zeigt, wie beweglich der Nickelback-Sound sein kann.

Fazit:
„Everything Under the Sun“ beginnt mit geballter Faust und öffnet anschließend die Hand. Die Härte von „Rattle the Cage“ bleibt ein Teil des Albums; prägender sind jedoch die vertraute Mischung aus rauer Stimme, griffigen Gitarren und großen Melodien sowie die Ausflüge in andere Klangwelten. Eine Platte, die ihren Wiedererkennungswert kennt und trotzdem Platz für neue Farben lässt.

Nickelback auf Deutschlandtour: Mit „Everything Under the Sun“ im Gepäck bringen die Kanadier ihre rauen Gitarren und großen Refrains im Juni 2027 auf vier deutsche Arenabühnen:
- 9. Juni 2027: Köln, LANXESS arena
- 11. Juni 2027: Hannover, ZAG Arena
- 14. Juni 2027: Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle
- 19. Juni 2027: München, Olympiahalle
Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
Nickelback: „Everything Under the Sun“ zwischen rauen Riffs und großen Melodien

