Ein Staat verschwindet, seine Geschichte bleibt. In „Die Täter sind unter uns“ beschäftigt sich der Historiker Hubertus Knabe mit dem Umgang mit der SED-Diktatur nach der Wiedervereinigung. Die aktuelle Ausgabe gibt Anlass, über Verantwortung, Gerechtigkeit und die Erinnerung an politische Verfolgung nachzudenken.
Erinnerungen halten sich selten an historische Trennlinien. Sie bewahren Kindheit und Freundschaften, den ersten Urlaub und das vertraute Stück Alltag. Auch die Erinnerung an die DDR besteht aus solchen persönlichen Geschichten. Doch wie lässt sich ein vergangenes Leben würdigen, ohne dabei das politische System zu verklären? Und welchen Platz finden diejenigen, deren Biografien von Überwachung, Haft und staatlicher Willkür geprägt wurden?
An dieser empfindlichen Stelle setzt Hubertus Knabes Buch an. Der Historiker untersucht den Umgang mit der DDR-Vergangenheit und vertritt dabei eine deutliche These. Die Aufarbeitung blieb hinter dem zurück, was die Opfer gebraucht hätten.
„Die Täter sind unter uns“ fragt nach Verantwortung
Im Mittelpunkt steht die Zeit nach dem Ende der DDR. Knabe beschäftigt sich mit der Frage, wie ehemalige SED-Funktionäre und Stasi-Mitarbeiter ihren Weg im vereinten Deutschland fanden, während politisch Verfolgte um Entschädigung und Anerkennung rangen.
Seine Bilanz fällt kritisch aus. Nach seiner Einschätzung wurden Täter nur unzureichend zur Verantwortung gezogen und die Opfer zu häufig alleingelassen. Auch die politische und organisatorische Kontinuität der einstigen Staatspartei gehört zu den Themen seiner Darstellung. Der Verlag beschreibt das Buch entsprechend als kritische Auseinandersetzung mit den Versäumnissen nach der Wiedervereinigung.
Daraus ergeben sich Fragen, die über die DDR-Geschichte hinausreichen: Wann ist ein Unrecht aufgearbeitet? Reichen zugängliche Akten und historische Erkenntnisse aus? Oder bemisst sich der Erfolg auch daran, welche Anerkennung die Betroffenen erfahren?
Hubertus Knabe: Historiker mit langjähriger Erfahrung
Der Autor hat sich über viele Jahre mit dem DDR-Staatssicherheitsdienst und politischer Verfolgung beschäftigt. Von 2000 bis 2018 leitete er die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen am Ort des ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnisses der Staatssicherheit.
„Die Täter sind unter uns“ erschien erstmals 2007 im Propyläen Verlag. Die aktuelle Paperback-Ausgabe wurde am 18. Mai 2026 bei Langen Müller veröffentlicht. Damit kehrt ein bereits länger geführter Debattenbeitrag in einer neuen Ausgabe auf den Buchmarkt zurück.
Buchtipp für alle, die über Erinnerung diskutieren möchten
Knabes Buch bietet einen ausdrücklich kritischen Zugang zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seine Position ist klar erkennbar: Er wendet sich gegen eine Verharmlosung des Regimes und rückt die aus seiner Sicht unzureichend berücksichtigten Erfahrungen der Opfer in den Mittelpunkt.
Gerade für Gespräche zwischen den Generationen liegt darin ein interessanter Ausgangspunkt. Was die einen selbst erlebt haben, kennen die anderen aus Unterricht, Familienerzählungen oder Dokumentationen. Diese unterschiedlichen Zugänge zusammenzubringen, verlangt Aufmerksamkeit für persönliche Erfahrungen ebenso wie für historische Zusammenhänge. Als Buchtipp richtet sich „Die Täter sind unter uns“ an Leserinnen und Leser, die sich mit deutscher Zeitgeschichte, Erinnerungskultur und den Folgen einer Diktatur beschäftigen möchten.
Buchinformationen:
Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur
Langen Müller, Paperback, 376 Seiten
Erschienen am 18. Mai 2026
Preis: 25 Euro
ISBN: 978-3-7844-3770-5.
Seit zwei Jahrzehnten journalistisch unterwegs – mit offenen Ohren, kritischem Blick und Freude an Sprache. Im Vogtland verwurzelt, weit darüber hinaus neugierig. Ihr Fokus liegt auf Kunst und Kultur sowie den Menschen dahinter. Unvoreingenommen im Gespräch, differenziert im Urteil, mit Gespür für Zwischentöne und der Freude daran, andere für Neues zu begeistern.
„Die Täter sind unter uns“: Hubertus Knabe – das Buch zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

